Die Welt in der Liquiditätsfalle und die Märkte in der Volatilitätsfalle

Bernd Heim
By Bernd Heim / 27. Oktober 2017

An den internationalen Finanzmärkten stehen die Anleger vor einer schwierigen Entscheidung. Während die Kurse an den Börsen steigen und sich auch außerhalb dieser Blasen zu bilden scheinen, fehlen weiterhin die Alternativen. Das drängt die Investoren fast zwangsläufig in risikoreiche Anlagen. Bislang war das Risiko nicht so deutlich spürbar, weil die Zinsen künstlich tief gehalten wurden und die Volatilität, also das Bedürfnis der Anleger nach Absicherung, niedrig war.

Ein Kompass, der wild hin und her tanzt, ist aber selten eine echte Hilfe. Entsprechend hilf- und orientierungslos präsentieren sich dieser Tage nicht nur die Verantwortlichen in den Notenbanken und in der Politik, sondern auch die Händler auf dem Parkett. Am einfachsten ist es, das, was man schon immer getan hat, einfach noch ein wenig länger zu praktizieren.

Im Moment würde dies bedeuten, die fundamentalen Risiken im Hintergrund zu ignorieren und weiterhin auf die segensreiche Wirkung des billigen Geldes zu hoffen. Dieses Verhalten war in den seit 2008 vergangenen Jahren goldrichtig und brachte hohe Gewinne. Das spricht auf den ersten Blick für eine Fortsetzung des bislang praktizierten Anlageverhaltens.

Innerhalb der Zentralbanken steht man vor einer ähnlich schwierigen Entscheidung. Auf der einen Seite sind die positiven Aspekte der lockeren Geldpolitik der letzten Jahre offensichtlich. Gleiches gilt aber aus für die negativen Auswirkungen, die sich immer deutlicher zeigen. Die Gesellschaften werden ungleicher und die Zeiten insgesamt innen- wie außenpolitisch instabiler.

Noch halten die Märkte stramm Kurs

Warnende Stimmen gibt es genug, handfeste Krisen auch, größere Kursrückgänge allerdings nicht. Wenn sie doch einmal auftreten, wie nach der Brexit-Abstimmung in Großbritannien oder der Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten, sind sie meist schnell wieder aufgeholt. Am Markt gilt eisern die Devise, dass die Kurse steigen müssen, weil und solange die Notenbanken ihre expansive Geldpolitik fortsetzen.

Weil dies so ist und weil nahezu jeder Anleger diesem Grundsatz zu folgen scheint, kennen die Kurse nur noch die Richtung nach oben und die Volatilität die nach unten. So angenehm dieses Verhältnis ist, so gefährlich ist es zugleich. Darauf hat unlängst auch EZB-Präsident Mario Draghi hingewiesen. Ein anhaltendes Umfeld mit niedrigen Zinsen und geringer Volatilität kann Vermögensblasen fördern, warnte er.

Technologieaktien, die Anleihen von Schwellenländern oder die Hochzinsanleihen in Europa und in den USA, dazu einige Staatsanleihen, Kryptowährungen, Immobilien, ja sogar Kunst- und Sammlerobjekte werden mittlerweile zu Preisen gehandelt, die fundamental kaum mehr zu begründen sind.

Überhaupt fragt sich, ob die fortgesetzten monetären Stimuli noch die Impulse setzen, die eigentlich gewünscht sind. Dabei geht es nicht nur um die zunehmend zu beobachtende Verschlechterung der Vermögensungleichheit und eine Fehlallokation von Ressourcen. Es ist mehr die wachsende Trägheit der Gesellschaften, die zur Sorge Anlass gibt.

Heute nicht an Morgen denken

Das Schuldenproblem wurde durch die niedrigen Zinsen nicht gelöst, sondern nur auf die zukünftigen Generationen übertragen. Das ist für den Augenblick bequem und auch hilfreich, übersieht aber, dass die nachkommenden Generationen aufgrund der demographischen Entwicklung gar nicht die Fähigkeit haben werden, Lasten zu tragen, die heute schon als nicht mehr tragbar erscheinen.

Auch die oft geäußerte Annahme, künftiges Wachstum werde die Lösung bringen, übersieht Entscheidendes. Die heutigen wirtschaftlichen Rahmendaten unterscheiden sich fundamental von denen der Nachkriegszeit. Damals gab es in allen Ländern und in allen Bereichen einen Mangel, der unserer heutigen Überflussgesellschaft fremd ist. Nur unzureichend berücksichtigt wird auch die deflationäre Wirkung der Technologie.

Unterstützung könnte von einer steigenden Produktivität kommen. Doch während die Aktienkurse steigen, ist der Zuwachs an dieser Stelle der wirtschaftlichen Prozesse ausgesprochen gering. Spätestens, wenn die Industrie große Teile ihrer Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt entlassen muss, weil für sie keine Beschäftigung mehr da ist, dürfte die Nachlässigkeit der Gegenwart schmerzhaft spürbar werden.

Es sind nicht nur die eigentlich nicht mehr überlebensfähigen Unternehmen, die durch die niedrigen Zinsen künstlich am Leben gehalten werden, die an dieser Stelle ins Gewicht fallen, denn das eigentliche Problem liegt tiefer. Vordergründig sichert der Erhalt dieser Zombie-Unternehmen durch die niedrigen Zinsen Beschäftigung und damit Arbeitsplätze.

Entmenschlichung der Wirtschaft

Auf lange Sicht leidet jedoch die Anpassungsfähigkeit der Menschen. Es fällt ihnen zunehmend schwerer sich neuen Technologien und Geschäftsmodellen zu öffnen, wenn diese plötzlich nicht mehr als nettes Spielzeug, sondern als existenzvernichtend wahrgenommen werden. An der Schwelle zu dieser Bewusstseinsveränderung stehen wir gerade und die über uns hereinbrechende Welle der Veränderungen trägt den harmlosen Namen Digitalisierung der Wirtschaft.

Vielleicht sollte man besser von einer uns bevorstehenden Entmenschlichung der Wirtschaft sprechen. Der Mensch selbst wir an vielen Stellen nicht mehr benötigt und folgerichtig durch effizientere, pflegeleichtere und damit preiswertere Maschinen und Computer ersetzt. Dazu wächst innerhalb der Menschen selbst die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen denen, die man noch braucht, und jenen, die längst überflüssig sind.

Wer im Jahr 2009 100.000 US-Dollar in Aktien des S&P 500 investierte, verfügt heute über ein Vermögen von 300.000 Dollar. Wer einfach nur seiner Arbeit nachging und für diese durchschnittlich entlohnt wurde, hat heute immer noch das Geld zur Verfügung, über das er auch schon im Jahr 2009 verfügen konnte. So wundert es eigentlich nicht, dass die Inflationsrate nicht steigt, denn bei denen, die mit ihrer Kaufkraft die Inflation in die Höhe treiben sollen, tut sich einkommensmäßig schon seit Jahren nicht mehr viel.

Diese Erkenntnis setzt sich auch langsam bei den Notenbanken durch. So wies die Bank für den Internationalen Zahlungsausgleich, die oftmals auch als die Zentralbank der Notenbanken bezeichnet wird, unlängst provokativ darauf hin, dass die niedrigen Zinssätze keine Abhilfe für die zu niedrige Inflation sind, sondern vielmehr einen Teil ihrer Ursache darstellen könnten.

Navigation im schwierigen Umfeld

Die westlichen Notenbanken tun sich schwer, sich und der Öffentlichkeit ihre Fehler einzugestehen und einen Wechsel in ihrer Geldpolitik einzuleiten. In den Vereinigten Staaten unternimmt die Federal Reserve Bank zwar erste Schritte in diese Richtung, aber diese entfalten kaum Wirkung, solange in Europa und Japan noch fleißig Geld gedruckt wird und die finanziellen Bedingungen weiterhin locker bleiben.

Sich in diesem Umfeld an den Finanzmärkten zu bewegen, ist eine Herausforderung. Es gilt überbewertete Vermögenswerte zu meiden, besonders dann, wenn bei den anderen Anlegern ein irrationales Verhalten zu beobachten ist. Von Vorteil ist, sich wieder stärker auf die fundamentalen Daten zu besinnen und sich bei seinen Anlageentscheidungen bevorzugt auf das zu konzentrieren, was derzeit ungeliebt und noch vergleichsweise billig ist.

An dieser Stelle kommen – oh welch ein Zufall – die Edelmetalle Gold und Silber ins Spiel. Ihnen sind die Notenbanker aller Zeiten schon immer in einer ausgeprägten Hassliebe verbunden gewesen. Als Anker einer stabilen Währung sind sie unerlässlich, aber als Indikator einer schleichenden Geldentwertung werden sie gehasst und bekämpft und manchmal auch manipuliert.

Da sie derzeit niemand haben will und ihr Preis niedrig ist, bieten sie gute Chancen. Zwar nicht unbedingt die Chance auf schnelle Kursgewinne und einen neuen Reichtum über Nacht. Wohl aber die Chance auf einen stabilen Werterhalt. Und das ist, wie ich finde, schon eine ganze Menge in einem Zeitalter, in dem der Welt die eigenen Werte immer mehr abhandenkommen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden, damit auch diese die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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