Österreich: Die Rückzahlung dieser Anleihe werde ich wohl nicht mehr erleben, aber ich zeichne sie trotzdem!

Bernd Heim
By Bernd Heim / 13. Oktober 2017

 Da minderjährige Kinder noch nicht geschäftsfähig sind, muss der jüngste Anleger, der diese Schuldverschreibung der Alpenrepublik aus freien Stücken gekauft hat, mindestens 118 Jahre alt werden, um die Rückzahlung seines Geldes zu erleben – eine stramme Leistung.

Da die meisten Anleger beim Zeichnen der Anleihe jedoch deutlich älter als 18 Jahre gewesen sein sollten, ist ihre Entscheidung für den Kauf umso bemerkenswerter. Sie alle verleihen Geld in der Gewissheit, es nie wiederzusehen. Normalerweise ist dieser Ansatz primär mit dem Verschenken nicht aber dem Verleihen verbunden.

Man könnte den bemerkenswerten Schritt dennoch verstehen, wenn die Rendite der Jahrhundertanleihe über jeden Zweifel erhaben wäre. Das ist sie aber nicht. Mit einem Zinssatz von nur 2,1 Prozent fällt sie ausgesprochen niedrig aus. Gewiss, gemessen an den aktuell erhältlichen Zinssätzen sind 2,1 Prozent viel. Aber wollen wir wirklich annehmen, dass in 40, 50 oder 70 Jahren die Zinsen immer noch so niedrig sind wie aktuell?

Wir Menschen neigen zwar dazu, Trends bis ins Endlose fortzuschreiben, aber bei ein wenig Nachdenken und einem auch nur flüchtigen Blick zurück in die Geschichte dürfte jedem Anleger schnell klar sein, dass das heutige Zinsniveau nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist.

Haben die Anleger ihren Verstand verloren?

Man könnte geneigt sein, auf den schon seit Jahren herrschenden Anlagenotstand zu verweisen. Eine attraktive Verzinsung zu finden, ist aktuell schwierig. Außerdem ist die Inflationsrate niedrig. Es bleibt also nach Steuern und Inflation noch eine positive Verzinsung, was in Zeiten negativer Zinsen schon einiges heißen will.

Aber so ganz zu überzeugen, vermag dieses Argument nicht, denn mit den ebenfalls als sicher geltenden zehnjährigen US-Staatsanleihen erzielt man derzeit sogar eine noch etwas höhere Verzinsung. Warum sind die Anleger also nicht in die USA gezogen und haben sich dort eine leicht höhere Rendite gesichert?

War etwa der steigende Euro-US-Dollar-Wechselkurs der Grund? Wenn ja, dann ist zu verstehen, warum die Käufer des Centruy-Bonds die zehnjährigen US-Schatztitel als Alternative verschmäht haben. Aber immer noch unverständlich bleibt, warum sie die hundertjährige österreichische Anleihe gekauft haben und nicht andere österreichische Anleihen mit einer deutlich geringeren Laufzeit, denn ein steigender Euro weist auf steigende Zinsen in Europa.

Zwar wird dieser Zinsanstieg nicht heute und auch noch nicht morgen erfolgen, doch für das Jahr 2019 rechnet der Devisenmarkt schon mit steigenden Zinsen in der alten Welt. Da die Jahrhundertanleihe auch in den Jahren 2019 und 2020 im Vergleich zu ihrer gesamten Laufzeit noch relativ jung sein wird, ist die Eile der Investoren vor dem Hintergrund des nun schon seit Jahresanfang stark steigenden Euros vollkommen unverständlich.

Aus staatlicher Sicht macht dieser Zinswahnsinn durchaus Sinn

Der Trend, Staatsanleihen mit extrem langen Laufzeiten zu kaufen, ist nicht neu. Er zeichnet sich bereits seit einigen Jahren ab und spiegelt die verzweifelte Suche der Anleger nach attraktiven Zinsen und einer angemessenen Rendite wider. Verständlich ist auch, dass die Schuldner, allen voran die staatlichen Kreditnehmer, bemüht sind, sich die niedrigen Finanzierungskosten für einen möglichst langen Zeitraum zu sichern.

Im Jahr 2016 wurden weltweit 63,5 Milliarden US-Dollar in Staatsanleihen mit extrem langen Laufzeiten investiert. Innerhalb der Eurozone stellen Anleihen mit einer Laufzeit von 100 Jahren und einem derart hohen Emissionsvolumen wie jüngst in Österreich dennoch einen Rekord dar.

Anleiheexperten reagieren auf die seltsame Kauflust der Anleger meist nur mit einem verständnislosen Kopfschütteln. Ihnen ist bewusst, dass die lange Laufzeit ein großes Risiko darstellt und Staatsanleihen mit ultralangen Laufzeiten in der Vergangenheit ausgesprochen empfindlich auf Zinsveränderungen reagiert haben. Das gilt besonders für jene Obligationen, die gleichzeitig eine niedrige Verzinsung aufweisen.

Sinkt das Zinsniveau, verzeichnen diese Anleihen sofort sehr hohe Kursgewinne. Der Zusammenhang gilt allerdings auch in die Gegenrichtung. Will heißen: In einem Umfeld mit steigenden Zinsen verlieren bestehende Anleihen an Attraktivität, sodass Kursverluste unausweichlich sind. Aus diesem Grund positionieren sich Anleger, die einen Anstieg des Zinsniveaus erwarten, normalerweise in Anleihen mit kürzeren Restlaufzeiten.

Die Blase pumpt sich weiter auf

Schon länger weisen bekannte Anleiheexperten wie Jeffrey Gundlach darauf hin, dass der Bondmarkt in einer Blase steckt. Sie beziehen sich dabei nicht nur auf den Markt für Staatsanleihen, sondern haben insbesondere die Unternehmensanleihen im Blick. Die Neigung der Anleger zum Kauf extrem langlaufender Anleihen unterstützt diese Ansicht.

Auch die Tatsache, dass der Rentenmarkt die Entwicklung an den Devisenmärkten überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen scheint, mahnt zur Vorsicht, denn eine der beiden Händlergruppen wird unrecht haben und mit ihrer Einschätzung falsch liegen und in der Vergangenheit haben sich die Devisenhändler schon oft als die besser informierte Gruppe erwiesen.

Liegen die Anleihehändler falsch, ist das Risiko für deutliche Kursverluste hoch. Diese können im Fall der Fälle fast nur noch durch einen Verkauf der Anleihe realisiert werden, denn der Versuch, eine Buy-and-hold-Strategie zu fahren und die Anleihe bis zur Rückzahlung in 100 Jahren zu halten, dürfte selbst für einen ausgesprochen jungen Investor kaum der richtige Weg sein.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Teilen Sie diesen Beitrag bitte mit Ihren Freunden, wenn Sie der Meinung sind, dass das Thema zu wichtig ist, um im allgemeinen Mediensumpf unterzugehen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: