Orientierungslos im Aktiendschungel

Bernd Heim
By Bernd Heim / 29. August 2017

Die Börse ist eine durch und durch chaotische Welt. Das war sie schon immer und das wird sie auch weiterhin bleiben. Insofern ist die Hoffnung auf „Klarheit“ ein Traum, der nie in Erfüllung gehen wird. Statt klarer Ansagen gibt es Wahrscheinlichkeiten und die sind, wie der Name schon sagt, eine grobe Mischung aus echtem Wissen und purer Erwartung.

Trotzdem muss sich der einzelne Anleger immer um ein Höchstmaß an Klarheit bemühen, wohl wissend, dass die Gewissheit, die er erreicht, niemals eine in Stein gemeißelte, unumstößliche Wahrheit darstellen wird. Die Methoden der Charttechnik sind ein Mittel um mehr Sicherheit zu erhalten, die Methoden der Fundamentalanalyse ein anderes.

Beide haben ihre Vorzüge und selbstverständlich auch ihre Schwächen. Wichtige und unverzichtbare Stützen bei der Analyse der Lage sind sie trotzdem. Von daher ist es für die Anleger höchst gefährlich, wenn die in beiden Methoden angewandten Techniken manipuliert bzw. verschoben werden.

An dieser Stelle kommen die Notenbanken mit ihrem vielen Geld aus dem Nichts und dem künstlich abgesenkten Zinsniveau ins Spiel. Sie sind sehr wohl in der Lage, beide Analysewege zu beeinflussen und damit die Anleger mittel bis langfristig auf Holzwege zu leiten. Auf den ersten Blick scheint es, als sei die Fundamentalanalyse an dieser Stelle die gefährdetere Methode.

Eine zweifelhafte Neukalibrierung unserer Maßstäbe

Doch auch die Charttechnik bleibt nicht unbeeinflusst. Wenn beispielsweise die Kurse nach schockartigen Ereignissen, wie der britischen Brexitabstimmung oder der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, statt zu fallen, plötzlich wie von Zauberhand zu steigen beginnen, nur weil die Notenbanken sich entschlossen haben, Geld in den Markt zu pumpen und die Kurse steigen zu lassen, dann sind die Kurse nicht mehr das, was die Charttechniker eigentlich in ihnen sehen: die Summe der Marktmeinung aller Marktteilnehmer.

Über das amerikanische Plunge-Protection-Team ist in der Vergangenheit schon viel geschrieben und spekuliert worden. Manche sehen dieses ominöse Team bei jeder nicht sogleich zu erklärenden Marktbewegung im Hintergrund am Werk. So weit muss man aber gar nicht gehen. Es reicht schon ein Blick in die an sich grundsolide Schweiz.

Wenn hier nun auch schon die Notenbank meint, im großen Stil Aktien kaufen zu müssen, dann sind wir von einem freien Markt, der die Einstellung der Anleger widerspiegelt, schon ein ganzes Stück weit entfernt. Noch extremer ist die Situation in Japan. Hier kann man schon die Frage stellen, ob der Nikkei überhaupt noch die Meinung der japanischen Normalanleger widerspiegelt oder nur noch der Welt den Willen der Bank of Japan kundtut.

Ob die ungewöhnlichen, sehr schnell einsetzenden Kursbewegungen des Jahres 2016 tatsächlich direkt oder indirekt auf Eingriffe der Notenbanken zurückzuführen sind, das lassen wir einmal dahingestellt sein. In jedem Fall waren sie äußerst bemerkenswert sowohl hinsichtlich der Schnelligkeit, mit der sie einsetzten, als auch hinsichtlich der Reichweite der ausgelösten Bewegungen.

Was sind die traditionellen Bewertungskennziffern noch wert?

Auch in fundamentaler Hinsicht verschieben die Notenbanken den Kompass der Anleger. Weil jeder weiß, dass die lockere Geldpolitik langfristig nicht gutgehen kann, wird verstärkt in reale Werte investiert – also in Aktien und Immobilien. Hinzu kommt, dass die Marktteilnehmer traditionelle Bewertungskennziffern wie beispielsweise das Kurs-Gewinn-Verhältnis heute unter den Randbedingungen des niedrigen Zinses zu sehen beginnen. Das viel zu niedrige Zinsniveau gaukelt ihnen geringe Risikokosten vor und entwertet damit im Grunde die Risikokalkulation eines jeden Investments.

Aktien werden heute nicht mehr gekauft, weil die Bewertungen günstig sind und sich die Investoren eine Kurssteigerung oder eine höhere Dividende als Folge von besseren Geschäftsergebnissen erhoffen. Gekauft werden die Aktien, weil die Anleger faktisch keine andere Wahl haben.

Wenn sie ihr Vermögen erhalten und es vor der bewusst herbeigeführten Entwertung durch die Notenbanken schützen wollen, müssen die Anleger in die Sachwerte gehen, egal, wie überteuert diese auch gerade erscheinen mögen. Der niedrige Zins lässt sie dabei das Risiko zu niedrig und damit falsch einschätzen.

Mit dem künstlich verzerrten Zins geht damit die Grundlage für jede rational vertretbare Investitionsentscheidung verloren. Das Ergebnis sehen wir gerade an den Märkten. Es pumpt sich eine Blase auf, von der niemand so recht weiß, wann sie platzen wird. Aber sollte sie eines Tages platzen, wovon leider auszugehen ist, wird der Knall groß sein.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Auch wenn die Informationen auf 7vor8.de für Sie kostenlos sind: In jedem Artikel stecken eine gründliche Recherche und eine Menge Aufwand. Deshalb meine Bitte an Sie: Teilen Sie diese Kolumne mit Ihren Freunden und Bekannten, wenn Sie möchten, dass auch andere die Möglichkeit haben von diesen wertvollen Informationen zu profitieren.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: