Schwarzer Montag 1987: Heute ist alles anders?

Er war der Tag mit dem prozentual höchsten Kursverlust an der New Yorker Wall Street und die Anleger hatten guten Grund, den 19. Oktober 1987 in der Rückschau als „Schwarzen Montag“ zu bezeichnen. Der Dow Jones verlor an diesem Tag 22,6 Prozent seines Werts und stellte damit selbst den 28. Oktober 1929, mit dem die Anleger allgemein den Beginn der Weltwirtschaftskrise verbinden, in den Schatten.

Auch die Kursverluste der jüngeren Börsengeschichte reichen nicht an das Drama von damals heran. Verglichen mit dem Geschehen vor 30 Jahren waren die Ereignisse rund um den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers ein harmloser Kindergeburtstag.

Weil sich der Börsencrash von 1987 in wenigen Tagen zum 30. Mal jährt, stellen sich recht zwangsläufig zwei wichtige Fragen. Die Erste betrifft die Hintergründe und die Geschichte des Ereignisses, die Zweite ist in die Zukunft gerichtet und will wissen, ob sich ein Crash wie dieser heute noch einmal wiederholen könnte.

In einer Zeit, in der selbst normale Korrekturen auszubleiben pflegen und schon leichte Kursrückgänge von den Medien reißerisch als „Crash“ bezeichnet werden, ist es sehr schwer vorstellbar, dass die Kurse an einem einzigen Tag mehr als ein Fünftel ihres Werts verlieren. Aber so schlimm die Kursverluste damals auch waren. Heute sind Dow Jones und S&P 500 so stark angestiegen, dass die Einbrüche von damals in den langfristigen Charts kaum noch zu erkennen sind und vergleichsweise harmlos anmuten.

Eine Panik mit Ansage

Schon im Vorfeld des Crashs vom 19. Oktober 1987 waren die Nerven der Anleger stark angespannt. Die Stimmung war nicht die beste, denn die makroökonomischen Rahmenbedingungen hatten sich eingetrübt. Gleichzeitig wuchsen die Inflationssorgen. Mit ihnen verband sich die Angst vor einem restriktiveren Kurs der US-Notenbank. Auch eine Änderung der US-Steuergesetzgebung drückte aufs Gemüt. Bestehende Steuervergünstigungen für Unternehmensfusionen wurden abgeschafft. Der letzte Handelstag vor dem Crash war zudem ein kleiner Verfallstermin, der ebenfalls auf die Kurse gedrückt hatte.

Die Ausgangslage war damit nicht unbedingt die Beste und doch werden wohl nur die wenigsten Anleger und Händler am Montagmorgen bei der Börseneröffnung mit einem so katastrophalen Handelsverlauf gerechnet haben. Es ging sehr schnell sehr hektisch zu, denn schon gleich nach Handelsstart war ein enormer Verkaufsdruck im Markt. Er hielt den ganzen Tag über an. Doch das war nicht der entscheidende Grund, der aus einem schlechten Handelstag ein Desaster machte.

Die vielen Rückschauen und Analysen, die seither gemacht wurden, kommen unisono zu dem Schluss, dass die überforderte Technik die Hauptschuld an der Katastrophe trägt. Als die Wall Street im Oktober 1929 crashte, war der Ticker noch Stunden nach Handelsschluss damit beschäftigt, die während des Tages gehandelten Kurse auszudrucken. Während des Handels selbst hatten die meisten Anleger keine konkrete Vorstellung vom aktuellen Kursverlauf und handelten entsprechend blind.

Am 19. Oktober 1987 war es trotz des zwischenzeitlichen technischen Fortschritts ähnlich. Die limitierten technischen Kapazitäten der damaligen Zeit waren heillos überfordert und verstärkten die bestehende Verkaufsbereitschaft zu einer Panik. Kauf- und Verkaufsaufträge wurden nicht wie heute über das Internet, sondern langsam per Telefon und Fax auf den Weg gebracht. Die Telefonleitungen waren schnell überlastet und an der New York Stock Exchange kamen die meisten Aufträge nur mit einer erheblichen Verzögerung zur Ausführung.

Alles nur eine Frage der Technik?

Es wiederholte sich in gewisser Weise das Drama von 1929. Während der Handel lief, kamen die Drucker dem hektischen Kursverlauf nicht nach und die Händler waren zutiefst verunsichert, weil sie keine Gewissheit darüber hatten, ob der Kurs, zu dem sie handeln wollten, auch der aktuelle war. Sie wussten nicht, ob ihre limitierten Aufträge bereits ausgeführt waren oder ob es sinnvoller war, das Limit anzupassen.

Diese grundlegende Verunsicherung übertrug sich schnell auf das Kursgeschehen und ließ einen nervösen Handel in wilder Panik enden. Am Ende wurde der Handel nicht etwa verlängert, sondern vorzeitig beendet, um das aufgelaufene Handelsvolumen überhaupt abrechnen zu können.

Als Reaktion auf die technische Panne haben nicht nur die New Yorker Börse, sondern auch alle anderen Handelsplätze verstärkt in die Technik investiert. Heute stehen die internationalen Börsenplätze in einer Konkurrenz zueinander, in der es bei der Auftragsausführung teilweise nur um die Bruchteile von Sekunden geht. Die Mehrzahl der Beobachter hält deshalb einen Handelsverlauf wie den vom 19. Oktober 1987 aufgrund der technischen und organisatorischen Veränderungen heute nicht mehr für möglich.

Die um sich greifende Panik erfasste auch schnell alle anderen wichtigen Börsenplätze. Sie konnte erst am Folgetag unter Kontrolle gebracht werden, als die US-Notenbank öffentlich versprach, genügend Liquidität zur Verfügung zu stellen. Wie zwanzig Jahre später während der Finanzkrise dienten diese öffentlichen Erklärungen primär dazu, das verloren gegangene Vertrauen wiederherzustellen, denn ohne diese Hilfe hätten viele Banken die sie erreichenden Margin Calls nicht mehr erfüllen können.

Katalysator Margin Calls

Wie in vielen anderen Crashs auch wirkten die vielen Margin Calls, also die Forderung an jene Marktteilnehmer, die auf Kredit gehandelt hatten, ihre Sicherheitsleistungen zu erhöhen, wie Brandbeschleuniger. An der Chicago Mercantile Exchange (CME), der maßgeblichen Derivatebörse, wurden am Schwarzen Montag zehn Mal mehr Margin Calls registriert als üblich.

Auch hierbei kam es zu erheblichen Verzögerungen, die erneut technischer Natur waren. Eine Computerpanne führte dazu, dass Banküberweisungen, die die CME erreichten, erst verspätet gutgeschrieben werden konnten. Viele Positionen, für die nicht rechtzeitig Sicherheiten nachgeschossen wurden, wurden liquidiert. Das fachte die Verkaufswelle noch weiter an, sodass der Einbruch an der Derivatebörse am Ende stärker ausfiel als der beim Dow Jones an der New York Stock Exchange.

Nach 15 Monaten waren die Verluste wieder aufgeholt. Besser wäre natürlich gewesen, sie wären erst gar nicht entstanden. Aus diesem Grund wird heute bei einer vergleichbaren Panik der Handel für mindestens zehn Minuten unterbrochen. Experten bewerten die „circuit breaker“ genannten Auszeiten höchst unterschiedlich. Einige begrüßen sie, weil sie in einer psychologisch angespannten Situation für Ruhe und eine Zeit zum Nachdenken sorgen können.

Andere sehen die Unterbrechungen weniger positiv. Sie verweisen darauf, dass jeder um dieses Faktum weiß und die Händler deshalb versucht sein könnten, ihre Aufträge noch schnell abzuwickeln, bevor die Handelsunterbrechung greift. Die Angst vor einer Handelsunterbrechung würde damit genau das tun, was sie eigentlich verhindern soll: Den Kurssturz beschleunigen.

Krisen wird es immer wieder geben

Ob die eingeleiteten Veränderungen einen Crash wie den vom 19. Oktober 1987 werden verhindern können, wird die Zukunft zeigen. Eine absolute Gewähr dafür gibt es nicht. Wohl aber ist allen Beteiligten klar, wie wichtig es in Krisensituationen ist, dass der Handel eindeutigen, klar definierten Regeln unterworfen ist, die allen bereits im Vorfeld bekannt sind.

Die Chancen dazu, eine Neuauflage dieses Jahrhundertcrashs zu verhindern, stehen also nicht schlecht. Wir dürfen in diesem Zusammenhang jedoch nicht vergessen, dass Finanzkrisen, die am Ende nichts anderes als aus dem Ruder gelaufene Schuldenkrisen sind, auch heute noch jederzeit möglich sind. Da die Verschuldung inzwischen auf extreme Höhen gestiegen ist, sind sie eine reale Bedrohung, die auch durch eine verbesserte technische oder regulatorische Vorbereitung nicht aus der Welt zu schaffen ist.

Die berechtigte Hoffnung, dass uns Kettenreaktionen und technische Pannen wie die vom 19. Oktober 1987 erspart bleiben werden, sollte uns deshalb nicht zu einem Gefühl falscher Sicherheit verleiten. Es könnte wie am Schwarzen Montag leicht fatal enden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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