Die Schweizer und ihre hohen Schulden

Bernd Heim
By Bernd Heim / 26. Oktober 2017

Die kleine Schweiz ist eines der angesehensten Länder Europas. Die Wirtschaft floriert, das Land gilt als reich und die Bevölkerung als wohlhabend. An Schulden und die mit ihnen verbundenen Probleme denkt hier niemand. Die vermutet man eher südlich der Landesgrenzen in Italien oder in Griechenland. Dennoch sind auch die Schulden der Schweizer ein Punkt, den man nicht aus den Augen verlieren sollte.

Es gibt eine auffällige Diskrepanz zwischen den öffentlichen und den privaten Schulden in der Schweiz. Die öffentlichen Schulden sind niedrig. Hier schneidet das Land im internationalen Vergleich sehr gut ab, denn die Schweiz ist mit einer Verschuldung von 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausgesprochen gering verschuldet.

Einen ähnlich niedrigen Verschuldungsgrad weist das ebenfalls kleine Dänemark auf. Deutlich höher verschuldet sind die übrigen europäischen Staaten und die USA. In ihrer Gesamtheit beläuft sich die Schuldenquote bei den entwickelten Staaten auf über 100 Prozent. Gäbe es nicht ein völlig anderes Bild bei der privaten Verschuldung, wäre die Situation in der Schweiz über jeden Zweifel erhaben.

Das ist sie aber nicht, weil die Schweizer in den vergangenen zehn Jahren ihre privaten Schulden um 40 Prozent erhöht haben. Anfang 2017 lag der Schuldenstand bei 838 Milliarden Franken. Pro Kopf entspricht das einer Summe von 100.200 Franken, umgerechnet 87.374 Euro.

Willkommen im Kreis der Schuldenweltmeister

Die absoluten Zahlen allein verdeutlichen noch nicht die gesamte Dramatik. Sie wird erst deutlich, wenn man die Schulden ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung setzt. An dieser Stelle erreichen unsere Nachbarn weltweit einen absoluten Spitzenwert, denn die Schuldenquote der Schweizer Haushalte beläuft sich auf knapp 130 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Nicht einmal die als Meister der privaten Verschuldung geltenden Amerikaner kommen an diesen Spitzenwert heran. Sie wirken mit einer privaten Schuldenquote von „nur“ 75 Prozent des BIP eher wie Waisenknaben. Mit den Schweizern mithalten können auch nicht die Deutschen oder Italiener, wohl aber das kleine Dänemark und die beiden Nachbarländer Österreich und Frankreich.

In Österreich ist die private Schuldenquote geringfügig höher als in der Schweiz. Sie liegt aber immer noch unter der 100-Prozent-Marke. Leicht überschritten wird sie in Dänemark, während in Frankreich die privaten Schulden auf über 125 Prozent des Bruttoinlandprodukts gestiegen sind. Innerhalb der entwickelten Länder liegen die Schweizer mit ihrer Schuldenquote sehr nah am Durchschnitt, als Musterschüler bezeichnen, kann man sie aber nicht.

Die großen Unterschiede der Schweizer Privatschulden zu denen der USA erklären sich aus der unterschiedlichen Art der aufgenommenen Kredite. Bei den amerikanischen Schulden denken wir in erster Linie an Kreditkartenschulden, Studiendarlehen und Konsumkredite. Diese Schuldenarten sind in der Schweiz vergleichsweise unbedeutend und fristen ein Schattendasein.

Den Schweizer belastet die Hypothek, nicht der Konsumkredit

Wenn sich die Schweizer Privathaushalte verschulden, dann tun sie das mit großem Abstand, um Häuser und Wohnungen zu erwerben. Einem Außenstehenden kommen hier schnell die hohen Immobilienpreise in der Schweiz in den Sinn. Doch sie sind nicht der einzige Treiber der Kreditschulden. Einen wichtigen Einfluss hat auch das Steuersystem. Es versteuert den Eigenmietwert der Immobilie bei gleichzeitiger Abzugsfähigkeit des Hypothekenzinses.

Höhere Schulden führen also zu einer geringeren Steuerlast und die Abzugsfähigkeit bei den Zinsen führt insgesamt zu einer höheren privaten Verschuldung. Das ist in Dänemark und in den Niederlanden genauso. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass beide Länder wie die Schweiz recht hohe private Verschuldungsquoten aufweisen. In den Niederlanden liegt die Verschuldungsquote der privaten Haushalte ebenfalls über 105 Prozent.

Angesichts der Höhe der privaten Verschuldung fragt man sich natürlich sofort, ob der Schweiz über kurz oder lange eine Verschuldungskrise droht. Eine solche ist eher nicht zu erwarten, denn anders als in Amerika wird mit den Schulden nicht primär der private Konsum, sondern der Erwerb einer werthaltigen Immobilie finanziert. Zwar können auch Immobilienpreise stark im Wert schwanken, doch völlig wertlos werden sie nur dann, wenn sie durch Krieg oder Naturereignisse total zerstört werden.

Rechnet man den Besitz der Schweizer gegen ihre Schulden auf, so bleibt für das gesamte Land ein Reinvermögen von 3,4 Billionen Franken. Setzt man auch dieses ins Verhältnis zur Wirtschaftskraft des Landes, wir aus einer Schuldenquote von 130 Prozent sofort eine Eigenkapitalquote von gut 80 Prozent. Viele Unternehmen und Banken wären froh, wenn sie auf eine so gute Vermögensbilanz kämen.

Wie sicher ist das System?

Ist alles also nur halb so schlimm und die ganze Aufregung nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas? Leider nicht, denn die aggregierten Zahlen blenden wichtige Aspekte aus. Obwohl Hypothekenkredite mit einem Steuerabzug begünstigt werden, ist die Wohneigentumsquote in der Schweiz vergleichsweise gering. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ermittelt, dass gerade mal 35 Prozent der Schweizer Haushalte eine Hypothek aufgenommen haben. Mit anderen Worten: Die hohen Schulden verteilen sich auf relativ wenige Schultern.

Geht man davon aus, dass die Masse der Hypotheken vom klassischen Mittelstand und den besser verdienenden Schweizern aufgenommen wurde, ergibt sich die Möglichkeit einer Kettenreaktion, denn dieser wohlhabendere Teil der Gesellschaft ist mit seinen höheren Konsumausgaben eine wichtige Stütze für die Schweizer Wirtschaft und den Binnenkonsum. Anzunehmen ist auch, dass die Eigenkapitalquote bei den Schweizern mit Hypothek geringer ist als im Landesdurchschnitt.

Diese Entwicklung scheint auch die Schweizer Nationalbank (SNB) zunehmend zu beunruhigen. Sie spricht in ihrem jüngsten Finanzstabilitätsbericht davon, dass die Tragbarkeitsrisiken bei den Hypothekarkrediten einen neuen Höchststand erreicht haben. Man kann diese Warnung so verstehen, dass auch in der soliden Schweiz die Kreditbäume nicht in den Himmel wachsen und das Ende der Fahnenstange bald erreicht sein könnte.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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