Ist der Anleihemarkt in einer Blase?

Ein Finanzminister wird diese Frage vermutlich verneinen und darauf hoffen, dass die Kurse der Staatsanleihen noch lange in jenen schwindelerregenden Höhen verweilen, in denen sie sich derzeit befinden. Bill Gross, der bekannte US-amerikanische Anleihenexperte, warnte kürzlich wieder vor einem epochalen Zusammenbruch, einer „Supernova“, wie er sich ausdrückte.

Seine Argumentation ist bestechend und nachvollziehbar. Sie basiert auf einem Blick in die Geschichte der Finanzmärkte. Steil steigende Kurse an den Börsen waren demnach zu jeder Zeit ein Alarmzeichen erster Güte, denn es gab nie ein Investment, das immer nur steigen konnte.

Irgendwann kam der Punkt, an dem jeder bereits investiert war und nicht mehr über die freie Liquidität verfügte, die notwendig gewesen wäre, um die Blase weiter anzuheizen. So kam, was kommen musste, und die Crashs nahmen ihren Lauf.

Dass auch die Kurse der Staatsanleihen nicht ewig steigen können, liegt für Bill Gross auf der Hand. Er sieht das Ende der Fahnenstange längst erreicht und warnt folglich konsequent vor dem kommenden Unheil.

Hat Bill Gross seine Rechnung ohne die Notenbanken gemacht?

Wären die Staatsanleihen eine gewöhnliche Aktie oder ein normales Investment, so wäre Bill Gross ohne Abstriche zuzustimmen. Eigentlich hätten die Kurse schon längst wieder drehen müssen. Uneigentlich steigen sie aber munter weiter und lassen bislang nicht die geringste Neigung zur Korrektur erkennen.

Der Grund für dieses merkwürdige Phänomen sind die Notenbanken. Sie tun etwas, was sie eigentlich nicht tun sollten: Sie kaufen Staatsanleihen und halten sie über lange Zeiträume in ihrem Bestand, manchmal bis zur Fälligkeit der Anleihe. Der Experte spricht von der Staatsfinanzierung über die Notenpresse, der Volksmund der Einfachheit halber vom Gelddrucken.

Kritiker halten Bill Gross in diesen Tagen vor, dass seine Analyse zwar scharf, jedoch mit einer entscheidenden Schwäche behaftet ist. Sie überträgt das Geschehen an den Aktien- und Immobilienmärkten 1:1 auf die Staatsanleihen und prophezeit deren baldigen Crash. Dabei übersieht sie das stabilisierende Element der Notenbanken.

Diese erschaffen ihr Geld aus dem Nichts und sie sind damit der einzige Käufer am Markt, der nie in die Verlegenheit kommen wird, dass ihm das Geld zum Ankauf weiterer Bonds ausgehen könnte. Notenbanken, so die durchaus nachvollziehbare Argumentation der Kritiker, können daher prinzipiell immer und zu jedem Preis kaufen, und wenn und solange sie es tun, werden die Kurse der Staatsanleihen weiter steigen.

Verhindern die Notenbanken auf ewig den Crash?

Auch diese Argumentation hat ihre Brillanz und sie ist nur schwer zu widerlegen. Entsprechend sinnvoll ist auch die mit ihr verbundene Warnung, als Anleger nicht auf einen baldigen Crash am Anleihemarkt zu setzen. Die Spekulation könnte sich als falsch herausstellen und den Anleger viel Geld kosten.

Diese Gefahr ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen und wir Laien, ohne direkten Einblick in die internen Diskussionen der Notenbanken, tun uns ohnehin sehr schwer, die weitere Politik der Zentralbanker verlässlich abzuschätzen.

Was also tun? Der Mahnung Bill Gross folgen und den Anleihemarkt shorten, also auf bald fallende Kurse setzen? Das wäre in der Tat ein gefährliches Anlegerspiel gegen die Notenbanken und damit nicht zu empfehlen.

Unverdrossen und zu jedem noch so absurden Preis Staatsanleihen zu kaufen, kann auch nicht der Königsweg sein, denn eine Blase ist und bleibt nun einmal eine Blase, auch wenn sie von allerhöchster Stelle aus kräftig befeuert wird.

Abstinenz als Lösung

Wer nicht mit dem Vertrauen in die Allwissenheit und Allmächtigkeit der Notenbanken gesegnet ist, der wird sich schwertun, sein Geld einem so hohen Risiko auszusetzen. Neue Staatsanleihen zu kaufen, kann also nicht das Ziel sein. Auf ihren schnellen Fall zu setzen aber auch nicht.

Bleibt somit nur noch die Lösung, dem merkwürdigen Treiben, das man einerseits kaum verstehen und andererseits als Anleger überhaupt nicht selbst beeinflussen kann, vollkommen fernzubleiben.

Ein Anleger, der sich so entscheidet, überlässt dem Markt oder der Geschichte darüber zu befinden, wie die Angelegenheit letztlich enden wird. Man selbst bleibt außen vor und ist im Guten wie im Schlechten weitgehend unbetroffen von der Entwicklung.

Es bleibt dann allerdings die Frage, wohin mit dem eigenen Geld. Da die Alternativen auch nicht mehr billig sind, wächst der Anlagenotstand von Tag zu Tag. Außerdem weist der Anleihemarkt rund das doppelte Volumen des Aktienmarktes auf.

Niemals nur linear denken

Eine Ausweichbewegung aller Anleger ist also schon rein faktisch gar nicht möglich, weil die alternativen Märkte viel zu klein sind und diese Fluchtbewegung gar nicht aufnehmen können. Und wenn sie es täten, wären sie sofort selbst in einer gigantischen Blase, aus der man sofort aussteigen müsste.

Läuft die Frage also am Ende doch darauf hinaus, dass sich die Masse der Anleger dafür zu entscheiden hat, ob sie Bill Gross oder seinen Kritikern recht gibt? Ein wenig will es so scheinen.

Dabei gibt es allerdings zu bedenken, dass nicht nur Bill Gross zu linear denkt, indem er die Wirkung der Notenbanken unterschätzt. Auch die Kritiker müssen sich diesen Vorwurf gefallen lassen.

Ihre durchaus schlüssige Argumentation berücksichtigt nicht, dass aufgrund eines politischen Wandels innerhalb der Gesellschaften die Notenbanken gezwungen sein könnten ihre Ankäufe dennoch zu beenden. Dann würde die Blase am Ende doch platzen, nur nicht so schnell, wie Bill Gross es prognostiziert hat.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Neue, unerwartete Entwicklungen haben der Geschichte schon immer Wendungen gegeben, die zuvor nur wenige erwartet hatten. Der Anstoß zu einem Ende der Politik des billigen Geldes und der beständigen Käufe von Staatsanleihen muss nicht von den Notenbanken ausgehen.

Er kann auch aus einer ganz anderen Richtung kommen. Wobei auch ich Ihnen nicht vorab sagen kann, welche Richtung das sein könnte. Ich weiß nur eines: Wenn dieser Anstoß kommt, werden die Kurse der Staatsanleihen dramatisch einbrechen und dann möchte ich als Anleger nicht eine einzige von ihnen in meinem Depot haben.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim


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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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