Verlogene Börsenwelt: Wie durchschnittlich ist der Durchschnitt?

Um einen Sachverhalt nicht zu wissen, ist das Eine. Etwas komplett anderes ist es jedoch, wenn man um einen Sachverhalt zwar weiß, aber diesen nicht ausspricht. Mal sind die Gründe nobel, manchmal dient das Schweigen aber nur dazu, zu betrügen oder eine betrügerische Absicht zu decken. Beides ist dann alles andere als nobel und nachahmenswert. Sehr oft liegen die wahren Motive aber auch zwischen diesen beiden extremen Polen.

Ursprünglich wurden Indizes dazu gebildet, um einen Gesamtmarkt abzubilden. Dem Investor, der meist nur in einzelne Werte investiert ist, soll nicht nur ein Gefühl für den Gesamtmarkt gegeben werden. Er soll auch die Möglichkeit haben, seine Aktien mit dem Durchschnitt des Index vergleichen zu können.

Auf diese Art und Weise verbessert der Anleger das Gespür für seine Depotwerte. Er kann nun leichter abschätzen, welche Aktie teuer und welche vergleichsweise günstig ist, weil er weiß, was andere Unternehmen im Schnitt verdienen. Er hat normalerweise nicht vor, mechanisch stumpf in diesen Durchschnitt zu investieren, aber zu wissen, wie die anderen Unternehmen sich schlagen, hilft ihm weiter.

So war es früher eigentlich immer. Der Anleger betrieb ein aktives Stockpicking. Aus einer Fülle von möglichen Kandidaten wählte er sich das Unternehmen aus, das ihm die größten Chancen versprach. Jeder wollte die Perlen. Von den Rohrkrepierern wollte niemand etwas wissen und ernsthaft nur in „durchschnittliche“ Aktien zu investieren, war auch nicht das Ziel.

Der veränderte Blick auf den Durchschnitt

Heutiges Investieren geht anders. Das aktive Management wird zurückgedrängt und durch ein zunehmend passiveres Kaufverhalten ersetzt. Gekauft werden nicht mehr die fünf Aktien mit dem besten Chance/Risiko-Verhältnis, sondern gleich der gesamte Index in Form eines börsennotierten ETFs. Das spart Zeit für die Analyse und Geld für das Management.

Es liegt auf der Hand, dass mit dieser veränderten Art des Investierens auch der Durchschnitt eine neue Bedeutung erhält. Er ist nun nicht mehr nur der allgemeine Hintergrund, vor dem ausgewählte Einzelwerte zu bestehen haben, sondern er wird zum Ziel der Investition selbst.

Erzählen Sie das einmal einem Trainer, der mit dem Anspruch antritt, nur die Besten aufzustellen und auf dem Spielfeld auflaufen zu lassen. Wenn Sie ihm dann auch noch erzählen, dass Trainer hoffnungslos überbezahlt sind, weil von 18 Bundesligatrainern es 17 ohnehin nicht schaffen Meister zu werden, dürfte die Basis für eine Fortsetzung des Gesprächs anschließend rasch schmaler werden.

Der Vergleich zum Sport zeigt, wie stark das Investitionsverhalten heute von unserem Alltagsverhalten abweicht. Während wir sonst sehr bewusst wählen, beim Einkauf das günstigste oder das beste Produkt, beim Vorstellungsgespräch den Bewerber, der am besten auf die ausgeschriebene Position zu passen scheint, wird an der Börse auf die Auswahl immer häufiger bewusst verzichtet.

Die Tücken des Durchschnitts

Damit wir uns nicht missverstehen: Es kann durchaus sinnvoll sein, in Einzelfällen auf einen breiten Durchschnitt zu setzen. Die Frage ist allerdings, ob man dies immer und zu jeder Zeit tun sollte. Eine weitere wichtige und für den Anlageerfolg höchst entscheidende Frage ist die nach der Zusammensetzung des Durchschnitts.

Ein Durchschnitt sollte aussagekräftig sein. Oft ist dieser Punkt an der Börse nicht mehr gegeben. So stehen beispielsweise China, Südkorea und Taiwan für 55 Prozent der Marktkapitalisierung des MSCI Emerging Market Index. Andere große Schwellen- und Entwicklungsländer wie Russland, immerhin der größte Flächenstaat der Erde, oder Indonesien, immerhin das Land mit der viertgrößten Bevölkerung folgen weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen.

Ein weiterer beliebter Index ist der NASDAQ 100. Er soll Investoren helfen, aus einer unübersichtlichen Fülle von mehr als 3.000 Technologieunternehmen die größten und wichtigsten herauszufiltern. So weit so gut. Nun bilden aber Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook, die fünf Top-Holdings des Index diesen schon zu 41 Prozent seines Wertes ab.

Ein aktiver Fondsmanager, der bei der Aktienauswahl ebenso einseitig vorgeht, müsste sich sicher zurecht sehr viel Kritik gefallen lassen und in einigen Ländern wäre ein derartiges Verhalten sogar strafbar, weil der Grundsatz der Risikostreuung nicht angemessen berücksichtigt wird.

Wissen die Anleger wirklich noch, in was sie investieren?

Wie stellen Sie sich die Gruppe vor, wenn ich Ihnen sage, dass der Altersdurchschnitt bei 45 Jahren liegt? Nun, vermutlich werden Sie nicht erwartet haben, dass es sich um eine Gruppe von Großeltern handelt, die mit ihren Enkelkindern, aber ohne deren Eltern einen Ausflug unternimmt. Dieses Beispiel ist natürlich ein wenig extrem gewählt, aber es zeigt, dass auch bei richtiger Berechnung der Durchschnitt uns ein ganz anderes Bild vermitteln kann als die Realität.

Gefährlich wird die Nivellierung, die ein Durchschnitt immer mit sich bringen wird, dann, wenn es um die Gewinne der Unternehmen geht. Stellen Sie sich vor, Sie haben vier Aktien in Ihrem Depot mit einem durchschnittlichen KGV von 90. Viele Value-Investoren werden sich von dieser Vorstellung sicher sofort mit Grauen abwenden wollen, weil sie die Aktien für maßlos überteuert halten.

Dabei könnte es sich durchaus um eine sinnvolle Depotzusammenstellung handeln, etwa dann, wenn eine Aktie ein KGV von 10, die zweite ein KGV von 20 und die dritte ein KGV von 30 hat, die vierte Aktie aber, weil sie nach einem Turnaround gerade erst wieder in die Gewinnzone vorgestoßen ist, mit einem astronomischen KGV von 300 daherkommt. Unter dem Strich und im Durchschnitt ergibt dies ein KGV von 90, das sich nur wenige Anleger wirklich wünschen werden.

Ob man in die Aktie mit dem KGV von 300 überhaupt Geld investieren will, ist eine Frage, die viele Anleger schon höchst unterschiedlich beantworten werden. Die antizyklischen Investoren dürften noch die geringsten Probleme mit der Entscheidung haben, falls die Größe der Position im Verhältnis zum gesamten Depot passt. Wenn die Positionsgröße allerdings besonders groß ist, schrillen die Alarmglocken nicht nur sehr schnell, sondern auch vollkommen zurecht.

Eine heiße Wette auf die Zukunft

Viele Aktien aus dem NASDAQ 100 kommen derzeit auf extrem hohe KGVs, ohne dass dies einer besonderen Turnaround-Situation geschuldet wäre. Angezogen vom starken Wachstum der Unternehmensgewinne und der Aktienkurse an der Börse sind die Investoren bereit, hohe Preise für diese Aktien zu bezahlen und die Unternehmen mit hohen KGVs zu bewerten.

Im durchschnittlichen KGV des Index spiegelt sich diese extreme Wette auf die Zukunft noch nicht so deutlich wider. Die fünf fundamental günstigsten Werte des NASAQ 100 haben alle ein KGV von unter 10, die fünf teuersten Aktien kommen mit dreistelligen KGVs daher, der „Spitzenreiter“ sogar mit einem KGV von 359.

Wenn man nun noch bedenkt, dass einige der besonders teuren Aktien im Index auch noch besonders hoch gewichtet sind, dann wird schnell klar, dass Investitionen in den NASDAQ 100 zum gegenwärtigen Zeitpunkt alles sind, nur kein „durchschnittliches Investment“.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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