US-Erdgasförderer: Dem Abgrund verzweifelt nahe

Sie haben in die Aktien von US-Erdgasproduzenten investiert? Nun, dann müssen Sie sich vermutlich warm anziehen. Schon seit Monaten taumelt die Branche dem Abgrund entgegen. Ihre Bemühungen werden immer verzweifelter und im Grunde schaufelt sich die Branche mit dem, was sie tut, gerade ihr eigenes Grab.

Dabei ist das, was die einzelnen Firmen tun, um die Krise zu überstehen und den eigenen Konkurs abzuwenden, durchaus vernünftig. Weil es jedoch alle tun, mehr noch, weil es sogar alle tun müssen, entwickelt sich ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen mehr zu geben scheint.

Die Branche ist derzeit dabei, sich ihr eigenes Fundament zu zerstören. Der Boom der vergangenen Jahre ist Geschichte. Er stirbt eines raschen Todes, weil die Basis nicht mehr stimmt. Wobei man heute zurecht die Frage stellen kann, ob die Basis je gestimmt hat, denn das heutige Drama ist eine Konsequenz aus einem überdrehten unternehmerischer Ehrgeiz, falschen finanziellen Anreizen und einem überfluteten Bondmarkt, dessen Auswirkungen man sich nicht entziehen kann.

Aber der Reihe nach: Die Basis für eine erfolgreiche Tätigkeit in der Erdgasförderung sind Erdgaspreise, die hoch genug sind, um allen ein vernünftiges Auskommen zu ermöglichen. Dazu sollte das Angebot die Nachfrage am besten nur knapp decken. Ist jedoch die Förderung zu hoch, werden Preise und Margen zwangsläufig zu leiden haben.

US-Erdgasförderer im Teufelskreis

Range Resources war einer der Pioniere des Schiefergasbooms. Das Unternehmen war das Erste, das Schiefergas in der Marcellus-Formation in Pennsylvania gefunden hat. Man schrieb das Jahr 2004 und der Fund entfachte einen Boom, der die Range Rescourses-Aktie zunächst in den Himmel katapultierte und anschließend in die Hölle abstürzen ließ. Im Jahr 2014, als die Erdgas- und Ölpreise noch vergleichsweise hoch waren, notierte die Aktie bei rund 95 US-Dollar. In diesem Sommer waren nur noch Kurse um 19 US-Dollar angesagt.

Der Grund für den Kurssturz ist leicht erklärt. Mit dem Ölpreis kam in den Jahren 2015 und 2016 auch der Gaspreis deutlich zurück. Nun rächte sich, dass in der Boomphase zuvor zu viele junge Unternehmen an den Start gegangen waren, die alle eine Gemeinsamkeit hatten: hohe Schulden. Diese Schulden wollen bedient werden, egal, wie hoch oder niedrig die Gaspreise und damit die Margen der Gasförderer gerade sind.

So entstand schnell jener Teufelskreis, der viele US-Schiefergasproduzenten heute an den Rand des Abgrunds geführt hat. Um die sinkende Marge auszugleichen, erhöhten die meisten Produzenten ihre Produktion. Damit kam mehr Erdgas auf den Markt, für das es keine Nachfrage gab. Das erhöhte den Druck, der ohnehin schon auf dem Gaspreis lastete.

Finanziert wurde die zusätzliche Produktion mit neu aufgenommenen Krediten. Sie sind eine der heißesten Wetten, die es derzeit am US-Hochzinsanleihenmarkt gibt. Entsprechend hoch ist der Druck, der von dieser Seite ausgeht, denn die Anleger sind nervös. Weil die Käufer von Anleihen sich normalerweise nicht als Risikokapitalgeber verstehen, ist die Anspannung gerade besonders hoch und verständlich.

Entlastung nicht in Sicht

Das Überangebot hat den Erdgaspreis inzwischen so weit gedrückt, dass die Produzenten kaum mehr von ihm leben können. Ein neuerlicher Preisanstieg ist aber nicht in Sicht. Er würde eine steigende Nachfrage voraussetzen, die das aktuelle globale Überangebot kompensiert. Zwar ist die Nachfrage nach Erdgas tendenziell steigend, doch die Steigerungsraten waren geringer als die Produktionsausweitungen in den vergangenen Jahren.

Ein Grund für die schleppende Erdgasnachfrage ist, dass die Amerikaner nicht mehr so viel Elektrizität verbrauchen. Seit 2007 stagniert die Elektrizitätsnachfrage in den Vereinigten Staaten. Im Hintergrund der rückläufigen Nachfrage stehen vor allem die gestiegene Effizienz von Elektromaschinen und Haushaltsgeräten. Auch die Turbinen der Gaskraftwerke haben anders als die der Kohlekraftwerke ihre Effizienz in den letzten Jahren gesteigert. Es wird heute weniger Gas benötigt, um die gleiche Menge Strom zu erzeugen wie noch vor wenigen Jahren.

Obwohl die Geschäftsaussichten nicht gerade rosig sind und das Überangebot an Erdgas die Branche in die Knie zwingt, sind die großen Anbieter im Geschäft geblieben. Gelebt wird allerdings von der Hand in den Mund. Auch die Anleger machen noch mit und sind gewillt, die hoch verschuldeten Unternehmen weiter am Leben zu halten, solange deren Produktion noch steigt und Cashflow produziert wird.

Allerdings macht sich am Markt für Hochzinsanleihen langsam Unruhe breit. Unter der Oberfläche gärt es. Der guten Stimmung hat dies bislang zwar noch keinen Abbruch getan, doch was Anleger und Erdgasunternehmen derzeit gleichermaßen fürchten ist, dass ein abrupter Anstieg der Zinsen zu einer Verkaufswelle am Markt führen könnte.

Marktbereinigung unausweichlich

Die Misere am heimischen US-Schiefergasmarkt ist ein Grund dafür, dass US-Präsident Donald Trump zusammen mit dem Kongress derzeit so stark gegen die Erweiterung der Ostseepipeline kämpft. Erdgas zu verflüssigen und anschließend mit Tankern in alle Welt zu verschiffen, ist zwar vergleichsweise teuer, aber der Abtransport dieses in den USA nicht benötigten Gases würde zumindest einen Teil des Drucks vom Markt nehmen.

Das könnte helfen Jobs in den USA zu erhalten. Diese Arbeitsplätze würden dann zwar in Russland fehlen und die Kosten vom europäischen Gasverbraucher in Form von höheren Gaspreisen zu entrichten sein, aber das ist ja nicht das Problem des ‚America First‘-Präsidenten, sondern das der Russen und der anderen Europäer. Sollen die halt sehen, wo sie bleiben.

Der Kampf des Präsidenten ist jedoch ein Kampf gegen Windmühlen, solange die US-Schiefergasproduzenten bohren und fördern wie die Gestörten. Die Hoffnung, dass dieser Wahnsinn aus geologischen Gründen bald endet, ist unangebracht. Allein in der Marcellus-Formation in Pennsylvania sind Schätzungen der staatlichen Energiebehörde EIA Gasreserven vorhanden, die in etwa denen von Norwegen entsprechen.

Gestoppt werden könnte der Bohr- und Förderexzess jedoch vom Kreditmarkt. Steigende Zinsen und die fehlende Bereitschaft der Anleger, weitere Hochzinsanleihen der angeschlagenen US-Schiefergasproduzenten zu zeichnen, könnten den Anstoß zur längst überfälligen Marktbereinigung geben.

Nicht alles, was billig aussieht, ist auch wirklich preiswert

Auch wenn die Aktien von Range Resources, Chesapeake Energy und Co. derzeit recht preiswert und verlockend wirken, sind die Anleger vor dem Hintergrund der Schulden und der angespannten Margen gut beraten, sich dem Sektor nur mit Vorsicht zu nähern.

Sie müssen nicht nur abwarten, wie sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage weiter entwickeln wird, sondern auch die nervösen Zuckungen des High-Yield-Marktes berücksichtigen, denn hier wird vermutlich das Schicksal der meisten Erdgasfirmen in den kommenden Monaten entschieden werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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