Die EZB und die Gretchenfrage nach dem Tapering

Bernd Heim
By Bernd Heim / 16. Oktober 2017

In der nun anbrechenden zweiten Hälfte des Monats dürften die Notenbanken wieder etwas stärker in den Fokus der Anleger rücken. Insbesondere die bevorstehende Sitzung der Europäischen Zentralbank am 26. Oktober dürfte von großem Interesse sein, denn der Markt erwartet von dieser Sitzung Klarheit über das weitere Vorgehen der Notenbank.

Für ein wenig Klarheit hat die EZB in den vergangenen Monaten schon gesorgt, als sie erklärt hat, dass die Zinsen auch nach dem Auslaufen des Anleihenkaufprogramms noch für eine lange Zeit niedrig bleiben werden. Mit einem hektischen Drehen an der Zinsschraube ist also zunächst nicht zu rechnen. Der Markt möchte aber endlich wissen, in welchem Tempo die laufenden Anleihenkäufe zurückgeführt werden sollen und wann das Programm endgültig beendet sein wird.

Offiziell endet das Programm schon in diesem Dezember, doch die Mehrheit der Anleger rechnet auch im neuen Jahr mit fortgesetzten Wertpapierkäufen, wenn auch in einem geringeren Volumen als aktuell. Während die Anleger sich von EZB Präsident Mario Draghi konkrete Zahlen und Termine wünschen, hat dieser vermutlich das Ziel, die Finanzmärkte so lange wie möglich, über die konkreten Schritte der Zentralbank im Unklaren zu lassen.

Im Hintergrund steht die Erfahrung, welche die amerikanische Notenbank manchen musste, nachdem sie die Märkte vorsichtig auf das Auslaufen ihres QE-Programms und einige Monate später auch auf die erste Zinsanhebung seit Jahren vorbereitet hat. Die Marktteilnehmer reagierten sofort, und obwohl das QE-Programm noch nicht beendet bzw. die Zinsen noch nicht erhöht waren, stieg bereits der Marktzins.

Die Vorteile einer unklaren Kommunikationspolitik

Aus Marktsicht war die Entwicklung naheliegend, denn an der Börse wird die Zukunft gehandelt, und wenn jetzt schon klar ist, dass die Zinsen in Zukunft steigen werden, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, auf diese Entwicklung geduldig zu warten. Im Gegenteil: Man nimmt die zu erwartende Entwicklung zeitlich vorweg und lässt die Zinsen sofort steigen.

Damit verpufft die Intention der Notenbank, welche die Zinsen eigentlich noch eine Weile auf einem niedrigeren Niveau halten will, wirkungslos. Will die EZB also in den kommenden Monaten die Erfahrung der amerikanischen FED nicht machen, muss sie die Finanzmärkte bewusst über ihr konkretes Vorgehen ein Stück weit im Unklaren lassen.

Um den Ankündigungseffekt auf die Zinsen so niedrig wie nur möglich zu halten, wird Mario Draghi vermutlich darauf verzichten, den Anlegern ein konkretes Enddatum für die Anleihenkäufe mit auf den Weg zu geben. Möglicherweise wird er nicht einmal einen konkreten Tapering-Fahrplan vorlegen.

Die Marktteilnehmer sind dann selbst aufgerufen über die Reduzierung der EZB-Anleihenkäufe nachzudenken. Sie werden diese zwar antizipieren, aber vermutlich werden sie anders als bei der damaligen Ankündigung der FED auf unmittelbare, scharfe Reaktionen verzichten. Kommt es so, wäre dies aus Sicht der EZB schon als ein Erfolg zu werten.

Welche Zinsreaktionen sind zu erwarten?

Eine Möglichkeit die zu erwartende Marktreaktion abzuschätzen besteht darin in die Vergangenheit zu schauen und den Rückgang der Renditen bei der Einführung des Programms als Maßstab heranzuziehen. Zwar gibt es bei dieser Vorgehensweise einige Unsicherheitsfaktoren, weil die Rendite einer Anleihe sich nicht allein aus dem Zins und der Politik der Notenbank herleiten lässt. Auch politische und wirtschaftliche Faktoren spielen mit hinein.

Dennoch ist der Rückgang der Renditen bei der Einführung des Programms ein recht guter Anhaltspunkt, um die zukünftige Entwicklung ein wenig besser abschätzen zu können. Wir erinnern uns: Am 22. Januar 2015 verkündete die EZB die bis heute spektakulärste Entscheidung ihrer noch jungen Geschichte. Beginnend ab dem April des Jahres wurden Staats- und Unternehmensanleihen aufgekauft. Ihr Gesamtwert betrug bereits im August 2017 mehr als zwei Billionen Euro und er wird bis zum Jahresende noch weiter steigen.

Nach einer Analyse der EZB hat das Anleihenkaufprogramm dazu geführt, dass die durchschnittliche Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen um 63 Basispunkte gesunken ist. Der Renditerückgang fiel aber nicht gleichmäßig aus. Am stärksten war er bei den Anleihen aus den Problemstaaten mit schwächerer Bonität, während Bundesanleihen einen geringeren Rückgang der Rendite verzeichneten.

Interessant ist auch die Beobachtung, dass der größte Effekt noch vor dem Beginn des Programms, also im Februar und März 2015 zu beobachten war. Diese Entwicklung war auch an den Aktienbörsen zu bemerken. Der DAX stieg zwischen Ende Januar und Ende März 2015 deutlich an, kam aber im April 2015, als das Programm eigentlich begann, nicht mehr so recht von der Stelle.

Schärfere Marktbewegungen voraus?

Ähnliche Effekte sind auch nun wieder zu erwarten, jedoch in spiegelverkehrter Richtung. Eine Ankündigung der EZB, die Anleihenkäufe spürbar zurückzufahren, wird das Zinsniveau wieder steigen lassen. Ob ebenfalls um 0,63 Prozentpunkte, bleibt abzuwarten. Fraglich ist auch, ob der Ankündigungseffekt wieder in der gleichen Weise wirken wird wie zu Beginn des Jahres 2015. Hier werden wir möglicherweise die eine oder andere Abweichung erleben.

An Spannung ist für die nächsten Wochen also gesorgt. Bleibt nur noch zu wünschen, dass sie sich an den Aktienmärkten auch in größeren Bewegungen niederschlägt. Aber wer weiß. Vielleicht arbeiten die Anleger auch an einem neuen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Dieses Mal für die Rubrik ‚Niedrigste Schwankungsbreite aller Zeiten‘.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden, damit auch diese die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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