Silicon-Valley: Zu den Visionen gibt es jetzt auch Anleihen

Bernd Heim
By Bernd Heim / 12. September 2017

Der Begriff Silicon-Valley steht nicht nur für innovative Technologieunternehmen, die klein angefangen und am Ende groß herausgekommen sind. Er steht auch für eine besondere Art der Unternehmenskultur, die des Risikos. Leicht war der Beginn nie, und während einige Unternehmensgründer zu weltweit gefeierten Stars aufstiegen, sind andere mit ihren Ideen kläglich gescheitert.

Allen gemeinsam war die Vision, etwas Neues, bisher noch nicht dagewesenes schaffen zu wollen. Dieser Pioniergeist ist für die Branche ebenfalls charakteristisch. Er hat auch in der Vergangenheit zur Herausbildung einer besonderen Finanzierungsart geführt, den Venture Capital-Unternehmen. Sie beteiligen sich bereits in einer sehr frühen Phase an den jungen Unternehmen und erwerben deren Aktien.

Im Erfolgsfall geht das innovative Unternehmen an die Börse und der Venture Capital-Anleger vereinnahmt ein Vielfaches seines ursprünglichen Einsatzes. Scheitert das Start Up-Unternehmen, ist das eingesetzte Kapital meist verloren. Weil frühzeitig investiert wird, ist der Weg zum Erfolg ein langer. Geduld und Zähigkeit sind gefragt und vielfach auch die Fähigkeit, bei weiteren Finanzierungen zusätzliches Kapital nachschießen zu können.

Das Risiko managt man mit einer breiten Risikostreuung. Dabei setzt man das zur Verfügung stehende Kapital nicht auf einige wenige Lieblinge, sondern investiert es breit gestreut in viele Unternehmen, wohl wissend, dass einige scheitern werden. Wenn aber die erfolgreichen Unternehmen sich im Wert verzehnfachen, kann man auch vier oder fünf Totalverluste überstehen und hat am Ende unter dem Strich dennoch einen schönen Gewinn.

Der Anleihenbesitzer will konstante Renditen

Ganz anders gestrickt ist der typische Käufer einer Anleihe. Er scheut das Risiko, besonders das eines jungen, nur schwer einzuschätzenden Geschäftsmodells. Dafür liebt er die Konstanz jährlicher Einnahmen. Diese sind vorab hinsichtlich Zeitpunkt und Höhe genau festgelegt. Kommt es an dieser Stelle zu Abweichungen, stellt sich schnell eine gewisse Unruhe, in vielen Fällen auch eine handfeste Panik ein.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der visionäre Hightech-Unternehmer und der konservative Anleihenbesitzer einander relativ fremd sind und es meist auch bleiben. Zwischen ihrem Denken und Fühlen liegen Welten und diese sind in der Regel auch nur schwer zu überbrücken.

Aus diesem Grund haben sich die Firmen aus dem Silicon Valley in der Vergangenheit größtenteils über Venture Capital-Firmen bzw. nach ihrem Börsengang über die Ausgabe neuer Aktien finanziert. Unternehmensanleihen hingegen spielten bislang keine große Rolle. Im Gegenteil: Firmen aus dem Silicon Valley waren eher dafür bekannt, auf einem hohen Cashbestand zu sitzen.

Das ändert sich in diesen Tagen, denn mit Netflix, Tesla und Amazon haben gleich drei renommierte Firmen aus dem Silicon Valley Anleihen begeben. Das Volumen der begebenen Anleihen ist nicht gerade klein. Netflix sammelte 1,4 Milliarden US-Dollar von den Anlegern ein, Tesla 1,8 Milliarden. Amazon stellt diese hohen Volumina noch einmal deutlich in den Schatten. Es begibt Anleihen im Wert von 16 Milliarden US-Dollar, um damit seine Akquisition der Supermarktkette Whole Foods zu finanzieren.

Kann dieser Spagat gut gehen?

Wie riskant sind die neuen Bonds der Tech-Giganten? Diese Frage stellt sich nicht nur dem konservativen Anleihenkäufer. Auch der typische Silicon-Valley-Unternehmer mit seinen hochfliegenden Visionen ist gefragt, denn die jüngsten Anleiheemissionen enthalten für beide Seiten hohe Risiken.

Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass Visionen und Schulden normalerweise kein gutes Paar abgeben. Schulden wollen stets bedient und am besten schnell abgebaut werden. Visionen erfordern schon mal, dass man, gerade in der Anfangszeit, deutlich über seinen Verhältnissen lebt und investiert.

Netflix will mit seinen Anleihen neue Shows produzieren, Tesla beabsichtigt, seine Produktion deutlich auszuweiten und will in Zukunft Hunderttausende von Elektroautos bauen. Amazon plant nicht mehr und nicht weniger als den Lebensmittelhandel neu definieren. Die Ambitionen sind also wie gewohnt sehr groß.

Dass die drei Emissionen stark überzeichnet waren, sollte man an dieser Stelle nicht überbewerten. Es ist der Anlagenotstand, der die Anleger so handeln lässt, nicht die Überzeugung. Aus Unternehmenssicht hingegen ist es in einer Welt, in der selbst sichere Staatsanleihen nur zwei Prozent Rendite abwerfen, preiswerter, eigene Anleihen zu begeben als neue Aktien auszugeben und den Wert der alten Aktien zu verwässern.

Die Krise als Nagelprobe

Weil sich an dieser Stelle zwei so grundverschiedene Denkweisen zusammengefunden haben, wird erst die nächste Krise zeigen, wie tragfähig diese Verbindung ist. Wir dürfen dabei davon ausgehen, dass sowohl die Unternehmenslenker im Silicon Valley als auch die Hedgefondsmanager an der Wall Street, die diese Anleihen für ihre Fonds gezeichnet haben, ihre grundlegende Denkweise nicht ändern werden.

Die im Bereich der Hochzinsanleihen tätigen Manager passen ihre Portfolios täglich an die jeweiligen Marktpreise an. Sinken die Kurse der Anleihen, kann es deshalb sehr schnell zu massiven Verkäufen kommen. Hinzu kommt, dass Hedgefonds oft Aktien leer verkaufen, um ihre Anleihen damit abzusichern. Sie tun dies, weil die Aktien in der Regel viel liquider sind als Anleihen. Wenn es darum geht, schnell Sicherheit für das eigene Depot zu erlangen, werden deshalb lieber Aktien leerverkauft, während die Anleihen zunächst im Depot verbleiben.

Es ist deshalb in Zukunft durchaus möglich, dass die Technologieaktien durch den Bondmarkt negativ beeinflusst werden. Unangenehme Kettenreaktionen sind denkbar, etwa dann, wenn die Stimmung sowohl bei den Aktien wie auch bei den Anleihen negativ beeinträchtigt wird.

Von daher ist es nicht ganz ungefährlich, wenn sich Hightech-Firmen wie Netflix, Tesla oder Amazon mit ihrer ganz eigenen Art des Denkens und der Unternehmenskultur ausgerechnet dem Bereich der Hochzinsanleihen zuwenden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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