Die strukturierten Produkte kehren zurück

Die Zahl der Insekten und Rebhühner ist in Deutschland in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen, die der einst heiß begehrten kapitalgeschützten Produkte auch. Letztere kehren augenblicklich wieder zurück und können von der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten gestrichen werden. Ihre Umsätze haben sich aufgrund hoher Nachfrage vervierfacht.

Der Grund für diese Renaissance sind die gestiegenen Zinsen. Noch vor etwas mehr als einem Jahr, im 2. Quartal 2016, waren beispielsweise in der Schweiz von den verkauften strukturierten Produkten nur 1,3 Prozent der Gattung der Garantieprodukte zuzurechnen.

Mangelnde Nachfrage seitens der Anleger, die aus Vorsicht den Finanzmärkten fernblieben, war nicht der Grund für diese schwachen Absatzzahlen. Die Nachfrage war stets gegeben. Was fehlte, war die Möglichkeit der Emittenten, Lösungen in diesem Bereich überhaupt anbieten zu können.

In diesem Jahr stellt sich die Lage vollkommen anders dar. Im 2. Quartal 2017 wurden mit acht Milliarden Franken viermal so viele kapitalgeschützte Produkte umgesetzt wie ein Jahr zuvor. Der Marktanteil der Garantieprodukte innerhalb der Klasse der strukturierten Produkte stieg auf 11,3 Prozent. Kein anderer Bereich hat ähnlich stark dazu beigetragen, dass die strukturierten Produkte insgesamt ein Umsatzwachstum von 16,2 Prozent verzeichnen konnten.

Das Zinsniveau ist der Schlüssel

Das Umfeld für kapitalgeschützte Produkte war in den letzten Jahren starken Schwankungen unterworfen und hat sich jüngst wieder verbessert. Ausschlaggebend ist das Zinsniveau. Es waren die extrem niedrigen Zinsen, die den Markt für kapitalgeschützte Produkte haben austrocknen lassen.

Konstruiert werden die Garantieprodukte so, dass der Betrag, der nötig ist, um bei Fälligkeit die garantierte Summe auszahlen zu können, während der Laufzeit sicher angelegt wird. Liegt der Zinssatz bei drei Prozent und hat das Zertifikat beispielsweise eine Laufzeit von drei Jahren und einen Kapitalschutz von 100 Prozent, so müssen 91,50 Prozent der Anlagesumme sicher investiert werden, um mit ihnen bei Fälligkeit eine Auszahlung der eingezahlten Summe gewährleisten zu können.

Mit den restlichen 8,50 Prozent kann spekulativ agiert werden. Der Emittent kauft Optionen auf Aktien oder einen Aktienindex und versucht so, einen zusätzlichen Gewinn zu erzielen. Geht die Strategie auf und die Aktien bzw. Aktienindizes entwickeln sich positiv, steigt auch der Wert der Optionen. War die Strategie falsch, verfallen die Optionen zwar am Ende wertlos aber der Anleger erhält immer noch das eingezahlte Kapital ohne Verlust zurück.

Es liegt auf der Hand, dass diese Produktart umso erfolgreicher ist, je höher der Zinssatz ausfällt, denn höhere Zinsen bewirken, dass nur ein kleinerer Anteil sicher angelegt werden muss und für die beabsichtigte Spekulation mehr Geld zur Verfügung steht.

Dollarraum im Vorteil

Die niedrigen und teilweise negativen Zinsen der Vergangenheit haben Anlegern und Emittenten in den vergangenen Jahren einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Mit sicheren Anleihen ließen sich kaum mehr akzeptable Renditen erzielen. Außerdem wurde der für Optionsgeschäfte zur Verfügung stehende Anteil mit jedem Basispunkt, den das Zinsniveau sank, immer kleiner.

Seit Mitte 2016 verbesserte sich die Ausgangslage durch das langsam steigende Zinsniveau wieder. Hinzu kam, dass die Optionen aufgrund der niedrigen Volatilität an den Finanzmärkten günstiger wurden. Es steht heute nicht nur mehr Geld für den Kauf von Optionen zur Verfügung, sondern es können mit diesem Geld auch mehr Optionen gekauft werden.

Beide Aspekte machen in ihrem Zusammenwirken den Sektor der Garantieprodukte für Emittenten und Anleger wieder interessant. Diese Beobachtung gilt insbesondere für die USA bzw. den Dollarraum. Hier ist das Zinsniveau innerhalb des letzten Jahres um 70 Basispunkte auf 1,7 Prozent gestiegen. Dieser vergleichsweise geringe Anstieg ist bereits groß genug, um den Emittenten einen gewissen Spielraum zu eröffnen.

Wenn das Garantieprodukt einen hundertprozentigen Kapitalschutz bietet und auf den amerikanischen S&P 500 Index ausgerichtet ist, muss man als Anleger aber dennoch erhebliche Abstriche bei der Partizipation an der Entwicklung des Index machen. Der zur Verfügung stehende Spielraum ist groß genug, dass der Emittent wieder Optionen auf den S&P 500 kaufen kann. Aber er ist immer noch so klein, dass ein Anleger nur zu rund 50 Prozent an der Entwicklung der 500 größten US-Unternehmen partizipiert.

Immerhin, ein Anfang ist gemacht und es ist zu erwarten, dass mit jedem weiteren Anstieg des Zinsniveaus auch die bei den Anlegern so beliebten Garantieprodukte eine neue Blüte erleben werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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