Sind die Bitcoins das neue Geld der Zukunft oder die Tulpenspekulation des frühen 21. Jahrhunderts?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 7. September 2017

An den modernen Kryptowährungen, wie Bitcoins und Ether, scheiden sich momentan die Geister. Für die Einen sind sie das neue Geld der Zukunft, ausgestattet mit einer modernen Technologie, die viele Vorteile bietet und die eine Implementierung des neuen Geldes auch ohne staatliche Mitwirkung erlaubt. Für die Anderen wiederholt sich gerade das Drama, das die Niederlande in den 1630er Jahren erlebten und das 1637 abrupt mit einem Crash Preise für Tulpenzwiebeln und zahlreichen Pleiten und finanziellen Dramen endete.

Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem. Persönlich sehe ich eine Chance von 80 Prozent, dass unser Geld der Zukunft ein elektronisches sein wird und technisch auf der auch den Bitcoins zugrundeliegenden Blockchain-Technologie beruhen wird. Gleichzeitig gehe ich persönlich mit einer ebenfalls 80 prozentigen Wahrscheinlichkeit davon aus, dass der augenblickliche Bitcoin-Wahn nicht anders enden wird als der Neue Markt und der New-Economy-Hype oder John Laws Mississippigesellschaft in 1721.

Was sich im ersten Moment ein wenig schizophren anhören mag, gewinnt schnell an Plausibilität, wenn wir das aktuelle Kursgeschehen von der Geldfunktion trennen und beide getrennt in den Blick nehmen und bewerten. Beginnen wir mit der Geldfunktion, denn hier bieten die Kryptowährungen gegenüber den herkömmlichen Banknoten und den elektronischen Überweisungen von heute zahlreiche Vorteile.

Sie liegen in der sogenannten Blockchain-Technologie begründet, die ein dezentrales Netzwerk darstellt, auf das im Grunde jeder Nutzer der Technologie Zugriff hat. Auch die einzelnen Transaktionen werden exakt dokumentiert. Es ist immer nachvollziehbar, wer mit wem gehandelt hat und um mit der Technik zu arbeiten, bedarf es allein eines Internetzugangs. Danach geht alles ganz schnell, selbst die Überweisung von einem Kontinent zum anderen.

Weltweite Geldfreiheit für alle

Die neuen Kryptowährungen sind prinzipiell unbegrenzt einsetzbar. Sie sind unabhängig von staatlicher Einflussnahme entstanden und entziehen sich damit ein Stück weit der nationalen Steuerung. Es kann, anders als bei unserer aktuellen Weltleit- und Weltreservewährung, dem US-Dollar, nicht eine Nation ganz allein bestimmen, wo es langgeht.

Damit stehen die Kryptowährungen in einem Maß für Freiheit und Selbstbestimmung, das im Bereich der Währungen kaum noch anzutreffen ist. Während durch den Kampf gegen das Bargeld eine gezielte Zurückdrängung der Freiheit, Geld nach eigenen Vorstellungen zu horten oder es einzusetzen, angestrebt wird, eröffnet sich hier eine neue Chance für alle. So wundert es nicht, das gerade viele Kritiker des modernen Finanzsystems den neuen Kryptowährungen sehr aufgeschlossen und wohlwollend gegenüberstehen.

Zwar sind noch nicht alle praktischen Herausforderungen gelöst, insbesondere das Diebstahlproblem wartet noch auf eine zufriedenstellende Lösung, aber zumindest ein Anfang ist gemacht und ein neuer Weg, den die Menschheit in Geldfragen gehen kann, ist zumindest aufgezeigt. Ob und in welcher Form er genutzt wird, das werden die nächsten zehn Jahre zeigen und entscheiden.

Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass in zehn Jahren in einem Maß mit den Kryptowährungen bezahlt wird, das heute für die Meisten noch unvorstellbar ist. Die entscheidende Frage ist allerdings, ob es die Bitcoins, Ether oder eine andere der jetzt gerade aufkommenden Kryptowährungen sein werden, mit denen wir unsere Einkäufe und Rechnungen bezahlen werden.

Momentan sind die Bitcoins die mit Abstand bekannteste Kryptowährung. Sie haben damit einen gewissen Startvorteil. Ob sie ihn erfolgreich werden nutzen können, bleibt abzuwarten. Ein Rückblick auf die kurze Geschichte des Internets mahnt zur Vorsicht, denn Netscape, den berühmtesten Browser der späten 1990er Jahre, nutzt heute niemand mehr.

Spekulationsobjekt mit angehängter Geldfunktion

Während ich also davon ausgehe, dass der Siegeszug der Kryptowährungen kaum noch aufzuhalten ist, gebe ich um die Bitcoins und Co., die gerade weltweit gehypt werden, keinen Cent. Sie werden eine kurze Blüte haben wie die niederländischen Tulpenzwiebeln, und dann als ein weiteres Beispiel für überzogene Spekulationsblasen in die Geschichtsbücher eingehen, denn an dieser Stelle treffen wir auf ein Dilemma, das die Bitcoins nicht wirklich lösen können und an dem sie deshalb zwangsläufig scheitern müssen.

Inzwischen werden unter Tradern bereits Kursziele von 50.000 US-Dollar für einen Bitcoin herumgereicht und das durchaus mit nachvollziehbaren guten Argumenten. Der Markt für Bitcoins ist derzeit noch sehr, sehr klein. Er ist zu klein, als dass die Großen der Finanzbranche jetzt schon in ihn einsteigen könnten.

Erst wenn dieser Wachstumsprozess angelaufen ist und der Markt eine gewisse Größe erreicht hat, können endlich auch die Big Boys mit ihren prallgefüllten Brieftaschen in das Geschäft einsteigen und den Kurs auf heute nicht vorstellbare Dimensionen treiben. Der Gedanke ist durchaus berechtigt. Man muss sich nur anschauen, was in einer kleinen Branche passiert, wenn das ‚Große Geld‘ sie entdeckt. – Denken Sie nur einmal an das Jahr 2005 und die Solarindustrie zurück.

Das Problem des sehr engen Flaschenhalses durch den alle Investoren und Trader hindurchmüssen, wenn sie in Bitcoins investieren möchten, kann die Welle in der Tat noch eine ganze Weile weiterlaufen lassen und dabei den Bitcoinkurs in immer absurdere Höhen schießen. Was für die Bitcoins gilt, gilt dabei selbstverständlich auch für seine aktuellen Konkurrenten.

Das unlösbare Dilemma der Bitcoins

An dieser Stelle macht es Sinn, einmal inne zu halten und auf die aktuelle Benutzer- und Besitzerstruktur bei den Bitcoins zu achten. Bis noch vor gut zwei Jahren wurden Bitcoins gekauft, um damit im Internet bezahlen zu können. Die Bezahlfunktion stand eindeutig im Vordergrund und Bitcoins wurden gekauft, um sie zu tauschen, nicht um sie zu besitzen oder mit ihnen zu spekulieren. Die Bitcoins waren in erster Linie eine neue Form von Geld.

Das ist heute anders. Wer heute in die Bitcoins einsteigt, will mit ihnen schnell Geld verdienen, nicht sie als Geld einsetzen. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Wo früher die Bezahlfunktion eindeutig im Vordergrund stand, steht heute die Spekulation an erster Stelle. Und mit jedem Tag, an dem die Bitcoins weiter exponentiell steigen und neue Allzeithochs erreichen, werden sie viel zu wertvoll, um sie unbedacht gegen Gemüse, Obst und andere Dinge des täglichen Bedarfs zu tauschen.

Hier geraten die Bitcoins in einen Teufelskreis, aus dem es fast kein Entrinnen mehr gibt. Damit sie sich als Geld durchsetzen, muss die Bezahlfunktion wieder klar in den Mittelpunkt treten. Dazu darf der Preis aber nicht weiter steigen, denn vom Geld erwartet man keinen Gewinn, sondern nicht mehr und nicht weniger, als dass sein Wert stabil bleibt. Eine Steigerung (Deflation) ist dabei ebenso schlecht wie eine beständige Verminderung seines Werts (Inflation). Am besten ist, wenn das Geld einfach nur seine Kaufkraft hält. Die Gewinne strebt man hingegen mit den Dingen an, die man sich mit seinem Geld kauft, und wenn es der Lottoschein ist.

Steigen die Bitcoinkurse aber nicht mehr so rasant wie in den letzten Monaten, wird das allgemeine Interesse sehr schnell wieder nachlassen. Der Hype ist dann vorbei, und selbst wenn die Preise anschließend nicht fallen würden, wäre die Chance vertan, rasch zu einem allgemeinen Zahlungsmittel zu werden, weil jeder Benutzer um die Kurshistorie weiß und Angst haben muss, dass die Volatilität des ersten Halbjahrs 2017 wieder zurückkehrt.

Das Scheitern der Bitcoins als Geld begann in dem Moment, in dem sie zum beliebten Spekulationsobjekt wurden

Die mediale Aufmerksamkeit, welche die Bitcoins momentan erfahren, rückt diese immer mehr in den Bereich eines Investments. Geld ist aber kein Investment, sondern nur das Mittel, mit dem es erworben wird. Weil man Investments eher langfristig besitzt und nur selten tauscht, Geld hingegen selten langfristig besitzt und dafür sehr oft tauscht, sind die Bitcoins in eine Sackgasse geraten, aus der es kein Entkommen mehr gibt.

Als Geld können sie sich nicht durchsetzen, weil ihr Wert viel zu sehr schwankt, und wenn die Spekulanten erst einmal erkannt haben, dass die Bitcoins nicht das konkret genutzte Geld der Zukunft sein werden, für das sie viele immer noch halten, entfällt auch die Notwendigkeit, Bitcoins zu kaufen oder zu halten. Wenn dieser Punkt erreicht ist, wird aus der Kaufwelle leicht eine Verkaufswelle und der Bitcoinkurs dürfte sich schnell jenem der Tulpenzwiebeln in 1637 annähern.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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