Warum die EZB ihre Anleihenkäufe bald beenden muss, ob sie will oder nicht

Bernd Heim
By Bernd Heim / 22. August 2017

Führende europäische Zentralbanker gefallen sich momentan darin, den Markt in der Annahme zu bestärken, dass das Anleihenkaufprogramm der EZB noch eine ganze Weile auf dem aktuellen Niveau fortgesetzt werden wird. Das bedeutet für Europa niedrige Zinsen noch für einen recht langen Zeitraum.

Die Botschaft ist am Markt angekommen und die Händler sahen bislang weder am Rentenmarkt die Notenwendigkeit, das Zinsniveau wieder ansteigen zu lassen, noch sahen die Aktienhändler sich genötigt, sich im großen Stil von ihren Positionen zu trennen.

Während die Geschäfte in den gewohnten Bahnen weitergeführt zu werden scheinen, scheint sich niemand außerhalb der Europäischen Zentralbank ernsthaft die Frage zu stellen, ob die EZB auch tatsächlich das tun kann, was sie weiterhin vorgibt tun zu wollen.

Die Frage ist mehr als berechtigt, denn die EZB ist bei ihren Käufen alles andere als frei. Wichtig wäre, dass sie bevorzugt in den Ländern Staatsanleihen kauft, in denen die Wirtschaft noch vergleichsweise schlecht läuft und ein möglicher Anstieg des Zinsniveaus gerade zur Unzeit käme.

Achillesferse Deutschland

Zu nennen sind hier in erster Linie die südlichen Problemstaaten der Eurozone, also Spanien, Portugal, Italien und Griechenland. Auch französische Anleihen im großen Stil zu kaufen, würde weiterhelfen. Durch die interne Struktur der Währungsunion ist die EZB jedoch gezwungen, gemäß dem Anteil der einzelnen Staaten am Euro auch ihre Anleihen entsprechend zu kaufen.

Das bedeutet, dass von jeder Milliarde, die in das Anleihenkaufprogramm investiert wird, 27 Prozent, also 270 Millionen Euro, für den Kauf deutscher Staatsanleihen ausgegeben werden müssen. Will die EZB mehr für Griechenland oder Italien tun, so muss sie entsprechend diesem Schlüssel auch mehr deutsche Anleihen kaufen.

Bislang war das kein Problem, weil es noch genügend alte Anleihen am Markt zu kaufen gab. In Zukunft wird dieser Aspekt jedoch zu einem Problem werden, denn die Masse der deutschen Anleihen befindet sich schon heute im Bestand der Europäischen Zentralbank und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erweckt derzeit nicht den Eindruck, als plane er ein umfangreiches, mit neuen Krediten finanziertes Konjunktur- oder Investitionsprogramm.

Die schwarze Null im deutschen Staatshaushalt könnte für die EZB deshalb leicht zu einem schwarzen Schwan werden, der das unfreiwillige Ende der Politik des leichten Geldes einleitet. Das Ende kommt sogar schneller, als es den Zentralbankern im Frankfurter EZB-Tower gerade recht sein kann.

Anleihenkaufstopp aus Mangel an Alternativen

Wird das Anleihenkaufprogramm im neuen Jahr im bisherigen Umfang weitergeführt, so gehen der EZB bereits zum Ende des Jahres 2018 die deutschen Anleihen aus. Sie müsste das Programm dann quasi über Nacht vollständig einstellen. Eine solche Nachricht dürfte den Markt mit Sicherheit in eine Art Schock versetzten und wir dürfen deshalb davon ausgehen, dass die EZB bemüht sein wird, eine derartige Entwicklung nach Möglichkeit zu verhindern.

Anbieten würde sich der Weg einer langsamen Reduktion des Anleihenkaufrogramms. Die monatliche Ankaufsumme könnte beispielsweise von aktuell 60 Milliarden auf nur noch 40 Milliarden Euro zurückgenommen werden. Das verschafft der EZB ein wenig Zeit und dem Markt könnte man den Schritt so verkaufen, dass man erklärt, die Konjunktur laufe inzwischen so gut, dass nur noch eine reduzierte Stützung erforderlich sei.

Der Schönheitsfehler bei diesem Schritt ist allerdings, dass das Ende des Programms in diesem Fall nicht Ende 2018, sondern in den ersten Monaten des Jahres 2019 zu erwarten ist. Gewonnen werden somit nur ein paar Monate und die EZB kann es drehen und wenden, wie sie will, das Ende des Kaufprogramms ist unausweichlich.

Weder eine noch stärkere Reduktion der Ankaufsumme noch eine wie auch immer geartete sprachliche Verschleierung löst das Problem. Gelöst werden konnte es nur, wenn die nach der Bundestagswahl die neue Bundesregierung eine hemmungslose Verschuldungsorgie startet oder das kleine Griechenland in Deutschlands Fußstapfen tritt und griechische Bonds in Zukunft von der EZB anstelle von deutschen gekauft werden können.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden, damit auch diese die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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