US-Autokredite: Mit Vollgas gegen die Wand

Bernd Heim
By Bernd Heim / 8. September 2017

„Aus Schaden wird man klug?“ Nun, nicht immer und nicht im Finanzsektor, denn hier braut sich ein ungesunder Mix zusammen, der mehr an die Entstehungsgeschichte der Finanzkrise erinnert als uns allen lieb sein kann. Besonders akut gefährdet ist der Automobilsektor. Aber auch die Studiendarlehen und die Kreditkartenschulden haben eine besorgniserregende Höhe erlangt.

Werfen wir einen Blick zurück auf den Beginn der Finanzkrise und den Charakter des auf sie folgenden Aufschwungs, so kommen zwei wichtige Aspekte recht schnell in Erinnerung. Ausgelöst wurde die Krise durch ausfallende Kredite im Immobiliensektor. Weil die Preise für Häuser und Wohnungen angeblich nur steigen konnten, hatte man in den Jahren vor 2007 zu viele Immobilienkredite an Leute vergeben, die eigentlich gar nicht kreditwürdig waren.

Verschleiert wurde das Drama, indem man die Kredite der Schuldner mit niedriger Bonität mit erstklassigen Staatsanleihen bündelte und als sogenannte Asset-Backed Securities (ABS) an den Markt brachte. Die Konstrukte waren so undurchsichtig, dass selbst Fachleute nicht durchblickten, wenn beispielsweise eine andere Bank als Käufer der ABS auf der Gegenseite stand.

Lange ging das Spiel gut. Der Verkauf der Asset-Backed Securities war ein lohnendes Geschäft und die Einschätzungen der Ratingagenturen waren positiv. Was folgte, waren erste Fragen, die zu einem zunehmenden Vertrauensproblem führten. Schnell kam es zu einer Kettenreaktion, in der niemand niemandem mehr glaubte. Das Ende ist hinlänglich bekannt. Banken brachen reihenweise zusammen und die Finanzkrise griff reicht schnell auf die Realwirtschaft über.

Neue Autos als Symbol des Aufschwungs

Es waren die Autoverkäufe, die die amerikanische Wirtschaft aus der Krise geführt haben. Auch in Deutschland wurde der Fahrzeugabsatz mit staatlicher Unterstützung angekurbelt. Allerdings wurden die meisten Fahrzeuge auf Kredit gekauft. Das könnte nun zu einem Problem werden, denn im Gegensatz zu einer Immobilie verliert ein Auto Jahr für Jahr an Wert, auch dann, wenn es gar nicht benutzt wird.

Die Autokredite weisen in den USA seit Jahren ein rasantes Wachstum auf. Weil man den Fahrzeugabsatz hochhalten will, werden die Kreditstandards notfalls gesenkt. Es werden mittlerweile Kredite vergeben, die fast dem Wert des Neuwagens entsprechen. Die Konsequenz: Jeder Amerikaner mit Führerschein hat aktuell im Durchschnitt Autoschulden von 6.100 Dollar.

Ende 2016 belief sich das Volumen der Autokredite in den USA auf 1.200 Mrd. US-Dollar. Analog zu den Geschehnissen im Vorfeld der Finanzkrise hat sich auch bei den Autokrediten ein Subprime-Segment herausgebildet. Der Kunde, der sich für einen normalen Kredit nicht qualifiziert, erhält trotzdem einen. Dafür zahlt er höhere Zinsen und Gebühren. Zusätzlich wird die Laufzeit des Kredits verlängert, damit die Raten nicht zu hoch werden.

In der Finanzbranche werden die neuen Subprime-Autokredite von den Gläubigern gerne gebündelt und an andere Interessenten weitergegeben. Möglicherweise kommt Ihnen dieses Spiel irgendwie bekannt vor. Dass die Sorglosigkeit zurück ist, kann man ohne Weiteres attestieren. Aber wie steht es mit den Gefahren? Sind sie ebenso einzuschätzen wie damals am Immobilienmarkt?

Zu klein um Ärger zu produzieren?

Der Hypothekenmarkt ist um einiges größer und illiquider als der Automarkt und kann deshalb nicht eins zu eins mit ihm verglichen werden. Neben dem unterschiedlichen Volumen werden gebrauchte Autos auch wesentlich schneller verkauft als Immobilien. Ein Gläubiger kommt also rascher an sein Geld oder einen Teil seines Geldes, wenn der Schuldner zahlungsunfähig wird.

Doch das Volumen der Autokredite ist groß genug, um eine gefährliche Kettenreaktion auszulösen. Sehr bedenklich ist, dass die Ausfallrate der Subprime-Autokredite zuletzt deutlich angestiegen ist. Sie stieg von 7,9 Prozent im Januar 2016 auf 9,1 Prozent im Januar 2017. Recht gut aufgestellt sind in diesem gefährlichen Umfeld aktuell die Banken. Sie haben größtenteils Entwarnung signalisiert, denn aufgrund der strengeren regulatorischen Auflagen haben sie ihr Engagement im Autokredit-Geschäft in den letzten Jahren zurückgefahren.

In die von den Banken hinterlassene Lücke sind jedoch andere Finanzgesellschaften und die Hersteller selbst vorgestoßen. Ihre Kreditstandards sind oft tiefer als die der Banken, denn sie vergeben auch Kredite im Segment „deep subprime“. Die US-Investmentbank Morgan Stanley wies kürzlich darauf hin, dass der Anteil der ‚deep subprime‘-Kredite im Geschäft mit Verbriefungen innerhalb von sieben Jahren von 5,1 Prozent auf 32,5 Prozent gestiegen sei.

Für die US-Industrie und die Automobilproduzenten im Besonderen sind dies keine guten Nachrichten, denn der Aufschwung der vergangenen Jahre beruhte zu einem großen Teil auf den neu bestellten Fahrzeugen. Sie wurden nicht nur auf Kredit gekauft, sondern auch von Fahrzeughaltern bestellt, die eigentlich nicht kreditwürdig waren.

Die Banalität von Finanzkrisen

Das Muster von Finanzkrisen ist oftmals dasselbe. Sie beginnen meist nicht mit einem großen Paukenschlag, sondern mit einer Anzahl kleiner Verfehlungen, die sich langsam zu einer immer größeren Zahl aufschaukelt. Ab einem gewissen Punkt wird die Gefahr so groß, dass sie vom System nicht mehr gemanagt werden kann. An diesem Punkt wird auch die breite Öffentlichkeit auf die latente Krise aufmerksam, weil nun die medienwirksamen Paukenschläge wie Bankenpleiten und Bankfeiertage kommen, die man gemeinhin als Beginn einer Finanzkrise vermutet.

Die kleinen Verfehlungen haben wir bereits hinter uns, die großen Paukenschläge stehen noch aus. Doch anders als in der Vergangenheit könnte es dieses Mal zunächst nicht die Banken selbst treffen, sondern die Automobilproduzenten und ihre Banken bzw. Finanzierungsgesellschaften. Sie vergeben rund die Hälfte aller Autokredite in den USA. Dabei ist der Anteil von Subprime-Krediten in ihrem Portfolio mit 75 Prozent deutlich höher als bei den Banken.

Vermutlich wurde zugunsten des Umsatzes bei der Kreditqualität immer wieder mal ein Auge zugedrückt. Noch undisziplinierter als die Autokredite werden in den Vereinigten Staaten derzeit nur noch Studiendarlehen und Kreditkarten-Schulden genehmigt und anschließend von den Kreditnehmern getilgt. Auch hat das Volumen in den letzten Jahren stark zugelegt.

Stolpersteine für die US-Volkswirtschaft gibt es somit genug. Gefährlich wird es, wenn es zu einem starken Zinsanstieg kommt und vielen Subprime–Kreditnehmern das Geld für Zins und Tilgung fehlt. Dieser Punkt kommt mit jeder neuerlichen Anhebung des Zinsniveaus durch die US-Notenbank zwangsläufig immer näher.

Da die Autoindustrie mit ihren kreditfinanzierten Autoverkäufen in den vergangenen Jahren den Löwenanteil der Expansion der US-Wirtschaft stellte, könnte die nächste Finanzkrise für viele nicht mit der Nachricht über eine neue Bankenpleite beginnen, sondern mit dem Zusammenbruch eines großen Automobilherstellers, dem plötzlich – und für die Meisten vollkommen überraschend – die Autoabsätze wegbrechen, weil Subprime-Autokredite über Nacht zu heißen Kartoffeln mutiert sind und nicht mehr vergeben werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden, damit auch diese die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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