Die nächste Krise wird vielen das Genick brechen

Bernd Heim
By Bernd Heim / 24. Oktober 2017

Wirtschaft und Börse bewegen sich in Zyklen. Anstiege und Abstiege wechseln sich ab. Nicht immer sind die Phasen gleich lang und gleich intensiv ausgeprägt, doch an ihrer grundsätzlichen Abfolge besteht kein Zweifel. Es macht auch keinen Sinn, gegen diese natürliche Abfolge anzukämpfen, denn der natürliche Rhythmus ist stärker. Man kann für eine kurze Zeit die Luft anhalten. Aber wer das Ausatmen generell abschaffen will, riskiert nur den Tod.

Der nächste Abschwung ist somit zu jeder Zeit immer nur eine Frage der Zeit – der nächste Aufschwung genauso. Insofern ist es bedenklich, wenn die Notenbanken mit ihrer Geldflut versuchen, das Unvermeidliche zu vermeiden. Sie werden scheitern. Aber das interessiert im Moment noch niemanden, weil oberflächlich betrachtet doch alles ganz gut aussieht und die Krise schon so weit hinter uns liegt, dass wir uns an ihre Einzelheiten kaum mehr erinnern.

Man muss auch nicht alle Details der Finanzkrise kennen, um zu wissen, dass ihr Auslöser eine handfeste Schuldenkrise im Immobiliensektor war. Neue Krisen werden neue Auslöser haben. Sie können ähnlich aber auch ganz anders gelagert sein. Aus Anlegersicht macht es also Sinn, immer wieder nach den potentiellen Auslösern einer neuen Krise Ausschau zu halten.

Hat man die möglichen Krisenherde identifiziert, kann man anschließend in einem zweiten Schritt überlegen, welche Folgen sie nach sich ziehen können und wie man sich gegen die negativen Auswirkungen eventuell schützen kann. Derartige Gedanken sind den meisten Anlegern im Moment sehr fern. Wäre es anders, sähen wir ein höheres Absicherungsbedürfnis. Doch der VDAX bzw. der amerikanische VIX, die klassischen Angstindikatoren, signalisieren uns schon seit Monaten eine ausgeprägte Sorglosigkeit.

Achillesferse Schulden

Die Kurse der amerikanischen Aktien sind seit 2009 stark gestiegen. Verfünffacht haben sie sich jedoch nicht. Das haben nur die Schulden der im Russel 2000 Index zusammengefassten kleineren und mittleren Unternehmen. Sie sind heute fast fünfmal so hoch wie während der Finanzkrise. Tragbar wurde diese exzessive Verschuldung allein durch das künstlich abgesenkte Zinsniveau.

Bislang haben die Notenbanken durchaus erfolgreich gegen die Ankunft der nächsten Rezession gekämpft. Da sie aber unvermeidbar ist, wird die US-Wirtschaft früher oder später eine neue Rezession abrutschen. An diesem Punkt wird es für die Unternehmen schwer, wenn nicht sogar unmöglich sein, ihre aktuellen Gewinne zu halten.

Steigen als Folge der Krise auch die Zinsen, weil die Kreditgeber aus Angst vor einem Verlust ihres Kapitals höhere Ausfallprämien, sprich höhere Zinsen, fordern, wird auch die Finanzierung der hohen Schuldenlast schnell zu einem gewaltigen Problem. Viele Firmen dürften dann unter der nicht mehr zu tragenden Zinslast zusammenbrechen.

Der Konkurs des US-Spielzeugherstellers Toys’R’Us, der jüngst Schlagzeilen machte, ist eine erste Warnung. Viele andere Unternehmen kämpfen mit ähnlichen Problemen. Auch sie könnten wie Toys’R’Us Insolvenz anmelden müssen. Der Versuch der Federal Reserve Bank, das Zinsniveau in den USA wieder leicht anzuheben, könnte der Auslöser für eine Verschärfung der Situation sein.

Konjunkturelle Warnsignale nehmen zu

Es ist nicht allein die beeindruckende Länge des noch laufenden Aufwärtstrends, die aktuell zur Vorsicht mahnt. Die Gewinnmargen der Unternehmen geraten zunehmend unter Druck. Bedenklich stimmen darüber hinaus auch die nur relativ schwach steigenden Löhne und Gehälter und der bereits angesprochene massive Einsatz von Fremdkapital.

Albert Edwards, der bekannte Querdenker der französischen Großbank Société Générale, wies kürzlich darauf hin, dass die US-Notenbank in der Vergangenheit immer wieder eine Anhebung des Zinsniveaus vorgenommen hat. In zehn von dreizehn Fällen endeten diese Bemühungen in einer Rezession. In den anderen drei Fällen kam es zu einer Krise in den Schwellenländern.

Man muss also kein Berufspessimist sein, um die Aussichten der aktuell laufenden Zinserhöhungsphase zumindest kritisch einzustufen. Scheitert die US-Notenbank mit ihrem Plan, die Zinsen anzuheben, ohne die US-Wirtschaft abzuwürgen, kommt auf die Finanzmärkte eine Krise zu, die leicht den Charakter eines Endspiels haben könnte, weil alle Anlageklassen derzeit als teuer gelten müssen.

Blickt man beispielsweise auf den Unternehmenswert und vergleicht diesen mit dem operativen Gewinn, erhält man Werte, die auf einem historischen Hoch liegen. Ähnlich hoch bewerten waren die US-Börsen zuletzt in den späten 1990er Jahren kurz vor dem Platzen der Tech-Blase. Angesichts dieser hohen Bewertungen hält Albert Edwards einen Absturz des S&P 500 Index um 50 Prozent für durchaus realistisch.

Vorbereitung auf das unvermeidliche Endspiel

Es drohen in diesem Fall Zustände wie 2008 während der Finanzkrise. Die Anleihen von Firmen mit schwacher Bonität werden wieder als toxisch eingestuft und von den Anlegern gemieden. Es würden sich in diesem Fall nicht nur die Kursgewinne der letzten Jahre innerhalb kurzer Zeit in Luft auflösen. Auch die im März 2009 erreichten Tiefstwerte könnten leicht wieder unterschritten werden.

Albert Edwards rechnet in diesem Fall mit panischen Reaktionen der Notenbanken. Die FED wird bemüht sein, einen Anstieg des US-Dollars zu vermeiden, weil dieser die ohnehin in Gang befindliche Konjunkturabschwächung nochmals verschärfen würde. Die Zinsen würden sich international schnell wieder der Nulllinie annähern und sie ggf. auch wieder unterschreiten.

Die Panik der Zentralbanken könnte so weit gehen, dass man aus Furcht, wie Japan in eine lang anhaltende Deflation abzurutschen, alle Hemmungen fallen lässt und die Geldflut nochmals intensiviert.

Als Anleger macht es Sinn, sich für ein solches Szenario zu wappnen, auch wenn man nicht unbedingt kurzfristig mit ihm rechnet. Langfristige Staatsanleihen, defensive Aktien, ein hohes Maß an Liquidität und vor allem Gold sind für Albert Edwards geeignete Schutzmaßnahmen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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