Investment Research: Diese Sonderleistung kostet bald Geld

Bernd Heim
By Bernd Heim / 13. September 2017

Bislang war das Investment Research eine Dienstleistung, die von den Banken gerne kostenlos erbracht wurde. Wenn die Bank ein Unternehmen analysierte und die Aktie anschließend zum Kauf empfahl oder auf die Verkaufsliste setzte, folgten viele Anleger diesem Rat. Weil sie ihre Transaktionen über die Bank abwickelten, verdiente die Bank an den Käufen bzw. Verkäufen so gut, dass unter dem Strich auch die Kosten für die Investment Research Abteilungen bezahlt waren.

Damit könnte nun bald Schluss sein, denn zum 3. Januar 2018 tritt die EU-Richtlinie Mifid II in Kraft. Sie sieht zwingend eine Entflechtung der Gebühren für die Bereiche Handel, Abwicklung und Research vor. Die in den jeweiligen Sparten anfallenden Kosten müssen die Banken ab kommendem Jahr separat ausweisen. Damit sind die sogenannten „All-in-Fees“, bei denen bislang typischerweise die Kosten für Research-Berichte in den Gebühren für die Ausführung von Wertpapiertransaktionen integriert waren, Geschichte.

Die Neuregelung geht auf die Finanzkrise zurück. Sie reflektiert die Tatsache, dass es leicht zu Interessenkonflikten kommen kann, wenn ein Finanzinstitut Analysen zu Wertpapieren und Transaktionen anbietet, von denen es anschließend selbst profitiert. Die Mifid-II-Regulierung bewirkt, dass sich Banken in der Europäischen Union neue Modelle überlegen müssen. Sie müssen klären, was sie im Bereich Investment Research in Zukunft anbieten wollen und zu welchem Preis. Außerdem ist die Frage zu beantworten, ob der Vermögensverwalter oder der Endkunde für das Investment Research bezahlen soll.

Bislang haben viele Banken ihre Berichte aus dem Investment Research auch deshalb kostenlos veröffentlicht, weil sie sich einen Marketingmehrwert von dieser Aktion versprochen haben. Fand der Bericht allgemein Beachtung, so stand auch die Bank sofort im Rampenlicht. Veröffentlichten die Abteilungen viele zutreffende und sehr werthaltige Analysen, stärkte dies auf lange Sicht die Reputation der Bank. Sie konnte neue Kunden an sich binden und die Verbindung zu bestehenden Kunden stärken.

Ab jetzt kostet jede Erdnuss extra

Eine interessante Frage wird sein, ob die Bankkunden bereit sein werden für das Investment Research zu bezahlen und wenn ja, welchen Preis sie für angemessen halten. An dieser Stelle sollte man zwei Dinge im Hinterkopf behalten. Das Erste ist die Kostenloskultur des Internets, die viele glauben lässt, Informationen, vor allem gute, seien grundsätzlich kostenlos zu beziehen.

Der zweite Aspekt hängt mit den veröffentlichten Studien zusammen. Diese waren nicht immer neutral, sondern dienten hin und wieder auch dazu, Tradingpositionen der bankeigenen Investmentabteilungen zu begleiten. War das hauseigene Investment in einer Aktie short, wurden gerne mal die mit der Aktie verbundenen Gefahren in den Vordergrund gerückt. Setzte der Eigenhandel hingegen auf steigende Kurse, wurde mehr Wert auf die Vorzüge des Unternehmens gelegt, um weitere Käufer anzulocken.

Die von der Mifid-II-Regulierung angestrebte größere Kostentransparenz ist durchaus zu begrüßen. Nur was helfen im Detail klarer aufgelistete Kosten, wenn man sich als Kunde nicht sicher sein kann, dass die vorgelegte Analyse auch vollkommen neutral und uneigennützig verfasst wurde?

Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung wird sofort zu einem Problem, wenn er zuvor mit den Händlern der Bank abgestimmt wurde und auf deren Interessen Rücksicht nimmt. In diesem Moment ist selbst eine neutral verfasste Studie nicht mehr neutral, weil dem Kunden zum Vorteil des Eigenhandels wichtige Informationen vorenthalten werden.

Wie viel Investment Research wird noch gebraucht?

Die Bedeutung des Investment Researchs hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. War in den 1990er Jahren zu Zeiten des Dotcom-Booms das Investment Research noch sehr bedeutend und für die Entscheidungen der Anleger ein wichtiger Faktor, ist seitdem ein sinkender Trend zu beobachten.

Dieser hat sich in den Jahren nach der Finanzkrise noch einmal deutlich verstärkt, denn das viele Geld der Notenbanken stellt eine Flut dar, die alle Boote anhebt, die guten wie die schlechten. Wenn aber alle Aktien gleichmäßig steigen, verschwindet die Notwendigkeit, die Unterschiede der einzelnen Aktien genauer zu analysieren bzw. das entsprechende Research der Banken nachzufragen.

Hinzu kommt, dass die Anleger immer stärker in passiv gemanagte Produkte wie ETFs investieren. Wenn nicht mehr einzelne Aktien aus dem DAX gekauft werden, sondern nur noch der ganze Index, reicht eine charttechnische Besprechung und 30 detaillierte Einzelanalysen müssen nicht mehr gelesen werden.

So wundert es nicht, das die Banken sich im Investment Research immer weniger engagieren. Die Abteilungen wurden verkleinert und viele kleinere und mittelgroße Unternehmen werden von den Analysten gar nicht mehr abgedeckt. Es ist zu befürchten, dass die Mifid-II-Regulierung im Zusammenwirken mit dem Unwillen der Kunden, für diesen Service extra zu bezahlen, den schon lange zu beobachtenden Abbau der Banken im Bereich Investment Research weiter beschleunigen wird.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.:Was nichts kostet, ist nicht viel Wert? Wenn Sie nicht dieser Meinung sind und die heute besprochenen Gedanken auch Ihren Freunden und Bekannten vorstellen möchten, teilen Sie diesen Artikel bitte mit ihnen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: