Silber: Achillesferse Recycling

Hand aufs Herz: Werfen Sie Geld achtlos weg? Vermutlich nicht und doch ist gerade dieser Punkt beim aktuellen Blick auf die beiden Edelmetalle Gold und Silber einer der entscheidenden Unterschiede. Gold und Silber sind nicht nur edle Metalle. Sie sind Geld, echtes Geld. Ein äußerst beständiges und über die Zeit wertstabiles Geld noch dazu. Auch wenn das die Fraktion der Papiergeldjünger nicht so recht wahrhaben will.

Geld wirft man jedoch nicht achtlos weg, sondern sammelt es. Beim Gold ist dieser Zusammenhang auch heute noch sehr schön zu beobachten. In jeder größeren Stadt gibt es eine oder mehrere Stellen, an denen man Altgold verkaufen kann. Meist wird alter Schmuck oder Zahngold verkauft. Seltener sind es alte Münzen und Barren, die zu den Sammelstellen zurückkommen und dort eingeschmolzen werden.

Der Einzelne mag nur einige wenige Gramm Goldschmuck verkaufen, doch unter dem Strich summiert sich die Gesamtmenge auf 1.093 Tonnen Altgold weltweit. Ihnen stand im Jahr 2015 eine globale Nachfrage nach 4.252 Tonnen Gold gegenüber. Etwas mehr als ein Viertel des weltweiten Goldbedarfs lässt sich somit aus alten Beständen durch Umschmelzen relativ leicht decken.

Die Zahlen aus dem vergangen Jahr mögen von den Mengen des Vorjahres leicht abweichen, doch sie geben einen langen, beständigen Trend wieder: Das Gold ist für die meisten Menschen so wertvoll, dass sie es, wenn sie sich von ihm trennen, nicht einfach achtlos wegwerfen, sondern an einen Altgoldhändler verkaufen.

Lohnt sich der Aufwand?

Den alten Goldschmuck zum Händler zu tragen und ihn dort zu verkaufen, kostet Zeit, mitunter sogar viel Zeit, wenn der Edelmetallhändler seine Niederlassung nicht gleich um die Ecke hat. Trotzdem wird diese Zeit von den meisten Goldbesitzern gerne investiert, denn sie wissen, dass das Gold viel zu wertvoll ist, um einfach achtlos entsorgt zu werden.

Gleiches kann man vom Silber leider nicht behaupten. Hier wird ein deutlicher Unterschied zum Gold sichtbar. Zwar wird auch das Silber recycelt, doch im Vergleich zum großen Bruder sind die zurückgewonnenen Mengen eher klein. Laut dem ‚World Silver Survey 2016‘ und dem ‚Silver Scrap Report‘ von Metals Focus wurden 2015 bescheidene 3.266 Tonnen (105 Mio. Unzen) Altsilber wiedergewonnen.

Die Masse dieses Altsilbers stammt aus der Industrie und damit aus Computern, Handys und Flachbildschirmen, die alle ohne Silber nicht funktionieren würden. Der Anteil des Silbers, das aus Silberschmuck wiedergewonnen wird, ist somit nochmals niedriger.

Sie können diesen Unterschied nicht hoch genug werten, denn das Silber wird in den modernen Anwendungen echt verbraucht. Wird es anschließend nur zu einem sehr geringen Teil recycelt, ist der Rest unwiederbringlich verloren.

Ein teurer Luxus

Das ist beim Gold anders. Gold wird nicht verbraucht, sondern in erster Linie gehortet und das wenige Gold, das tatsächlich in der Schmuckindustrie verbraucht wird, gelangt Jahre später über den Altgoldverkauf zu einem großen Teil wieder in den Kreislauf zurück.

Vom heute nachgefragten Gold wurden 26 Prozent in den vergangenen Monaten eingeschmolzen. Beim Silber kommt eine Altsilbermenge von 3.266 Tonnen (105 Mio. Unzen) auf 18.311 Tonnen oder 598 Mio. Unzen Silber, die Jahr für Jahr von der Industrie nachgefragt werden. Das sind gerade einmal 18 Prozent. Zusätzlich zur Nachfrage der Industrie will aber auch noch die Nachfrage der Silberanleger befriedigt werden.

Rechnet man diese noch dazu, verringert sich der Anteil des wiedergewonnenen Silbers auf nur noch acht Prozent der Gesamtnachfrage. Der Unterschied zum Gold könnte kaum größer sein. Das Gold, das eigentlich niemand wirklich benötigt, wird auch als Altgold von den Menschen geschätzt und wieder eingeschmolzen und das Silber, das in der Industrie bei vielen Anwendungen im Grunde nur durch das teurere Gold zu ersetzen wäre, wandert nach Gebrauch zum großen Teil auf den Müll.

Wir sprechen an dieser Stelle wieder nicht von einer isolierten Momentaufnahme aus dem Jahr 2015, sondern von einem Trend, der bereits seit Jahren besteht. Die Welt hat sich also den Luxus geleistet, einen großen Teil ihrer Weltsilberproduktion Jahr für Jahr zu verlieren. Gutheißen kann man diese Verschwendung nicht. Nachvollziehen unter Umständen schon, denn mit 25 Cent Pfand bringt manche Plastikflasche bei der Rückgabe mehr Geld ein als ein gleich schweres Schmuckstück aus Silber.

Umdenken erforderlich

Heute liegt der Anteil des Altsilbers an der gesamten Industrienachfrage bei rund acht Prozent. Im Jahr 2011, als das weiße Edelmetall mit einem durchschnittlichen Jahrespreis von 35 US Dollar je Feinunze besonders teuer war, wurden immerhin 20 Prozent des von der Industrie benötigten Silbers aus Altsilber gewonnen. Das ist mehr als heute, aber immer noch deutlich weniger als der vergleichbare Anteil des Altgolds. Die Zahlen zeigen aber, dass der Preis der ausschlaggebende Faktor ist, der im Wesentlichen darüber entscheidet, ob das Altsilber verkauft oder einfach achtlos weggeworfen wird.

Umdenken müssen nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Edelmetallanleger. Viele von ihnen veranschlagen den Anteil des recycelten Altsilbers zu hoch, denn oft wird angenommen, dass rund die Hälfte des von der Industrie benötigten Silbers aus Altsilber gewonnen werden könnte. Diese Zahl ist entschieden zu hoch. Was bedeutet, dass sich hier eine Lücke auftut, die schnell zu einem größeren Defizit führen könnte.

Da das meiste Silber als Beiprodukt von den Minen gefördert wird, hängt die Menge des Angebots viel stärker vom Preis der Hauptprodukte, in der Regel Gold, Kupfer und Blei und nur wenig vom genuinen Silberpreis ab. Ein spürbarer Rückgang der Gold- bzw. Basismetallproduktion könnte deshalb auch den Silbermarkt sehr schnell in ein strukturelles Defizit führen, das sich kurzfristig nicht über ein verstärktes Recycling ausgleichen lässt.

Zurückgegriffen werden könnte dann nur noch auf die Müllkippen oder das Silber der Investoren. Aber Letztere werden sich hüten, sich von diesem voreilig zu trennen, solange der Preis nicht stimmt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim


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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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