Die Ölförderung in der Nordsee ringt um ihre Zukunft

Die Einwohner des schottischen Aberdeen schmücken ihre Stadt gerne mit dem Titel ‚Energiehauptstadt Europas‘. Man war stolz auf sich und das Nordseeöl draußen vor der Küste. Es brachte den Menschen Arbeit und der Stadt einen gewissen Wohlstand. Inzwischen geht die Förderung zwar nicht mehr zurück, aber das Fördermaximum liegt schon einige Jahre zurück.

Überhaupt stellt sich die Frage, was aus dem in der Nordsee noch verbliebenen Öl werden wird. Der tiefe Fall des Rohölpreises in den Jahren 2014 bis 2016 hat der Branche und auch der Stadt Aberdeen stark zugesetzt. Die Förderung in der Nordsee ist vergleichsweise teuer. Das macht das Nordseeöl im Vergleich zu anderen Ölsorten und Förderländern unattraktiv.

Im Raum stehen dann noch die Fragen, die derzeit überall auf der Welt die Menschen beschäftigen und ein Umdenken bei den großen Ölkonzernen eingeleitet haben: Wie klimaschädlich ist das Öl und wann kommt der Tag, an dem alle Fahrzeuge nur noch elektrisch betrieben werden?

Eine Welt ohne Öl, das war auch vor 50 Jahren, als die Ölproduktion in der Nordsee begann, eine Vorstellung, welche die Menschen in Europa umtrieb. Doch die Unterschiede zu heute könnten kaum größer sein. Damals fürchtete man, der Welt könne das Öl ausgehen, weil nicht genügend zur Verfügung steht und das wenige, das noch vorhanden ist, dem Westen von den arabischen Förderländern aus politischen Gründen vorenthalten wird.

Hohe Kosten, alternde Infrastruktur

Das Nordseeöl versprach Rettung und Unabhängigkeit. Vor dem Hintergrund der in den 1970er Jahren stark steigenden Ölpreise wurde es zunehmend attraktiver. Das Leben auf den einsamen künstlichen Inseln draußen auf See war hart, aber die Jobs wurden gut bezahlt und für die Konzerne sprudelten dennoch die Gewinne, weil der Rohölpreis im Grunde nur eine Richtung kannte, die nach oben.

Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen. Jahre, in denen man gut verdient hat, in denen aber auch die Infrastruktur immer älter und damit reparaturanfälliger geworden ist. Über 43 Milliarden Barrel Rohöl wurden in der Nordsee seit 1967 gefördert und noch immer sollen Schätzungen zufolge bis zu 20 Milliarden Fass (159 Liter) im Boden schlummern. Selbst in kleineren Feldern könnten rund 1,5 Milliarden Barrel zu den heutigen Kosten gefördert werden, wenn der Ölpreis mindestens auf dem Niveau von 50 US-Dollar je Barrel verharrt.

Der große Boom scheint allerdings erst einmal vorbei zu sein. Zwar zog die Förderung in den letzten Jahren wieder leicht an. Doch diese Produktionssteigerung geht auf Projekte zurück, die zu einer Zeit geplant und bewilligt wurden, als der Ölpreis noch bei 100 US-Dollar je Fass notierte. Heute herrscht bereits Euphorie am Ölmarkt, wenn der Preis von 50 auf 55 US-Dollar steigt.

So wundert es nicht, dass ein starker Rationalisierungsdruck auf der Branche lastet. Ihn verspüren besonders die Dienstleistungsunternehmen und die Arbeiter auf den Plattformen. Derzeit sind in der Ölbranche in Großbritannien noch rund 300.000 Menschen beschäftigt. Vor drei Jahren im Jahr 2014 waren es noch 150.000 mehr. Es ist bezeichnend, dass in Aberdeen und Umgebung, das einträgliche Geschäft mit der Stilllegung von Plattformen und Pipelines derzeit als die größte Zukunftshoffnung gilt.

Die Branche sortiert sich neu

Für die Schließung ihrer Produktionsstätten werden die Firmen nach einer Schätzung des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie in diesem Jahr bis zu 53 Milliarden Pfund, das entspricht 60,15 Milliarden Euro, ausgeben. Ganz abgesehen davon, dass die Branche durch die Stilllegung ein sehr deutliches Signal sendet, wird es mit jeder Plattform, die ausrangiert wird, immer schwieriger, die alten Felder weiter zu nutzen.

Grundsätzlich werden in der Branche bedingt durch den starken Verfall der Ölpreise, der vor drei Jahren eingesetzt hat, zwei Wege mit Nachdruck bestritten. Der Erste zielt darauf ab, die Förderkosten deutlich zu senken. BP beispielsweise gelang es in den letzten drei Jahren, die durchschnittlichen Förderkosten von 30 US-Dollar auf 15 US-Dollar je Barrel zu drücken. Das ist ein ansehnlicher Erfolg, doch im internationalen Vergleich sind die Förderkosten in der Nordsee damit immer noch recht hoch. Aus diesem Grund sollen sie in den kommenden drei Jahren nochmals um drei Dollar sinken.

Der zweite Weg, der beschritten wird, ist der Rückzug aus der Nordseeförderung. In der Branche wird der Kauf der Erdöl-Aktivitäten der Reederei Maersk für 7,5 Milliarden Dollar durch die französische Total einerseits als Zeichen für die grundsätzliche Attraktivität des Gebietes gewertet. Auf der anderen Seite zeigt der Rückzug der Reederei, dass der Ölmarkt durch die verschärften Rahmenbedingungen wieder zu einem Spielfeld der Spezialisten geworden ist.

Bei Royal Dutsch (Shell) geht man sehr differenziert mit dem Problem um. Auf der einen Seite verkaufte man im Januar 2017 rund die Hälfte seiner Produktionskapazität in der Nordsee für 3,8 Milliarden US-Dollar an das kleine Unternehmen Chrysaor, das maßgeblich von Private-Equity-Investoren gestützt wird. Andererseits nahm man westlich der Shetlandinseln gemeinsam mit BP das neue Feld Quad 204 in Betrieb. Hier soll die Produktion bis zum Jahr 2020 auf 200.000 Barrel pro Tag verdoppelt werden.

Der niedrige Ölpreis wirkt nach

Der Blick auf die Zukunft ist in der Branche verhalten optimistisch. Ölpreise von 100 US-Dollar und mehr sieht auf absehbare Zeit niemand mehr. Dazu ist die Produktion zu hoch und die Nachfrage zu gering. Deshalb liegt der Fokus eindeutig auf der Senkung der Produktionskosten. Investitionen in neue Felder werden demgegenüber zurückgestellt.

Für die Erdölförderung in der Nordsee und die Menschen im schottischen Aberdeen sind das keine guten Aussichten. Die Zahl der in den letzten Jahren durchgeführten Probebohrungen ging bereits deutlich zurück. Sie wird auch in Zukunft nicht spürbar steigen. Da ohne Probebohrungen aber auch keine neuen Felder in Produktion gehen können, dürfte zumindest für die Ölförderung in der Nordsee auf absehbare Zeit gelten, dass die Ölbranche eine reife Branche ist, die ihre besten Jahre vermutlich schon hinter sich hat.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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