Mario Draghis deflationäre Spirale mit Ansage

Bernd Heim
By Bernd Heim / 4. September 2017

In wenigen Tagen kommen die EZB-Ratsmitglieder zusammen, um über die weitere Geld- und Zinspolitik zu bestimmen. Das Treffen wird allgemein mit Spannung erwartet, denn es könnte eine Grundsatzentscheidung anstehen. Es geht um viel. Entsprechend groß sind die Hoffnungen auf der einen und die Befürchtungen auf der anderen Seite.

Vereinfacht geht es um die Frage eines geldpolitischen ‚Weiter so‘ oder eines Gezeitenwechsels. Im Juli hat Mario Draghi überraschend während einer Rede in Portugal angedeutet, den Fuß vom monetären Gaspedal nehmen zu wollen. Die auf dem falschen Fuß erwischten Märkte reagierten umgehend und die Europäische Zentralbank ruderte keine 24 Stunden später wieder zurück. Der EZB-Präsident sei falsch verstanden worden, hieß es.

Seitdem stellen sich viele Fragen. Die zwei Wichtigsten sind, ob Mario Draghi wirklich vom Markt falsch verstanden wurde, oder ob die Rede nicht von Anfang an als eine Art Testballon geplant war mit dem Ziel, die Finanzmärkte langsam auf die anstehenden Veränderungen vorzubereiten und ihre Reaktion schon einmal auszutesten.

Die zweite Frage lautet, ob die Ankündigung überhaupt glaubwürdig ist, denn an dieser Stelle sind berechtigte Zweifel angebracht. Aus dem Umfeld der Zentralbank war in den Wochen nach der Rede zu hören, dass diese primär eine Beruhigungspille für die wachsende Fraktion innerhalb der EZB war, die darüber nachdenken will, das Anleihenkaufprogramm zu beenden.

Wie glaubwürdig ist eine nachhaltige Änderung der Zinspolitik?

Allein die Aussicht auf steigende Zinsen auch in Europa hat den Euro in den letzten Monaten zum US-Dollar stark ansteigen lassen. Das verringert den europäischen Handelsüberschuss gegenüber den USA und wird Präsident Trump freuen. Innerhalb der Europäischen Zentralbank wird man die Entwicklung vermutlich mit deutlich weniger Freude zur Kenntnis genommen haben.

Ein schwacher Euro begünstigt die europäischen Exporte. Er macht die Produkte der Krisenländer auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger und sichert damit dort wie auch in Deutschland und den anderen wirtschaftlich stärkeren Ländern der Eurozone Arbeit und Beschäftigung. Mit jedem Cent, den der Euro zum US-Dollar steigt, wird dieser Effekt kleiner und damit das eigentliche Ziel des Anleihenkaufprogramms negiert.

An dieser Stelle ist es wichtig sich in Erinnerung zu rufen, dass das Kaufprogramm zwar offiziell gestartet wurde, um eine bestehende Deflationsgefahr abzuwenden, doch das eigentliche Ziel war und ist, die Staatshaushalte der südlichen Krisenländer zu entlasten.

Diese Entlastung ist jedoch kein punktuelles Ziel, das eines Tages erreicht sein wird, sodass das Programm anschließend beendet werden könnte. Dies könnte nur gelingen, wenn die Zeit genutzt worden wäre, um die Schulden zu reduzieren. Das ist jedoch nicht geschehen. Sie steigen munter weiter. Die Entlastung muss deshalb weitergehen. Aus diesem Grund ist zu erwarten, dass die Fraktion der Tauben im EZB-Rat die Niedrigzinspolitik so lange wie möglich beibehalten will.

Hat die EZB die Nebenwirkungen ihres Programms wirklich bedacht?

Mit der Absenkung der Zinsen und der Schwächung des Euros wurde eine gigantische Umverteilung in Gang gesetzt. Sie hat wie jede Maßnahme nicht nur Vorteile, wobei die Nachteile inzwischen immer deutlicher zutage treten. Einige dieser Nachteile werden von der EZB gewiss nicht gewünscht. Von daher stellt sich die Frage, ob man die kurz- und langfristigen Wirkungen des eigenen Tuns wirklich verstanden und zuvor ausreichend bedacht hat.

Im Moment besteuert man die nordeuropäischen Sparer, um die südeuropäischen Staatshaushalte zu subventionieren. Ungeachtet des vielen Geldes, das in Bewegung gesetzt wird, bleibt das Wachstum, gerade in den Südstaaten, dennoch hinter den Erwartungen zurück. Es ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Will heißen mit ihm allein wird es den kriselnden Staaten am Südrand der Eurozone nicht gelingen, die Krise zu meistern. Ihnen droht vielmehr eine Dauerstagnation mit der Konsequenz, dass sie aus der fiskalischen Falle nicht herauskommen werden.

Die flache Zinskurve führt im engen Zusammenwirken mit der Verseuchung der Kreditportfolios zu einer massiven Untergrabung der Profitabilität der Banken. Setzt sich diese Entwicklung ungehindert fort, wird sie am Ende zwangsläufig zu einer Deflation führen müssen.

Gewünscht ist allerdings eine Inflation. Diese kann jedoch nur entstehen, wenn die Geldmenge wächst. Das tut sie allerdings nur auf oberster Ebene. In der bereiten Masse kommt diese Entwicklung nicht an, weil die Banken eine viel zu geringe Risikotragfähigkeit haben. Sie können nicht Kredite in der Menge vergeben, die sich die EZB wünscht.

Die schädlichen Nebenwirkungen sind nicht zu unterschätzen

Der Versuch, die Staaten zu retten, hat das europäische Bankensystem ausgehöhlt. Die Lücken sind mittlerweile so groß, dass das gesamte Eigenkapital der Banken nicht ausreicht, um sie zu schließen. Es droht eine deflationäre Spirale, in der das kreditgetriebene Wachstumsgebilde kraftlos in sich zusammenfällt.

Gehen die Banken an dieser Welle unter, was durchaus möglich ist, ist das Endspiel angebrochen. Achten Sie deshalb in den nächsten Monaten auf die Entwicklung der Banken. Diversifizieren Sie Ihre Ersparnisse und seien Sie bereit, Ihr Konto zu räumen, wenn italienische Verhältnisse für die gesamte Eurozone drohen.

Handeln Sie rechtzeitig, bevor andere handeln und Ihnen den Zugang zu Ihrem Geld sperren.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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