China: Ist der Patient gesund oder krank?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 15. Oktober 2015

Mit Argusaugen schaut die Welt in diesen Tagen auf die aus China kommenden wirtschaftlichen Daten. Man sucht nach neuen Indizien, die einen klareren Aufschluss über die aktuelle wirtschaftliche Lage im Reich der Mitte ermöglichen.

Die angestrengte Suche kommt nicht überraschend, denn die Talfahrt der Börsen in Shanghai und Shenzhen im Sommer können die Anleger nicht ignorieren. Handelt es sich nur um eine Spekulationsblase am Kapitalmarkt, die gerade geplatzt ist, oder sind die fallenden Kurse der Vorbote einer kommenden schweren Rezession?

Da die Börse der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung in der Regel um etwa sechs Monate vorausläuft, ist die Frage absolut berechtigt und die Nervosität der Anleger mehr als verständlich.

Außenhandel weiterhin stabil

Für den hinter uns liegenden Monat September meldete die chinesische Regierung jüngst Zahlen, die erfreulicher ausfielen als viele Analysten und Kommentatoren es erwartet hatten.

Es ergab sich ein Handelsbilanzüberschuss in Höhe von 60,3 Milliarden US Dollar. Im August 2015 hatte der Überschuss mit 60,2 Mrd. US Dollar nur geringfügig tiefer gelegen. Eine radikale Abschwächung des Handels war somit nicht zu beobachten.

China bleibt weiterhin die Werkbank der Welt. Es exportiert seine Güter und importiert im Gegenzug Rohstoffe auf hohem Niveau. Die chinesischen Exporte beliefen sich im September auf 205,6 Milliarden US Dollar nach „nur“ 196,9 Mrd. US Dollar im Monat zuvor.

Der Export erreichte damit wieder das im Dezember 2014 markierte Niveau. Die weltweite Nachfrage nach in China produzierten Gütern ist somit weiterhin hoch. Ein Element, das nicht unbedingt auf eine heraufziehende wirtschaftliche Schwäche verweist.

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, wie es derzeit um die Nachfrage innerhalb des Landes bestellt ist. Verharrt auch sie auf hohem Niveau oder gibt es hier Anzeichen von Schwäche?

Hohe Kupfereinfuhren als Zeichen der Entwarnung?

Ein erster Indikator zur Beantwortung dieser Frage sind die am Dienstag von der chinesischen Zollbehörde veröffentlichten Handelsdaten für den Monat September. Aus ihnen geht hervor, dass China im letzten Monat überraschend viel Kupfer und Eisenerz importiert hat.

Die Kupfereinfuhren stiegen im Vergleich zum Vormonat um gut 30 Prozent auf 460.000 Tonnen. Eine derart große Menge Kupfer wurde zuletzt im Januar 2014 ins Land eingeführt.

Begünstigt wurde der Anstieg der Importe durch zwei Faktoren: Chinesische Händler konnten Preisunterschiede an den Börsen in London und Shanghai für sich nutzen. Hinzu kamen Käufe, die mit Blick auf die landesweiten Ferien Anfang Oktober vorgezogen wurden.

Es ist also damit zu rechnen, dass feiertags- bzw. ferienbedingt die Kupfernachfrage im Oktober wieder geringer ausfallen wird. Insgesamt hat China in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres 3,39 Millionen Tonnen Kupfer importiert. Das sind 5,5 Prozent weniger als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres.

Auch die Nachfrage nach Eisenerz steigt

Die Kupfernachfrage reagiert immer sehr sensibel auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Das ist im Fernen Osten nicht viel anders als bei uns. Aus diesem Grund ist eine rückläufige Kupfernachfrage immer ein ernst zu nehmendes Signal.

Ein weiterer wichtiger Markt mit Indikatorfunktion ist die Stahlerzeugung. Hier ist die Menge des importierten Eisenerzes von Bedeutung. Sie ist in China im September im Vergleich zum Vormonat um 16 Prozent auf 86,12 Millionen Tonnen gestiegen. In keinem anderen Monat des Jahres hat China ähnlich viel Eisenerz eingeführt.

Aus den steigenden Eisenerzimporten ist allerdings noch kein unmittelbarer Anstieg der Stahlproduktion abzuleiten. Wahrscheinlicher ist, dass die Stahlproduzenten zunächst ihre Lagerbestände wieder etwas aufgefüllt haben, denn in der Zeit von Januar bis September beliefen sich die chinesischen Eisenerzimporte auf rund 699 Millionen Tonnen und lagen damit auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahr.

Eine dramatische Verschlechterung der Lage lassen die Importzahlen nicht erkennen. Wir dürfen aber nicht übersehen, dass in den vergangenen Jahren in China große Überkapazitäten aufgebaut wurden. Die spannende Frage ist also nicht nur, wie viel Kupfer und Eisenerz das Land importiert hat, sondern wie viel Stahl erzeugt wurde und zu welchem Preis er wo abgesetzt werden konnte.

Die eingangs aufgeworfene Frage der Anleger, wie gut es um die chinesische Wirtschaft bestellt ist, wird uns wohl auch noch in den kommenden Monaten beschäftigen. Zwar hat sich der Zustand des Patienten im September nicht gravierend verschlechtert. Aber ein Rückgang des Kupferverbrauchs um 5,5 Prozent ist auch nicht unbedingt ein Zeichen wirtschaftlicher Stärke.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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