US-Notenbank: In unsicherem Fahrwasser

Bernd Heim
By Bernd Heim / 18. Oktober 2017

In diesem Monat beginnt die US-Notenbank damit, ihre Bilanz zu verkleinern. Sie hat diesen Schritt lange angekündigt und der Beginn der Verkleinerung fällt mit einem monatlichen Volumen von nur zehn Milliarden US-Dollar zunächst auch recht vorsichtig aus. Zwar soll die Bilanzreduzierung schrittweise intensiviert werden, doch bis die in den vergangenen Jahren stark aufgeblähte Bilanz von 4,5 Billionen US-Dollar wieder auf ein gesundes Maß zurückgeschnitten sein wird, wird einige Zeit vergehen.

In dieser Zeit ist die Federal Reserve Bank in einem Terrain unterwegs, das zuvor noch niemand betreten hat. Entsprechend groß sind die Gefahren, die auf dem Weg lauern. Sie verbinden sich mit einer natürlichen Unsicherheit, denn wenn keiner so recht weiß, was geschehen wird, sind auch Prognosen eine höchst unsichere Angelegenheit.

Die FED versucht dieser Unsicherheit dadurch zu begegnen, dass sie den Markt über ihre Schritte nicht im Unklaren lässt. Erste Andeutungen zum bevorstehenden Schritt wurden bereits im Juni gemacht. Im September wurde die Notenbanksitzung genutzt, um den Beginn anzukündigen und das geplante monatliche Volumen zu benennen.

Die FED versteht es als Maximalwert der zu erwartenden Reduzierung. Wenn alles gut geht und die Wirtschaft weiter schön rund läuft, wird die Bilanz der Notenbank um den angekündigten Betrag verkleinert. Treten allerdings Schwierigkeiten auf, behält sich die FED vor, die Maßnahmen in einem kleineren Umfang durchzuführen oder sie sogar ganz auszusetzen. Auch diese Ankündigung dient in erster Linie dazu, den Markt zu beruhigen und Unruhe erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Wer kauft, wenn die FED es nicht mehr tut?

Da die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan in den vergangenen Jahren eine sehr expansive Geldpolitik betrieben haben, ist die US-Notenbank gemessen an der Bilanzsumme nur noch die drittgrößte Notenbank der Welt. Dennoch ist die FED noch immer diejenige, die international den Takt vorgibt.

Ein aktiver Verkauf der erworbenen Anleihen wird nicht stattfinden. Man begnügt sich damit, Anleihen, die auslaufen, nicht mehr durch neue zu ersetzen. Aber schon allein das könnte ausreichen, den Markt in ein starkes Ungleichgewicht zu bringen, denn bislang haben Staaten alte Anleihen, die ihre Fälligkeit erreicht hatten, immer durch neue ersetzt.

Für diese neuen Anleihen steht die FED als Käufer nun nicht mehr zur Verfügung. In ihre Fußstapfen müssen andere treten und der Markt fragt sich bereits, wer dies sein könnte. Shyam Rajan von der Bank of America fürchtet, dass das US-Schatzamt als Konsequenz aus der Bilanzkürzung in den nächsten fünf Jahren seine Kreditaufnahme um rund eine Billion US-Dollar erhöhen muss.

Auf den Anleihenmarkt kommt also eine Situation zu, bei der das Angebot erhöht wird, während gleichzeitig ein wichtiger Käufer vornehme Zurückhaltung übt. Phasen mit einem erhöhten Angebot von US-Schatztiteln hat es auch schon zu früheren Zeiten gegeben, beispielsweise in den Jahren 2003 bis 2006 und 2009 bis 2013. Damals haben sich insbesondere chinesische Käufer mit US-Staatsanleihen eingedeckt und das zusätzliche Angebot stets vom Markt genommen.

Wie hält Donald Trump es mit den Käufern aus dem Ausland?

Auf die Chinesen oder andere Käufer aus dem Ausland zu hoffen, ist momentan nicht unbedingt die beste Idee, denn US-Präsident Donald Trump droht China mit einem Handelskrieg. Sollte dieser wirklich kommen, werden die Chinesen kaum geneigt sein, weiterhin im großen Stil US-Staatsanleihen zu kaufen.

An dieser Stelle hätte der US-Präsident dann gleich ein doppeltes Problem: Erstens müsste er wegen der Bilanzverkürzung der FED und den dadurch steigenden Zinsen mehr Schulden aufnehmen und zweitens würden die Chinesen als Käufer fehlen, wenn er sie mit seiner Nordkorea- oder Handelspolitik immer wieder vor den Kopf stößt.

Damit das zusätzliche Angebot an Staatsanleihen absorbiert werden kann, müssen entweder die Renditen kräftig steigen oder die Aktienkurse deutlich fallen, denn andere große Käufer wie Pensionskassen und Investmentfonds werden sich nur dann stärker am Rentenmarkt engagieren, wenn entweder die Renditen dort steigen oder die Aktienmärkte durch eine Korrektur oder den Übergang in einen Bärenmarkt für sie unattraktiver werden.

Fraglich ist allerdings, ob die FED an ihren Abbauplänen festhalten wird, wenn der US-Aktienmarkt gleichzeitig von schweren Kursrückgängen belastet wird. Auch unerwartete konjunkturelle oder politische Ereignisse könnten die US-Notenbank bewegen, ihre Bilanzkürzung zu verlangsamen oder teilweise auszusetzen.

Personalpolitik als Unsicherheitsfaktor

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor sind die personellen Veränderungen im Board der US-Notenbank. Nicht nur die Amtszeit von Janet Yellen endet in Kürze. Der gesamte Kreis der Gouverneure wird sich personell verändern. Offen ist dabei nicht nur die Frage, wer die freiwerdenden Stellen am Ende besetzen wird. Auch die Einstellung der neuen FED-Gouverneure zur beabsichtigten Bilanzverkleinerung ist unklar.

Die aktuellen FED-Mitglieder möchten zwar die angekündigte Bilanzverkleinerung als so langweilig wie das Trocknen von Farbe erscheinen lassen, aber spannend wird es dennoch, denn die Ansichten des gegenwärtig personell unterbesetzten Direktoriums der Notenbank könnten bereits in einigen Monaten gegenstandslos geworden sein.

Donald Trump kann in den kommenden Monaten bis zu fünf neue Gouverneure ernennen. Er kann damit ein deutliches Zeichen für eine fortgesetzte Bilanzverkürzung aber auch für eine fortgesetzte Politik des billigen Geldes setzen. Da seine politische Bilanz bislang mehr als durchwachsen ist, sollten wir davon ausgehen, dass er versuchen wird, diese Chance für sich zu nutzen.

Bei der bekannten Sprunghaftigkeit des neuen US-Präsidenten und der Unsicherheit über die zukünftige Zusammensetzung der FED kann der Markt sich längst noch nicht sicher sein, dass die Bilanzverkürzung tatsächlich so kommen wird, wie es Janet Yellen und ihre Mannschaft augenblicklich noch planen. Für reichlich Spannung ist also weiterhin gesorgt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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