Internationale Geldpolitik: Der verzweifelte Kampf gegen den Untergang

Bernd Heim
By Bernd Heim / 23. Oktober 2017

Wachstum ist ein Begriff, der bei uns zumeist positiv besetzt ist. Es ist schön zu sehen, wenn Kinder heranwachsen und immer neue Fähigkeiten entwickeln. Wenn nicht nur die Wirtschaft wächst, sondern auch der eigene Kontostand, freuen sich Aktionäre wie Angestellte. Wächst hingegen ein gefährlicher Tumor in unserem Körper heran, wird deutlich, dass dem Wachstum auch eine tödliche Komponente innewohnen kann.

Dennoch wünschen wir uns Wachstum, am besten sogar ewiges Wachstum. Dabei verdrängen wir, dass es dieses gar nicht geben kann. Selbst der älteste Baum wird eines Tages sterben. Gleiches gilt für das kapitalistische Wirtschaftssystem. Es beruht darauf, dass neue Kredite aufgenommen und anschließend bedient werden.

Damit gleicht es dem Bild vom alten Baum. Solange das Wachstum da ist, erfreuen sich alle an seinem Anblick und doch kommt eines Tages der Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht. Das Ende des Wachstums ist erreicht. Dieser Moment ist dann erreicht, wenn nur noch wenige Menschen neue Kredite aufnehmen wollen, weil sie kaum noch eine Chance sehen, diesen Kredit auch wieder zurückzahlen zu können.

Wir sind diesem Punkt schon ziemlich nahegekommen. Im Jahr 2008 während der Finanzkrise sah es eine Zeit lang so aus, als hätten wir ihn erreicht. Es war allein die unkonventionelle, gewaltige Kraftanstrengung der Notenbanken, die den kollektiven Zusammenbruch verhindert hat. Die Geldschöpfung wie auch die Zinssenkung haben sich als zwei ausgesprochen wirksame Mittel erwiesen.

Von der Ausnahme zur Regel

Es ist verständlich, dass man diese heilsame Medizin nur ungern wieder absetzen möchte. Dennoch ist der Schritt mehr als überfällig. Medizin, und mag sie noch so heilsam sein, ist kein Grundnahrungsmittel. Sie hat ihre Nebenwirkungen. Wer sie übersieht oder ignoriert, läuft Gefahr, ein System von innen heraus zu zerstören, weil die Dosis zu hoch ist.

In dieser Gefahr befinden wir uns heute. Wir haben verdrängt, dass niedrige Zinsen und eine ungehemmte Schöpfung von Geld aus dem Nichts Mittel sind, die man nur zeitlich begrenzt einsetzen sollte. Tut man es länger als nötig oder angemessen, führt die ungehemmte Geldschöpfung schließlich zur Geldentwertung. Übertreibt man es mit den niedrigen Zinsen, untergräbt man langfristig das Kreditgeschäft, die Grundlage des Bankwesens.

Auf die Spekulanten wirkt das billige Geld inzwischen wie eine Droge, von der sie nicht mehr lassen können. Man hat sich zu sehr an ihre Wirkung gewöhnt. Gleichzeitig fällt es leicht, immer höhere Risiken einzugehen, denn die Notenbanken stehen als Notarzt im Hintergrund bereit, rettend einzugreifen, falls die Dinge noch einmal aus dem Ruder laufen sollten. Vorsicht und Eigenverantwortung gedeihen in einem derartigen Umfeld nur schwer.

So ist geschehen, was eigentlich verhindert werden sollte. Mit dem vielen Geld aus dem Nichts, das zu immer günstigeren Bedingungen vergebenen wurde, hat man das schwer angeschlagene System noch einmal auf exakt die gleiche Art destabilisiert, die zuvor zu seinem Zusammenbruch geführt hatte. Gestiegen sind allein die Einsätze und die Risiken.

Der Tumor wird gefüttert, der Körper geschwächt

Der Sündenfall begann vor fast zwanzig Jahren, als 1998 beim LTCM-Zusammenbruch verschiedene Banken einen durch eigene Fehlspekulationen in Schieflage geratenen Hedgefonds retteten, der eigentlich nicht mehr zu retten war. Zehn Jahre später auf dem Höhepunkt der Finanzkrise mussten die rettenden Banken selbst von den Notenbanken vor den negativen Folgen ihres Tuns geschützt werden.

Heute ist die Frage, wer die Notenbanken rettet, falls diese sich verhoben haben sollten. Die Gefahr ist nicht zu leugnen, denn die Nahrung, die der Patient bekommt, sprich das viele Geld aus dem Nichts und die niedrigen Zinsen, dient nicht mehr dem Aufbau seines Körpers, also der Realwirtschaft, sondern allein der Fütterung des gewachsenen Tumors, der Finanzwirtschaft.

Das viele von den Zentralbanken ins System gepumpte Geld fördert nicht mehr die Produktion von realen Gütern und Dienstleistungen, denn es fließt überwiegend in die Taschen von Großinvestoren. Sie spekulieren mit ihm und entziehen der Gesellschaft als Ganzes durch ihr parasitäres Verhalten nach und nach die Lebensgrundlage. Wohin die Reise inzwischen geht, zeigte die Eurokrise in den Jahren nach 2010 in einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt.

Regierungen wurden kaltgestellt und beispielsweise in Italien und Griechenland durch Nachfolger ersetzt, die der Hochfinanz entstammten. Mario Monti und Loukas Papadimos arbeiteten beide für Goldman Sachs, bevor sie in Italien und Griechenland die Regierungsgeschäfte übernahmen. Rebelliert das Volk gegen diese Bevormundung, wird ihm, wie in Griechenland nach der Wahl der Syriza-Regierung geschehen, einfach der Kredithahn zugedreht.

Der Mensch dient dem Geld, nicht das Geld dem Menschen

Demokratische Referenden gegen die Sparpolitik wurden genutzt, um eine deutliche Warnung in die Welt zu setzen: Wer nicht freiwillig mitzieht, wird mit einem noch härteren Sparkurs wieder auf Linie gebracht. Im restlichen Europa beschlossen die Parlamente gleichzeitig Rettungsmechanismen, mit denen Verträge gebrochen und die gesetzlichen Grundlagen weiter unterhöhlt wurden. Ein Zustand, der im Grunde bis heute anhält.

All das geschieht nicht mehr im Sinne und zum Wohl der Allgemeinheit. Es profitieren nur noch einige Wenige, während die vielen an sich Unbeteiligten, etwa in Form von niedrigen Zinsen, die ihre Ersparnisse entwerten, und höheren Steuern und Abgaben die Zeche zu zahlen haben. Der Bevölkerung werden das Vorgehen als „alternativlos“ beschrieben und erzielten Ergebnisse als „Erfolge“ verkauft.

Dabei geht es hinter verschlossenen Türen schon lange nur noch um die Frage, wie man das labile System in der nächsten Krise über Wasser halten kann. Die bislang gegebenen Antworten laufen auf eine Privatisierung der Rettung hinaus. Waren es in der Finanzkrise noch die Staaten, die notleidende Banken gerettet haben, sollen es in Zukunft die Sparer tun.

Wer spart, gibt einer Bank Kredit und haftet damit als Gläubiger im Konkursfall auch für die entstandenen Schäden, sprich den Verlust seiner Einlage. Bail-in nennt man verschleiernd dieses Konzept, das in den letzten Jahren überraschend schnell in fast allen Ländern der Welt zu Recht und Gesetz erklärt wurde.

Die Umsetzung zeigt das wahre Gesicht

Doch damit nicht genug. Die Politik ist auch noch so dreist, der Schizophrenisierung des Bürgers Vorschub zu leisten, indem man der Öffentlichkeit den Bail-in als eine „Entlastung der Steuerzahler“ verkauft, ihr aber gleichzeitig verschweigt, dass der „entlastete Steuerzahler“ als Sparer im Regen stehen gelassen und voll zur Kasse gebeten werden wird.

Die wenigen Umsetzungen, die wir bislang erleben durften, offenbaren die wahre Stoßrichtung dieser Maßnahmen. Das Vermögen der Reichen wird geschützt, das der ärmeren Schichten enteignet. Steueroasen werden nicht angetastet und wer gute Verbindungen hat, der erhält einen rechtzeitigen Tipp, um sein Geld noch schnell in Sicherheit zu bringen.

Weil es so schön ist, forderte der Internationale Währungsfonds (IWF) schon im Oktober 2013 eine einmalige Steuer auf alle verfügbaren Vermögen in Höhe von 25 Prozent. Mit ihr sollen die leeren Staatskassen wieder gefüllt werden. Verfügbar sind natürlich nur die Vermögen im jeweiligen Inland. Die in den Steueroasen bleiben unangetastet und so werden am Ende wieder die zahlen, die bereits heute die höchste Steuerlast tragen, die Besitzer kleiner und mittlerer Einkommen bzw. Vermögen.

Der schöne Plan hatte nur einen Haken. Er beruhte auf den Träumen der Theoretiker und übersah die sozialen Folgen. Sie wurden im Dezember 2015 deutlich, als in Italien vier Banken mittels Bail-in gerettet werden sollten. Die kalte Enteignung der einfachen Bürger entfachte den Hass der Bevölkerung auf die übermächtigen Banken und die Regierung in Rom. Der Druck wurde am Ende so stark, dass die italienische Regierung trotz mehrfacher Aufforderung durch die Europäische Union und die Europäische Zentralbank von weiteren Bail-ins bislang abgesehen hat.

Die Krise ist politisch nicht mehr zu lösen

Andere Staaten dürften diesem Beispiel folgen, denn politisch destabilisiert sich die Lage zunehmend. Es sind nicht nur notorisch aufmüpfige Länder wie Griechenland, deren politisches Spektrum sich zunehmend radikalisiert. Die USA, Großbritannien und auch Deutschland sind auf diesem Weg ebenfalls unterwegs. Sie mögen auf ihm vielleicht noch nicht ganz so weit vorangeschritten sein, wie die Griechen und Italiener, doch die eingeschlagene Richtung ist die gleiche.

Politik und Finanzwirtschaft haben inzwischen erkannt, dass sie faktisch am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen sind. Weitere einschneidende Maßnahmen führen nur zu Aufständen, Revolutionen und Bürgerkriegen. Die will noch niemand. Trotzdem wird sich die aufgestaute Wut eines Tages entladen müssen. Nach einem entsprechenden Blitzableiter wird noch gesucht.

Während diese Suche andauert, wird derweil die in der Krise nur als Provisorium installierte Rettungspolitik der Notenbanken zu einer Dauerlösung ausgebaut. Zinsen werden gedrückt, Kredite erst in 30, 40 oder 100 Jahren zurückgezahlt. An der Börse kaufen die Notenbanken inzwischen sogar Aktien, um Staaten und Unternehmen in die Lage zu versetzen, die Zinsen auf ihren ständig wachsenden Schuldenberg weiter zu zahlen.

Die Manipulation gehört inzwischen zum System. Sie ist Teil des Überlebens und damit ein fester Bestandteil des Systems geworden. Ob der gefährliche Ritt auf dem Drachen gelingen wird, bleibt abzuwarten. Da der Schuldenberg heute größer ist als je zuvor und der Derivatebereich weiterhin unkontrolliert und damit prinzipiell unbeherrschbar ist, kann jeder Einbruch der Märkte von nun an unvorhersehbare Folgen haben.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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