Was Ihnen AGB-Änderungen und Zweigstellenschließungen über unser Finanzsystem verraten

Bernd Heim
By Bernd Heim / 17. August 2017

Dass es eine innere Freude sein soll, sich mit Allgemeinen Geschäftsbedingungen und deren fortlaufende Änderungen zu beschäftigen, werden vermutlich nur überzeugte Juristen behaupten. Der Rest der Menschheit dürfte in sich eher eine starke Unlust verspüren, sich mit dem Thema länger als unbedingt nötig auseinanderzusetzen.

Es ist aber nötig, denn jede AGB-Änderung ist ein kleiner Mosaikstein, der uns zeigt, wie es um unser Finanzsystem im Allgemeinen und die Banken im Besonderen gerade bestellt ist. Da viele AGB-Änderungen nur auf Gerichtsentscheidungen zurückgehen, und wenn sie nicht durch die Rechtsprechung motiviert sind, schnell zulasten der Kunden ausfallen, kann es um die Branche nur sehr schlecht bestellt sein.

Der Einlagensicherungsfonds des Bundesverbandes deutscher Banken e. V. nimmt in diesen Tagen eine wichtige Änderung vor, die sich selbstverständlich sehr schnell in den AGBs der angeschlossenen Banken niederschlägt. Es geht angeblich darum, die Zukunftsfähigkeit des Einlagensicherungsfonds weiter zu stärken. Das glaubt man am besten dadurch zu gewährleisten, dass man berechtigte Ansprüche einiger Kunden schon im Vorfeld abwehrt.

Zum 1. Oktober 2017 wird das Statut des Einlagensicherungsfonds angepasst. Will heißen, manche Einlagen sind ab diesem Zeitpunkt nicht mehr geschützt. Die Branche beeilt sich aber ihren Kunden zu versichern, dass der Schutz für natürliche Personen und rechtsfähige Stiftungen durch den Einlagensicherungsfonds (noch) unverändert sei.

Warum werden die einen Einlagen gesichert und die anderen nicht mehr?

Die grundlegenden Änderungen stellen sich in Zukunft wie folgt dar: Nicht mehr geschützt werden ab Oktober die Einlagen von Gebietskörperschaften, Finanzinstituten und Wertpapierfirmen. Auch Schuldscheindarlehen und Namensschuldverschreibungen sind ab diesem Zeitpunkt nicht mehr gesichert, es sei denn, diese werden von natürlichen Personen oder rechtsfähigen Stiftungen gehalten.

Alle Einlagen, die nicht von natürlichen Personen und rechtsfähigen Stiftungen gehalten werden, sind ab dem 1. Oktober 2020 nur noch geschützt, wenn diese eine Laufzeit von weniger als 18 Monaten haben. Die längere Übergangsfrist von drei Jahren darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die beschlossenen AGB-Änderungen gravierend sind.

Geschützt wird nur noch der einfache, uniformierte Bankkunde, dem, wenn er sein Geld zur Bank trägt, überhaupt nicht klar ist, dass er dieser einen Kredit gibt und Kredite bekanntlich auch ausfallen können. Diese Kunden haben allerdings ein Wahlrecht. Sie können damit unseren Politikern gefährlich werden. Das mahnt alle Beteiligten zur Vorsicht.

Juristische Personen haben dieses Wahlrecht nicht. Vielleicht liegt hier der wahre Grund, warum von den einen Kunden (juristischen Personen wie Finanzinstitute, also anderen Banken, Gebietskörperschaften und Wertpapierfirmen) verlangt wird, dass sie die Risiken kennen und selbst tragen und von den anderen nicht.

Wenn die meisten Kunden nur noch eine Belastung sind

Der nächste, im Grunde sehr naheliegende Schritt, ist die Ausdehnung dieses Grundsatzes auch auf die natürlichen Personen. An dieser Stelle angekommen, könnte man sich den Einlagensicherungsfonds dann auch gleich ganz sparen, weil die Sparer mit ihren Spareinlagen haften. So weit ist man noch nicht. Aber da das System nicht mehr sehr tragfähig ist, ist es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis auch dieser Punkt erreicht ist.

Am liebsten möchte man die normalen Kunden einfach nur loswerden. Natürlich nicht, ohne ihre Ersparnisse auch zu verlieren. Diese sollen den Banken am besten erhalten werden. Aber pflegen will man diese Kundschaft nicht mehr, weil dies nur noch mit hohen Kosten verbunden zu sein scheint.

Schwedens Banken sind an dieser Stelle schon wieder etwas weiter als die hiesigen Institute. Sie sind längst dabei, ihr Zweigstellennetz und die in ihm noch arbeitenden Mitarbeiter loswerden zu wollen. Ersetzt werden sollen sie durch Nachfolger wie ‚Aida‘, ‚Nova‘ oder ‚Nina‘.

Sie sind die neuen Banker der Zukunft, an sieben Tagen die Woche jederzeit rund um die Uhr für Sie erreichbar und angeblich in der Lage, auch die komplexesten und anspruchsvollsten Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen. Aus Bankensicht sind sie die perfekten Mitarbeiter. Sie lernen ständig dazu, sie sind nie krank und Urlaub machen wollen sie auch nicht.

Jeder Mitarbeiter ist ersetzbar

Die neuen virtuellen Mitarbeiter sind nicht nur mit Frauennamen benannt, sondern auch mit weiblichen Stimmen ausgestattet, weil kluge Marketingfachleute entdeckt haben, dass Bankkunden eine Frauenstimme angenehmer empfinden als die eines männlichen Kollegen.

Interessanterweise kommt die neue Serviceoffensive zu einem Zeitpunkt, an dem die Kundenzufriedenheit über einen längeren Zeitraum hinweg rückläufig ist. Schon seit einiger Zeit reduzieren Schwedens Banken ihr Filialnetz. Das schlägt sich auch in den Umfragen zur Kundenzufriedenheit nieder. Diese ist seit Jahren deutlich rückläufig, wobei die Zeitpunkte einander sehr entsprechen.

Will heißen, in dem Augenblick, in dem überall im Land die Filialen reihenweise geschlossen wurden, ging auch die Kundenzufriedenheit deutlich zurück. Es ist daher aus Sicht der obersten Bankmanager an der Zeit, mit einer neuen Serviceoffensive auf die wachsende Unzufriedenheit der Kundschaft zu reagieren.

Aus diesem Grund wird man jetzt das tun, was man in der Finanzbranche besonders gut kann. Das bestehende Übel mit noch mehr von diesem Übel zu bekämpfen. So wie die Schulden angeblich mit noch mehr Schulden aus der Welt geschafft werden sollen, so will man jetzt die noch vorhandenen Mitarbeiter mit höherwertigen Aufgaben betrauen und ihre bisherigen Arbeiten von Aida, Nina und Co. erledigen lassen.

Wenn die Medizin nicht wirkt, einfach mehr Tropfen geben!

Man mag es kaum glauben, aber dieser Weg wird der staunenden Kundschaft allen Ernstes als die Rückkehr zu einem vollen Service verkauft. Offensichtlich ist dies einer der vielen Fälle, in denen man die eigenen Anstrengungen weiter stark intensivieren muss, nachdem man festgestellt hat, dass sie überhaupt nicht zum Ziel führen.

Das schwedische Beispiel wird sicher bald Schule machen. Wundern Sie sich deshalb nicht, wenn Sie als Commerzbankkunde schon bald von Constanzia und als Deutsche Bank-Kunde von Dunja begrüßt werden, denn schließlich müssen auch diese beiden nationalen Vorzeigeinstitute mächtig sparen und das tut man am besten, indem man sich von überflüssigen Mitarbeitern schnellstmöglich trennt.

Bei der Commerzbank sind es allein 9.600, die bereits gegangen sind oder in den nächsten Monaten gehen sollen. Aber der Service wird selbstverständlich auf seinem besonders hohen Niveau verbleiben. Ob das für den Aktienkurs der Bank auch gelten wird, bleibt abzuwarten.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.:Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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