Moderne Finanzmärkte: Geld regiert die Welt – stärker als je zuvor

Geld hat schon immer die Welt regiert. Das ist insofern nichts Neues. Deutlich geändert hat sich jedoch die Art und Weise wie diese Herrschaft ausgeübt wird. Übte das dominierende Geld seine Macht früher eher diskret aus und agierte vorwiegend aus dem Hintergrund, drängt es sich heute in einer nie gekannten Weise in den Vordergrund. Das geschieht vor allem in Gestalt der Finanzmärkte.

Sie sind zum Goldenen Kalb geworden, um das gefälligst die ganze Welt zu tanzen hat. Und sie führt diesen Tanz auch wirklich auf, etwa dann, wenn bei jeder Gelegenheit und selbstverständlich auch bei allen wichtigen Entscheidungen immer peinlich genau darauf geachtet wird, wie die Finanzmärkte diese wohl aufnehmen werden. Sehr leicht kann man heute als Politiker, Manager oder Wirtschaftswissenschaftler von der Konkurrenz in ein schlechtes Licht gerückt werden, indem darauf verwiesen wird, dass die eigenen Pläne oder Entscheidungen von den Finanzmärkten negativ aufgenommen worden seien.

Die Finanzmärkte werden dadurch nicht nur zum Maß aller Dinge, sondern gelangen in eine Position, die ihnen eigentlich nicht zusteht. Man macht sie zum Richter über alle wichtigen Fragen des Lebens und tut so, als könne es auf alles nur eine einzige legitime Antwort geben, die des Geldes. Wobei man an dieser Stelle besser sagen sollte, die des großen Geldes, denn mit kleinem Geld kommt man heute an den Finanzmärkten nicht mehr weit.

Der Ursprung der heutigen Finanzmärkte liegt im 19. Jahrhundert. Durch die Vergabe von Krediten finanzierten die Banken nicht nur das Wachstum der Industrie. Sie wuchsen auch selber, weil ihnen durch die Zinsen weiteres Geld zufloss und sich ihre Macht und ihr Einfluss ständig erweiterte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Entwicklung schon so weit fortgeschritten, dass die Banken das wirtschaftliche und politische Geschehen aus dem Hintergrund zu lenken und leiten begannen. Dies geschah von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt.

Die Gier nach höheren Profiten führt zu Krieg und Not

Das 19. Jahrhundert war eine vergleichsweise friedliche Zeit. Wenn man von den Napoleonischen Kriegen an seinem Beginn einmal absieht, war es eine Zeit mit wenigen, meist nur kurzen Kriegen. Es waren weniger die Menschen, die friedlicher geworden waren, als der Goldstandard, der sie dazu zwang, auf lange Kriege zu verzichten. Sie waren einfach nicht mehr bezahlbar.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs hatte sich die Situation gleich in mehrfacher Hinsicht zugespitzt. Die Welt und damit auch die Absatzmärkte waren erschlossen und unter den Kolonialmächten aufgeteilt. Weiteres Wachstum gab es nun nur noch auf Kosten der anderen. Gleichzeitig war 1913 mit der Gründung der amerikanischen Notenbank, die von Anfang an eine Institution in Besitz von Privatbanken war, der entscheidende Schritt zu einer Privatisierung der Geldschöpfung gemacht worden.

Als Erstes blieb im August 1914 der Goldstandard auf der Strecke. Er wurde geopfert, um den ausgebrochenen Krieg bezahlbar zu machen und anschließend nie wieder eingeführt. Während die Soldaten auf den Schlachtfeldern starben, verdienten die Banken gut an den Krediten, die sie zur Finanzierung der Materialschlachten vergaben. Es waren vor allem die großen US-Banken, die von dieser Entwicklung profitierten.

Weil die USA im Ersten Weltkrieg lange und im Zweiten Weltkrieg zumindest eine Zeit lang neutral waren, verdiente die New Yorker Bankenszene prächtig an dem Gemetzel. Auch die Not der Zwischenkriegszeit war zu einem großen Teil den US-Banken und ihrer unerbittlichen Forderung nach Rückführung der vergebenen Kredite geschuldet.

Der Machtschwerpunkt verschiebt sich in die USA

England und Frankreich forderten vom Deutschen Reich hohe Reparationen, um ihre Schulden in den USA bezahlen zu können und das chronisch finanzschwache Reich sah sich zu Zahlung der geforderten Summen nur mit Hilfe von kurzfristigen Krediten aus den USA in der Lage. Die großen Profiteure dieses Geldkreislaufs und der Not, die er hervorrief, saßen jedoch nicht mehr wie noch im 19. Jahrhundert in London, sondern in New York.

Es ist bezeichnend, dass 1944, noch während der Zweite Weltkrieg tobte und in seine Endphase ging, auf der Konferenz von Bretton Woods ein neues Währungs- und Finanzsystem geschaffen wurde, das in einem besonderen Maß auf die Bedürfnisse der Wall Street zugeschnitten war. Es unterwarf die gesamte Welt der Herrschaft des US-Dollars, was im Endeffekt auf die Herrschaft desjenigen hinausläuft, der den US-Dollar kontrolliert.

Das ist damals wie heute die Federal Reserve Bank. In der Wahrnehmung der meisten Menschen ist sie eine unabhängige, staatliche Zentralbank, in Wirklichkeit jedoch eine privatwirtschaftliche Schöpfung, die von den hinter ihr stehenden großen Privatbanken kontrolliert wird.

Die Not und die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs waren die Grundlage für den Boom der frühen Nachkriegszeit. Er schürte bei vielen Menschen die Hoffnung, dass das Wachstum unendlich sei und nun zumindest wirtschaftlich eine neue Epoche angebrochen sei. Der Traum hielt gut 20 Jahre, dann stieß das Finanzsystem Anfang der 1970er Jahre zunehmend an seine Grenzen.

Das Ende des Wachstums schien erreicht und die verwöhnten Banken drohten nicht nur weniger zu verdienen, sondern auch viele der an die Entwicklungsländer vergebenen Kredite abschreiben zu müssen. Hilfe und Unterstützung kamen von der Politik. Sie deregulierte den Bank- und Finanzsektor in den letzten 25 Jahren des 20. Jahrhunderts zunehmend und schuf damit die Basis für eine gefährliche Entwicklung, die im Grunde bis heute anhält.

Finanz- und Realwirtschaft lösen sich von einander

Je weiter die Finanzmärkte dereguliert und von hinderlichen rechtlichen Auflagen und Vorschriften befreit wurden, umso mehr begann die Finanzwirtschaft, sich von der realen Wirtschaft zu lösen. Der Finanzsektor führte nicht nur ein Eigenleben, sondern wuchs auch wesentlich schneller als alle anderen Branchen. Innerhalb weniger Jahre stieg der Anteil des Finanzsektors am Bruttosozialprodukt von vier auf acht Prozent.

Mit dem Wachstum änderte sich auch der Charakter der Finanzmärkte selbst. Die Börse war zunächst ein Platz, an dem sich Käufer und Verkäufer gleichberechtigt gegenüberstanden. Angebot und Nachfrage bestimmten den Preis. Heute kann an der Börse weder von Gleichberechtigung noch vom freien Spiel von Angebot und Nachfrage noch ernsthaft die Rede sein.

Leerverkäufer verkaufen Dinge, die sie selbst gar nicht besitzen, nur weil sie meinen, dass ihr Kurs zu hoch ist und die allgemeine Richtung des Marktes wird nicht von der breiten Masse der Anleger, sondern von einigen wenigen international agierenden multinationalen Konzernen, Großbanken und Hedgefonds bestimmt. In den letzten Jahren sind die Notenbanken als weitere Manipulateure dazugekommen.

Die Finanzmärkte haben inzwischen einen Einfluss auf unser Leben gewonnen, der nicht mehr gerechtfertigt ist. Sie entscheiden über unseren Lebensstandard und die Frage, ob unsere Altersversorgung am Ende noch eine Versorgung sein wird. Wenn es hart auf hart kommt, müssen die Bürger die Finanzmärkte retten. Zudem wächst die soziale Ungerechtigkeit.

Jede Entwicklung hat ihre positiven wie negativen Aspekte. Das gilt selbstverständlich auch für die Veränderungen, denen die Finanzmärkte im Laufe ihrer Geschichte unterworfen sind. Augenblicklich überwiegen die negativen Konsequenzen für die breite Masse, während nur einige Wenige profitieren. Dieses Ungleichgewicht wird auf Dauer zerstörerisch wirken. Aus diesem Grund ist es dringend geboten, dass die Gesellschaften überall auf der Welt die Rolle der Finanzmärkte kritisch hinterfragen und gegebenenfalls korrigieren.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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