Die eingebildete Ohnmacht vor den Finanzmärkten

Die Macht der Finanzmärkte ist eine inoffizielle. In keiner Verfassung werden sie erwähnt, einen staatlichen Auftrag haben sie auch nicht und doch scheint sich alle Welt nach ihnen zu richten. Es liegt auf der Hand, dass die Finanzmärkte diese Macht genießen und nicht mehr aus den Händen geben wollen.

Weniger verständlich ist, dass die meisten Menschen, obwohl sie ein deutliches Unbehagen mit der aktuellen Situation verspüren, davor zurückscheuen, sich intensiv mit dem Wesen und der Funktionsweise der Finanzmärkte zu beschäftigen. Aber nur so kann man sie verstehen, nur so ihre Mechanismen erkennen und – wenn man will – am Ende ihre unheimliche Macht auch wieder brechen und auf ein angemessenes Maß zurückschneiden.

Deutschland ist gewiss nicht das Land der Revolutionäre. Doch auch hier wächst der Unmut. Die letzte Bundestagswahl war ein Ausdruck dieser Entwicklung, wenn auch nicht der einzige und bestimmt auch nicht der letzte. Es sind zunehmend die am eigenen Leib gemachten Erfahrungen, die verstören und die Menschen zunächst beunruhigen und schließlich vielleicht auch zu härteren Maßnahmen des Protests greifen lassen.

Zu nennen ist hier an erster Stelle die wachsende Ungleichheit. Die Hilfsorganisation Oxfam hat ermittelt, dass im Jahr 2014 fünfundachtzig Personen über ein gleich hohes Vermögen verfügten wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Ein Jahr später waren es nur noch zweiundsechzig Superreiche und bis 2016 war ihre Zahl auf ganze acht zusammengeschmolzen. In die gleiche Richtung geht ein Bericht des US-Magazins Forbes. Dieses hat im März 2017 berichtet, dass die Zahl der Milliardäre im vergangenen Jahr weltweit um 233 auf insgesamt 2.043 angestiegen ist. Ihr Reichtum erhöhte sich im selben Zeitraum auf 7,67 Billionen US-Dollar.

Umverteilung von unten nach oben per Gesetz

Natürlich sind derartige Zahlen immer mit Schätzfehlern und Ungenauigkeiten behaftet. Dennoch verweisen sie auf ein grundlegendes Problem unserer Zeit. Die Gesellschaften fallen auseinander und die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Dieser Trend ist kein Naturgesetz wie die Schwerkraft, sondern wird durch die bestehenden Gesetze und politischen Maßnahmen noch gefördert und beschleunigt.

Es beginnt beim Erbrecht, das die wohlhabenden gegenüber den normalen Erben begünstigt, umfasst Steueroasen aller Art, geht über die unterschiedliche Besteuerung von Arbeits- und Kapitaleinkommen und endet schließlich bei der aktuellen Geldpolitik der Notenbanken, die Sparer durch negative Zinsen bewusst enteignet, Banken bei Gefahr durch eben diese Sparer retten lässt, den Reichen aber rechtzeitig einen dezenten Hinweis zukommen lässt, dass es Zeit ist, sein Geld in Sicherheit zu bringen.

Die Liste ist keineswegs vollständig. Aber sie ist lang genug, um Angst und Unruhe aufkommen zu lassen. Besonders verstörend ist das Verhalten von Politik und Medien. Während Letztere mit Blick auf Quote bzw. Auflage beständig zwischen Euphorie und Panik schwanken, verlegt sich die Politik recht einseitig aufs Beschwichtigen und Verharmlosen. Man tut so, als seien die Finanzmärkte wie Vulkane und Erdbeben eine dem menschlichen Willen entzogene Macht, auf die man keinen Einfluss hat.

Man hätte diese Macht schon, und wenn man denn nur wollte, könnte man sie auch nutzen. Doch das Gegenteil geschieht. Die Finanzkrise hat die Fehlentwicklungen sehr deutlich zutage treten lassen. Doch was ist seitdem geschehen? Die Politik, die versprach, die Auswüchse einzudämmen und ein stabiles System zu schaffen, gießt nur weiteres Öl ins Feuer.

Vom Schlechten des Guten

Zunächst rettete man mit staatlichem Geld die Verursacher der Krise. Die Banken seien systemrelevant und außerdem „too big to fail“, also viel zu groß um sie einfach zusammenbrechen zu lassen, sagte man uns. Unter dem Vorwand, der lahmenden Wirtschaft auf die Sprünge helfen zu wollen, wird ihnen deshalb seit 2008 von den Zentralbanken eine Unmenge an Geld zur Verfügung gestellt.

Der Plan selbst mag ja an sich nobel und sinnvoll gewesen sein, doch seit einiger Zeit schon ist offensichtlich, dass das viele Geld nicht als Kredit in der Realwirtschaft ankommt, sondern zum allergrößten Teil im Finanzsektor verbleibt und dort die Spekulation anheizt. Dass das System damit noch instabiler, krisenanfälliger und unsozialer wird, spüren die Menschen.

Sie werden unruhig, wenden sich Populisten zu und richten ihre ohnmächtige Wut teilweise gegen Menschen, denen es kaum besser geht als ihnen selbst, die sie aber als Gefahr für ihr eigenes Wohlergehen identifizieren, Flüchtlingen zum Beispiel. Die wahren Schuldigen haben sie hingegen nur sehr selten auf ihrem Radar.

Auch dieses zynische Spiel hat natürlich System. Solange die Medien über brennende Flüchtlingsheime berichten über die Auswüchse und die Funktionsweise der globalen Finanzmärkte aber schweigen, richten sich Aufmerksamkeit und Wut gleichermaßen auf die weniger wichtigen Randthemen. Derweil kann die Finanzelite relativ ungestört weiter daran arbeiten, die Reichtümer dieser Welt an sich zu bringen.

Ist das System noch zu retten?

An sich läuft es gut für die Finanzelite und den Geldadel – oder wie Warren Buffett es einmal ausdrückte: „Wir sind dabei, den Kampf zu gewinnen“. Gemeint ist natürlich der Kampf gegen die Armen um die begrenzten Reichtümer dieser Welt. Buffetts Optimismus ist verständlich, denn es läuft wirklich gut für die, die ohnehin schon Geld haben. Es wird beständig mehr.

Die Sache hat allerdings einen gewaltigen Haken. Das System ist mit den Jahren viel zu instabil geworden. Eine Krise jagt die andere, und wenn es mal nicht kriselt, sind die Erholungstendenzen viel zu schwach, um dem angeschlagenen System dauerhaft wieder Kraft und Halt geben zu können.

Längst kämpft das globale Finanzestablishment zwei verschiedene Kämpfe, den um die begrenzten Reichtümer dieser Welt gegen den ärmeren Rest der Menschheit und den gegen den drohenden Untergang des Finanzsystems. Letzterer droht verloren zu werden und wird deshalb mit immer verzweifelteren Mitteln geführt.

Bislang haben die eingesetzten Mittel insofern funktioniert, als sie Zeit erkauft und den drohenden Untergang ein wenig in die Zukunft verschoben haben. Gewonnen ist die Schlacht allerdings noch lange nicht.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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