Es wird ungemütlicher

Bernd Heim
By Bernd Heim / 28. Oktober 2016

Egal, ob Wetter, Finanzmärkte oder Weltpolitik, die Zeichen für einen bevorstehenden Umschwung mehren sich. Mit den kälteren Temperaturen des nahenden Winters sollten wir vergleichsweise leicht fertig werden. Mehr Schwierigkeiten dürften die beiden anderen Problemfelder bereiten.

Sie haben es in sich und sie haben das Potential, in einer größeren Krise zu enden. Es muss am Ende nicht so schlimm kommen, aber sich auf das Schlimmste mental vorzubereiten und es danach mit aller Kraft zu verhindern, kann nicht die schlechteste Vorbereitung auf das Kommende sein.

Während die US-Aktienmärkte in diesem Jahr mit neuen Allzeithochs glänzten, verlief die Entwicklung in Europa enttäuschend. Es gab weder neue Hochs noch einen klaren Trend. Dabei ist die wirtschaftliche Situation noch relativ komfortabel. Es kriselt nicht die gesamte Wirtschaft, sondern nur einzelne Länder und Branchen. Aber die haben es in sich.

Ganz oben auf der europäischen Sorgenliste stehen wichtige Staaten wie Frankreich, Italien und Großbritannien sowie die Bankenbranche. Mit diesen Zutaten wird an der Börse in den seltensten Fällen ein Kursfeuerwerk entfacht. Die Reise geht, wenn überhaupt, eher in die andere Richtung.

Europas Sorgen sind mehr als berechtigt

Frankreich und Italien geben nicht erst seit 2016 Anlass zur Sorge. Reformen werden nur zögerlich umgesetzt. Der politische und gesellschaftliche Widerstand ist enorm. Ein neuerlicher Abschwung der Weltwirtschaft könnte beide Länder sehr empfindlich treffen und die Lage rasch verschlechtern.

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank hat beiden Ländern geholfen mit ihrer angespannten Situation etwas besser fertig zu werden, aber vom Eis ist die Kuh noch lange nicht. Zudem steht in Frankreich im nächsten Jahr die Präsidentenwahl an. Dass die Kandidaten sich im Wahlkampf mit harten Reformvorschlägen beim Wähler unbeliebt machen, ist eher nicht zu erwarten. Was im Gegenzug bedeutet, dass sich die Situation nicht grundlegend verbessern wird.

Großbritannien hat sich im Juni für den Brexit entschieden und sich damit quasi über Nacht an die Spitze der europäischen Sorgenliste geschossen. Noch kann man weder in London noch in Brüssel oder anderswo wirklich abschätzen, welche positiven oder negativen Konsequenzen der Austritt aus der EU für das Land und die britische Wirtschaft haben wird.

Um diese Frage beantworten zu können, müsste man schon heute das Ergebnis der Austrittsverhandlungen kennen. Diese werden aber erst im nächsten März beginnen und sich über einen langen Zeitraum hinziehen. Damit ist Raum und Zeit für wilde Spekulationen in beide Richtungen gegeben.

Wir müssen an dieser Stelle davon ausgehen, dass die Finanzmärkte zumindest gerüchteweise von dieser Möglichkeit eifrig Gebrauch machen werden. Wilde Kursausschläge, die sich fundamental nur schwer begründen lassen, sollten uns vor diesem Hintergrund nicht überraschen.

Damoklesschwert Finanzkrise

Damit nicht genug hat Europa wieder allen Grund, sich um seine Banken zu sorgen. Es geht dabei anders als vor wenigen Jahren nicht mehr um unbedeutende Institute in Griechenland oder Zypern. Mit der Deutschen Bank, der Credit Suisse, der BNP Paribas und der Commerzbank stehen Schwergewichte am Abgrund.

Muss auch nur eines dieser Institute die Hand heben und um staatliche Hilfe nachsuchen, dürfte der Flurschaden immens sein. Die ganze Branche dürfte schnell wieder in Sippenhaft genommen werden. Nicht nur die Aktienkurse dürften allgemein unter Druck kommen. Auch das Vertrauen der Banken untereinander könnte sehr leicht Schaden nehmen.

Damit wäre der Grundstein für eine zweite weltweite Finanzkrise gelegt. Im Jahr 2007 war der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers nur der Auslöser. Was das Fass zum Überlaufen brachte, war das Misstrauen der Banken untereinander. So könnte es wieder ablaufen, denn Geschäfte im Allgemeinen und Geldgeschäfte im Besonderen setzen in erster Linie Vertrauen voraus.

Wenn man nun noch bedenkt, dass auch Chinas Banken einen Berg fauler Kredite vor sich herschieben, dann wird sofort klar, dass die Situation schnell ungemütlich werden kann – und zwar für alle Beteiligten. Beteiligt ist im Zweifelsfall jeder. Auch das hat uns die Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 eindringlich vor Augen geführt.

Risiko Weltpolitik

In Kürze werden wir wissen, wer Barack Obama als neuer US-Präsident nachfolgen wird. Egal, wer es ist, auf den Gewinner der Wahl warten große Herausforderungen. Im Inland müssen die Finanzen geordnet und die im Wahlkampf gerissenen Wunden geheilt werden. In der Außenpolitik wartet das angespannte Verhältnis der USA zu Russland und China auf eine Antwort.

Beide Aufgaben sind große Herausforderungen, wobei eine Einigung mit China im Streit um die Territorialansprüche im Südchinesischen Meer im Moment noch etwas leichter zu erringen sein sollte, denn dort wird noch nicht mit Waffen aufeinander geschossen.

Das ist in Syrien anders. Seit die Russen Präsident Assad nicht nur logistisch, sondern auch aktiv mit Einsätzen ihrer Luftwaffe unterstützen, ist das Tor zu einer direkten Konfrontation weit aufgestoßen. Ein kleiner Fehler, eine leichte Provokation und es entsteht ein Funke, der eine ganze Kettenreaktion von Gegenmaßnahmen nach sich ziehen kann.

Erschwerend kommt in Syrien dazu, dass die in den Krieg verwickelten Parteien höchst unterschiedliche Strategien und Ziele verfolgen. Sie lassen sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen und eine Lösung des Konflikts scheint in weiter Ferne zu liegen. Damit hat der Bürgerkrieg in Syrien das Potential weiterzugehen, auch wenn alle Kriegsparteien nach fünf Jahren Kampf starke Erschöpfungserscheinungen zeigen.

Neuer Trend Unberechenbarkeit

Für die Finanzmärkte ergibt sich aus all diesen höchst unterschiedlich gelagerten Problemen und Konflikten eine explosive Mischung. Sie kann die Kurse leicht durcheinanderwirbeln und zu massiven Verwerfungen führen.

Viele charttechnische Kommentatoren haben in den letzten Monaten immer wieder beklagt, dass gerade im DAX Trends Mangelware geworden sind und von Investoren und Tradern gleichermaßen schmerzlich vermisst werden.

Beim ausschließlichen Blick auf die Kurse sind diese Klagen berechtigt und gut zu verstehen. Tritt man jedoch einen Schritt zurück und nimmt auch das größere Umfeld in den Blick, dann ist der neue Trend vielleicht nicht mit aufwärts oder abwärts, sondern mit dem Wort ‚Unberechenbarkeit‘ zu umschreiben.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim


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To big to fail

Wenn die Nacht am schwärzesten ist, ist der Morgen schon wieder nah. Schlägt man das durchaus plakativ klingende Buch Kasino-Kapitalismus von Hans-Werner Sinn auf, wird man mit diesem Sprichwort begrüßt. Wenn der Morgen allerdings nah ist, dann impliziert dies, dass auch die nächste Nacht nicht fern ist. Und so bekommt dieses Sprichwort, welches von Herrn Sinn vermutlich als ein Lichtblick nach der schweren Zeit gedacht war, einen durchaus faden Beigeschmack.

Nach der Krise kommt der Aufschwung, welcher wiederum eine Krise nach sich ziehen wird. Die Ausprägung und die Dauer der Krise sowie des Aufschwungs mögen sich unterscheiden. Von der Weltwirtschaftskrise 1929 über die Weltschuldenkrise in den Achtzigern, die Rettung der amerikanischen Sparkassen in den Neunzigern, die Asienkrise oder die lateinamerikanische Krise von 1998 bis 2004 zeigt die Fülle der Krisen allerdings deutlich, dass immer eine neue Krise folgen wird.

Im Jahre 2007 wurde dies durch die Subprime Krise und deren Auswirkungen noch einmal eindrucksvoll unterstrichen. Eine Frage aber drängt sich nach der nüchternen Betrachtung der historischen Ereignisse jedem auf, egal ob Wirtschaftsweisen oder Studenten im ersten Semester. Warum hat man aus den Krisen und deren Folgen nicht gelernt, um zukünftigen Krisen mit den entsprechenden Maßnahmen begegnen zu können? Besser noch, sie präventiv zu verhindern?

Vielmehr sah man jahrelang tatenlos zu und verschloss die Augen vor Problemen, welche sich auf der gesamten Welt schleichend aber sicher aufbauten. Während der letzten, teilweise noch andauernden Krise, endeten diese Probleme häufig in Diskussionen um systemrelevante Banken und systemische Risiken. Allein im Jahre 2008 mussten 52 amerikanische Finanzinstitute der Realität ins Auge blicken.

Wer nicht Konkurs anmeldete, begab sich wie sämtliche isländische Banken unter die rettende Hand des Staates. Wieso aber werden manche Institute durch den Staat vor der Pleite bewahrt und andere nicht? Das Zauberwort für einen Teil der Banken heißt heute Too Big to Fail (TBTF).

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Die sogenannte Finanzkrise – Systemversagen oder global organisierte Kriminalität?

Die sog. Finanz- oder Bankenkrise, die weltweit zu einer Kapitalvernichtung von Billionen Dollar und in Deutschland zum Beinahe-Zusammenbruch des gesamten Bankensystems geführt hat, war keine unvermeidbare Naturkatastrophe, sondern Menschenwerk, nämlich das voraussehbare Ergebnis gigantischer Finanztransaktionen mit auf minderwertige amerikanische Hypotheken unterlegten Wertpapieren.

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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