Wie realistisch sind die Kurse an den Anleihemärkten?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 25. September 2017

Jeffrey Gundlach ist der CEO seiner eigenen Fondsgesellschaft DoubleLine. Er ist einer der bekannten Bond-Investoren und gilt als Koryphäe in seinem Fachgebiet. Wenn er spricht, hört nicht nur die Wall Street zu. In den letzten Wochen und Monaten hat er immer wieder gesprochen, sogar laut und deutlich. Doch ob die Anleger an der Wall Street wirklich zugehört haben, darf bezweifelt werden.

Gundlach sprach davon, dass es am Rentenmarkt derzeit ein Phänomen gibt, das er nur noch als eine Massenpsychose wahrnehmen kann. Die Anleger haben verlernt, besorgt zu sein. Sie kaufen Unternehmensanleihen im großen Stil und sie scheinen zu denken, dass es nie wieder Unternehmen gibt, die Pleite gehen und ihre Anleihen nicht mehr bedienen geschweige denn zurückzahlen können.

Seine Beobachtung stützt der bekannte Fondsmanager nicht nur auf die USA. Bei uns in Europa ist das Phänomen noch viel stärker ausgeprägt. Es versteht sich von selbst, dass eine so verzerrte Wahrnehmung von Chancen und Gefahren nur eine begrenzte Zeit lang gut gehen kann. Diese Zeit könnte bald abgelaufen sein und den Anlegern ein böses Erwachen bevorstehen.

Besonders kritisch ist, dass die Anleger vor allem dann beherzt zugreifen, wenn die Bonität des Schuldners nicht die beste ist. Normalerweise liebt der Rentenmarkt die starken Schuldner und verschmäht die schwachen. Heute scheint es genau anders herum zu sein. Je schwächer der Schuldner, umso lieber zeichnen die Investoren seine Anleihen.

Überteuerter europäischer Ramsch

Junkbonds, die Anleihen von bonitätsschwachen Schuldnern, waren schon immer ein heißes Eisen. In Europa wird es derzeit besonders heiß geschmiedet. Jeffrey Gundlach hält den europäischen Markt für Hochzinsanleihen deshalb für den „am schlimmsten überbewerteten Markt der Welt“. Er gibt aber zu bedenken, dass es in Amerika nicht viel besser aussieht.

10-jährige US-Staatsanleihen rentierten derzeit mit rund 2,2 Prozent, europäische Ramschanleihen mit 2,4 Prozent. Diese geringe Zinsdifferenz ist nicht gerechtfertigt. Auch die Zinsen für Anleihen von Firmen mit besserer Bonität sind viel zu niedrig. Es baut sich hier eine Spannung auf, die sich schon bald in einer für den Markt sehr unangenehmen Art und Weise entladen kann.

Viel sensibler als die Anleger am Rentenmarkt agieren nach Jeffrey Gundlachs Ansicht die Akteure an den Devisenmärkten, denn die neue Stärke des Euros nimmt höhere Zinsen in Europa vorweg. Der deutliche Anstieg des Euros gegenüber dem US-Dollar im Jahr 2017 ist ein klares Zeichen, das die Anleger am Rentenmarkt bislang noch komplett ignorieren.

In der Vergangenheit war es ähnlich. Auch die ab 2012 zu beobachtende Stärke des US-Dollars hat die Erwartung der Zinsentwicklung gespiegelt. Mit einem deutlichen Vorlauf gegenüber dem Rentenmarkt ging der Devisenmarkt davon aus, dass die US-Notenbank vor dem Hintergrund einer relativ robusten Konjunktur in Amerika die Leitzinsen anheben werde. Nun gehen die Devisenhändler davon aus, dass die EZB dem Beispiel der FED folgen und ihre Geldpolitik ebenfalls straffen wird.

Die Risiken steigen

Dass die Politik des leichten Geldes irgendwann einmal enden muss, ist im Prinzip allen klar. Verständlich ist auch, dass die Notenbanken die Zinsen wieder anheben müssen, wollen sie im Falle einer erneuten Schwäche die Wirtschaft mit sinkenden Leitzinsen stützten. Dennoch besteht die Gefahr, dass der laufende Aufschwung abgewürgt wird. In den USA ist die Gefahr einer erneuten Krise deshalb so groß, weil die Amerikaner heute noch stärker verschuldet sind als vor der Finanzkrise.

Man darf dabei nicht allein auf den Hypothekenmarkt schauen, warnt Gundlach. Dieser sei in der Tat heute deutlich kleiner als 2008. Für einen Konsumenten ist es aber vergleichsweise egal, ob er seinen Hauskredit abbezahlt oder zur Miete wohnt. Viel entscheidender für seinen finanziellen Spielraum sind die Schulden, die er darüber hinaus angehäuft hat. Sie werden sehr sensibel auf jede Veränderung der Zinshöhe reagieren. Die Zinserhöhungen der FED können deshalb leicht auf den Konsum und damit auf die amerikanische Wirtschaft insgesamt durchschlagen.

Noch gibt es keine konkreten Hinweise darauf, dass dies bereits geschieht, aber Gundlach mahnt die Investoren auch Indikatoren wie die Verbraucherstimmung und die Verkäufe im Einzelhandel im Blick zu behalten, weil sich hier entscheidende Stimmungs- und Verhaltensänderungen bei den Konsumenten sehr früh zeigen werden.

Für Gundlach ist klar: Steigen die Zinsen in Europa wieder, so wird dies auch für die USA nicht ohne Folgen bleiben. Auch hier werden die Zinsen auf breiter Front steigen. Den Markt für Unternehmensanleihen könnte dies schnell unter Druck bringen, weil die Kurse hier immer noch steigen, der Markt also nach wie vor von fallenden und nicht steigenden Zinsen ausgeht.

Die Nervosität an den Märkten steigt

Noch ist die Liquidität am Rentenmarkt hoch. Wer Anleihen verkaufen will, findet problemlos einen Käufer. Doch sollte die Stimmung drehen, könnte auch die Liquidität sehr schnell austrocknen. Anlegern, die ihr Risiko auch bei ihren Anleihen reduzieren wollen, rät Jeffrey Gundlach deshalb, rechtzeitig Umschichtungen vorzunehmen und in sichere Anlagen zu wechseln.

Dazu zählt er keine „sicheren Staatsanleihen“ mit negativer Rendite, wohl aber Gold, Bargeld und US-Staatsanleihen mit einer positiven Rendite und einer Restlaufzeit von weniger als fünf Jahren.

„Das Geld an den Obligationenmärkten ist gemacht. Jetzt lautet die Parole, dereinst nicht allzu viel zu verlieren“, ist seine Devise. Wenn Sie mich fragen, klingt dieser Rat mehr als vernünftig.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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