Verlassen Sie chinesisches Territorium, wenn Sie keinen Krieg wollen!

In der Zeit des Kalten Krieges war der Dritte Weltkrieg eine schreckliche Option, die jederzeit hätte Wirklichkeit werden können, es zum Glück jedoch nie wurde. Mehrere Male stand die Welt kurz vor seinem Ausbruch. Mal waren politische Spannungen wie die Kubakrise der Auslöser, mal drohten fehlerhafte Computerprogramme, die vor anfliegenden feindlichen Raketen warnten, die Welt den entscheidenden Schritt über den Abgrund hinauszutragen.

Heute gehen wir wieder wesentlich entspannter mit dem Begriff des Dritten Weltkriegs um und überlassen ihn meist den Phantasten oder den Autoren von Zukunftsromanen. Ob zurecht, darüber kann man durchaus geteilter Meinung sein. Nicht wenige aufmerksame Beobachter des politischen Geschehens sehen aktuell die Gefahr, dass sich gewollt oder ungewollt aus den vielen kleineren Spannungen etwas Größeres entwickelt.

Angeführt werden dann in der Regel die Spannungen zwischen Russland und den USA bzw. dem Westen oder die Frage, wie die Welt mit einem raketenvernarrten Führer wie Kim Jong Un umgehen will. Dass diese Krisenherde gefährlich sind, steht vollkommen außer Frage. Dass viele Menschen sterben werden, wenn sie dennoch militärisch angegangen werden, auch. Trotzdem fällt es schwer, sich vorzustellen, dass aus einem so gelagerten Konflikt ein Weltkrieg entstehen soll.

Russland und die Länder des Westens sind alle alternde Gesellschaften. Hier sorgt man sich um die Sicherheit der Renten aber niemand kommt auf die Idee, einen neuen Krieg zu fordern, weil zu viel Volk vorhanden ist. Vor dem Ersten Weltkrieg, als die Staaten Europas sehr junge Gesellschaften waren, die wirtschaftlich an ihre Grenzen stießen, weil in der damals erstmals globalisierten Welt keine weißen Flecken mehr vorhanden waren, die man noch hätte besetzen können, waren solche Reden aber durchaus an der Tagesordnung und auch von normalen Leuten zu hören.

Schnell oder langsam in die große Katastrophe

Ausgelöst wurde der Erste Weltkrieg im Grunde genommen durch eine Lappalie, die sich innerhalb eines Monats zu einem die Welt umspannenden Konflikt ausweitete. Weil sofort auch in den Kolonien gekämpft wurde, war der Krieg sofort ein Weltkrieg und wurde es nicht erst 1917 durch den Eintritt der USA.

Beim Zweiten Weltkrieg war die Situation anders. Er begann zunächst in Asien, dann auch in Europa als eine Folge von lokalen Konflikten, die sich erst langsam über die Jahre hinweg zu einem Weltkrieg verwoben, weil sich die kriegführenden Staaten neue Verbündete suchten und diese auch fanden.

Wenn wir heute im Westen an Konflikte denken, die das Potential haben sich zu einem Weltkrieg zu steigern, dann denken wir zumeist an eine Entwicklung, wie sie zwischen 1937 und 1945 gegeben war. Das Entwicklungsmodell des Ersten Weltkriegs scheint uns demgegenüber viel unwahrscheinlicher zu sein, denn warum sollten Länder wie Russland und die USA einander so spinnefeind werden, dass sie sogleich mit aller Macht, notfalls auch atomar, auf einander einschlagen?

Weitet sich der Blick jedoch auf andere potentielle Konfliktparteien, so ist auch eine Entwicklung, wie sie 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs gegeben war, durchaus vorstellbar, etwa dann, wenn nicht Russland und der Westen, sondern Indien und China gegeneinander zu Felde ziehen.

Der von den Medien hartnäckig ignorierte Konflikt

Warum sollte ein solcher Konflikt ausbrechen und warum gerade jetzt? Diese Frage ist verständlich in einer Welt, in der über jeden überflüssigen Tweet von Donald Trump ausführlich berichtet wird, der aktuelle Konflikt zwischen Indien und China aber in den Medien überhaupt nicht thematisiert wird.

Der durchschnittliche westliche Medienkonsument weiß um die Gefährlichkeit eines Kim Jong Un. Er weiß vielleicht auch noch darum, dass Indien und China beide sehr bevölkerungsreich und Atommächte sind. Dass beide im Himalaja eine gemeinsame Grenze haben, um die man sich schon im Jahr 1962 militärisch gestritten hat, und dass es sich um zwei sehr junge Gesellschaften handelt, wissen nur die Wenigsten.

Junge, unruhige Gesellschaften, die mit einem alten, nicht gelösten Konflikt konfrontiert sind, geleitet oder besser gesagt beherrscht von Führen, die nicht in der Lage sind, innenpolitische Probleme wirklich in den Griff zu bekommen, das ist eine Mischung, die schon im Europa des frühen 20. Jahrhunderts schreckliche Folgen hatte, die zum Teil heute noch nachwirken. In Asien könnte man diese Erfahrung im 21. Jahrhundert auch machen und der Stein, der alles ins Rollen bringt, könnte wieder ein vergleichsweise unbedeutender Anlass sein.

Die Grenzen im Himalaja sind umstritten. China ist sich mit Indien und auch mit Bhutan über den Verlauf seiner Westgrenze nicht einig. Der schwelende Konflikt droht zu eskalieren, nachdem China vor einigen Wochen damit begonnen hat in der Region eine Straße zu bauen. Sie führt zu einem abgelegenen Plateau, den Doklam Plateau, das zwischen Bhutan und China umstritten ist. Das Vorgehen erinnert ein wenig an den Aufbau der künstlichen Inseln im Südchinesischen Meer, der auch nicht mit den anderen Anliegerstaaten abgestimmt ist.

Indien reagiert mit Truppenverlegungen

Die Regierung in Neu Delhi hat inzwischen reagiert und eigene Truppen in den umstritten Doklam-Bereich entsandt. Ihr Ziel ist es, die Arbeiten an der Straße zu stoppen. Das Ziel scheint vordergründig zunächst einmal erreicht zu sein, denn statt auf den Straßenbau konzentrieren sich die Einheiten der Volksbefreiungsarmee aktuell auf eine mögliche militärische Verteidigung ihres Vaterlands, denn die Regierung in Beijing sieht in dem Vorrücken der indischen Soldaten eine Verletzung der eigenen territorialen Souveränität.

Ein Beamter des chinesischen Verteidigungsministeriums hat die Regierung in Neu Delhi bereits ausdrücklich gewarnt, dass die indischen Truppen die umstrittene Doklam-Region unbedingt verlassen müssen, wenn Indien keinen Krieg mit China riskieren will. Nun rüsten beide Seiten militärisch und verbal auf. Der Sprecher des chinesischen Verteidigungsministeriums, Wu Qian, bekräftigte auf einer Pressekonferenz, zu der auch westliche Journalisten Zugang hatten, die Entschlossenheit seines Landes, die eigene Souveränität zu verteidigen. Die Bereitschaft dazu sei unerschütterlich und China werde seine Souveränität und Sicherheitsinteressen schützen koste es, was es wolle.

Diesen Satz kennen wir Anleger schon aus einem anderen Zusammenhang und können daher gut einschätzen, wie leicht und vor allem wie massiv sich eine derartige Ankündigung auch auf die Börsenkurse auswirken kann. Doch während Mario Draghis Worte vor rund fünf Jahren den Euro stützen und die Aktienkurse trieben, könnte die aktuell im Fokus stehende Variante des Satzes eher den gegenteiligen Effekt haben.

Der Euro selbst ist zwar nicht in Gefahr, doch sollte die Lage am Himalaja eskalieren, ist Kim Jong Un in Asien das geringste Problem. Ein militärischer Konflikt zwischen Indien und China selbst ist schon unkalkulierbar, weil die Seite, die den Krieg zu verlieren droht, geneigt sein könnte, die atomare Karte zu spielen, um von ihrer konventionellen Schwäche abzulenken.

Unkalkulierbare Folgen

Wer zuerst auf den Knopf drückt, ist vergleichsweise egal. Er wird als Zweiter sterben. Die mörderische Logik des Kalten Krieges wird auch hier wieder greifen. Entscheidend wird auch sein, wie sich die Nachbarstaaten positionieren werden. Bleiben sie neutral oder ergreifen sie Partei, und wenn sie für einen der Kontrahenten Partei ergreifen, wie schnell vollziehen sie diesen Schritt?

Ergreift Pakistan für China Partei, weil es gegen den alten Rivalen Indien geht und es hofft, in der Kaschmir-Region das eigene Territorium erweitern zu können? Beliefert Russland Indien zunächst mit Waffen und unterstützt es anschließend auch direkt mit regulären Truppen oder „Freiwilligen“ wie in der Ostukraine, weil es ein zu mächtiges China an seiner Ostflanke fürchtet? Nutzen die USA oder Südkorea die Gelegenheit das lästige Kim Jong Un-Problem zu lösen, weil China gerade anderweitig beschäftigt ist?

Wird auch nur eine dieser möglichen Weiterungen Realität, steht halb Asien sofort in Flammen und sollten auch die USA und Russland involviert sein, ist der Schritt von einem lokalen Grenzkonflikt zu einem weltweiten Krieg nicht mehr weit.

Vor diesem mehr als bedrohlichen Hintergrund wundert es schon, dass die westlichen Medien über jeden ertrunkenen Flüchtling im Mittelmeer berichten, den schwelenden Grenzkonflikt zwischen den beiden Atommächten Indien und China jedoch ansonsten mit Stillschweigen übergehen – und das ausgerechnet im ohnehin nachrichtenarmen Sommerloch.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.:Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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