Der Wettbewerb der Systeme ist zurück

Bernd Heim
By Bernd Heim / 25. August 2016

Venezuela ist gescheitert, der sozialistische Traum des Hugo Chavez und seiner Mitstreiter so gut wie ausgeträumt. Die Bevölkerung ist verarmt und die Wirtschaft des Landes liegt am Boden. Hat also wieder einmal der Kapitalismus über den Sozialismus gesiegt?

Bestätigt sich hier erneut die Erwartung des Politologen Francis Fukuyama, dass sich Marktwirtschaft und Demokratie bald überall durchsetzen werden? Fukuyama hat diese Erwartung Ende der 1980er Jahre ausgesprochen und den Siegeszug von Demokratie und Marktwirtschaft als unvermeidlich angesehen. Er sprach damals davon, dass das „Ende der Geschichte“ gekommen sei.

Nun, das Ganze war wohl etwas voreilig, denn heute mehr als ein Vierteljahrhundert und etliche Krisen später steht der Westen längst nicht mehr so souverän als Sieger und weltweit anerkanntes Vorbild da. Gegenwind kommt auf, nicht nur aus dem Ausland, auch in den eigenen Reihen wachsen die Zweifel.

Der einst strahlende Sieger hat Probleme mit seinen Schulden fertig zu werden. Diese sind ihm längst über den Kopf gewachsen und die traditionellen Methoden um sie wieder los zu werden funktionieren nicht mehr. Die Wirtschaft wächst zwar, aber das Wachstum ist viel zu gering, um damit die hohen Schulden wieder zurückführen zu können.

Die permanente Krise und der Ruf nach dem starken Mann

Der Glanz des einstigen Siegers verliert nicht zuletzt deshalb an Strahlkraft, weil sich inzwischen gefühlt eine Krise an die andere reiht. Krisen sind nicht mehr isolierte, außergewöhnliche Ereignisse, sondern mehr die Regel als die Ausnahme. Zudem kommen die Einschläge immer näher, denn es trifft nicht nur exotische Staaten wie Venezuela oder andere Schwellenländer, sondern den Kern der ersten und zweiten Welt.

In den 1990er Jahren schwankten primär die Schwellen- und Entwicklungsländer. Mexiko und Argentinien strauchelten, Asien geriet unter Druck und Russland an den Rand des Zusammenbruchs, doch der Westen präsentierte sich als vergleichsweise stabil. Heute ist das Bild beinahe spiegelverkehrt: Autoritär geführte Staaten wie China oder die Türkei wachsen, während der Westen schlingert.

Krisen beängstigen, und wo die Angst regiert, da ertönt schnell der Ruf nach dem starken Mann oder der starken Frau. Sie können dank ihrer Machtfülle rascher reagieren und auch schärfere Maßnahmen ergreifen als dies einer demokratisch gewählten und kontrollierten Regierung möglich ist.

So verwundert es nicht, dass diese Staaten schneller und souveräner aus der Krise hervorzugehen scheinen. Sind sie deshalb überlegen? Sind sie deshalb generell das zu bevorzugende System? Auf den ersten Blick mag es so scheinen. Auf den zweiten Blick wachsen die Zweifel.

Die Eliten scheitern an ihrer eigenen Hybris

In einer funktionierenden Demokratie können die Bürger die Reißleine ziehen. Sie können eine Regierung abwählen, wenn sie das Gefühl haben, dass diese über das Ziel hinausgeschossen ist. In autoritären Regimen ist das weitaus schwieriger. Wer die Macht hat, lässt nur ungern von ihr und hat in autoritären Regimen auch oftmals den Polizeiapparat aufgebaut, der notwendig ist, um auch gegen den Widerstand der Wähler an der Macht zu bleiben.

Ab einem gewissen Punkt fühlt sich die Elite sogar unantastbar. Sie wird immun gegen Kritik und ignoriert aufkommende Gefahren. Die Katastrophe ist in vielen Fällen dann nicht mehr fern. Das ist bei autoritären politischen Führern ebenso zu beobachten wie bei der Bank- und Finanzelite, die in den Jahren vor der Finanzkrise auch jede Form der Bodenhaftung verloren hatte.

Heute sind die Notenbanken in der Gefahr, sich selbst und ihre Eingriffsmöglichkeiten maßlos zu überschätzen. Nach außen hin geben sie vor, die Lage im Griff und die notwendigen Mittel und Gegenmaßnahmen zur Lösung der Krise in der Hand zu haben. Erweist sich diese Annahme in Zukunft als überzogen, dürfte uns in Kürze ein neues Ende der Geschichte ins Haus stehen.

Dieses Mal das Ende der Bankengeschichte und des Versuchs, ganze Gesellschaften allein nach den Bedürfnissen der Finanzelite zu steuern. Ihre Herrschaft wird genauso enden, wie auch all jene Herrschaftsformen endeten, die Einzelinteressen beständig über das Gemeinwohl stellten.

Neue Lösungen sind notwendig

Wie geräuschlos und schmerzfrei dieser Übergang vonstattengehen wird, muss sich erst noch zeigen. Klar ist in jedem Fall, dass es anschließend eines neuen Modells bedarf. Dieses darf sich nicht im Weiter so einer überkommenen Ideologie erschöpfen, sondern muss neue Ansätze bringen.

Die Lösung kann nicht darin bestehen, nur Markt und Demokratie zu predigen und die Schulden weiter steigen zu lassen. Sie kann sich auch nicht darin erschöpfen, das Eigentum faktisch abzuschaffen und auf eine sozialistische Gleichmacherei zu setzen.

Notwendig ist ein System, das die Vorteile von beiden Systemen in sich vereint. Das wirtschaftliche und kulturelle Streben muss sich in Freiheit entfalten können. Der Gewinn aber auch das wirtschaftliche Risiko einer Fehlentscheidung muss wieder auf die Unternehmer bzw. die Menschen zurückverlagert werden. Gleichzeitig dürfen große Teile der Bevölkerung nicht das Gefühl haben ausgeschlossen, übergangen und von der Entscheidung bewusst ferngehalten zu werden.

Der Staat hat sich in diesem System wieder auf seine ursprünglichen Aufgaben zu besinnen. Er muss die allgemeinen Richtlinien vorgeben und den Rahmen abstecken innerhalb dessen sich alle bewegen. Aber er muss nicht meinen, er sei die Lösung für alles und jedes.

Es wird schwierig sein, dieses neue Modell zu entwerfen und die Phase des Übergangs wird gewiss keine einfache sein. Doch der Weg lohnt sich. Je schneller er beschritten wird umso besser für uns alle.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim


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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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