Aus welchem Grund steigen die Zinsen wirklich?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 30. Oktober 2017

Grundsätzlich gibt es zwei Gründe, die zu einem höheren Zinsniveau führen können. In einer freien Wirtschaft mit frei ausgehandelten Zinssätzen bestimmen Angebot und Nachfrage sowie die Bonität des Schuldners die Höhe der Zinsen. Sind mit der Person des Schuldners hohe Risiken verbunden, wird der Zins ebenso steigen wie in Phasen, in denen viele sich Geld leihen wollen, aber nur wenige Geld verleihen möchten.

Von diesen freien Märkten trennen uns momentan jedoch Welten. Die Zinsen werden von den Notenbanken kontrolliert und bei Bedarf in die Richtung manipuliert, in die sie sich entwickeln sollen. Aktuell ist dies, zumindest für die USA, die Richtung nach oben. Die FED wünscht steigende Zinsen und so stellt sich naturgemäß sogleich die Frage warum.

Eine Notenbank hat zwei Motive, um an der Zinsschraube zu drehen. Sie benutzt steigende Zinsen, um eine heiß gelaufene Wirtschaft wieder etwas abzukühlen und sie senkt den Zinssatz wieder ab, wenn sie der Meinung ist, dass die Konjunktur einer zusätzlichen Stütze bedarf. Letzteres haben wir in den vergangenen Jahren sehr oft gesehen, während Zinserhöhungen uns relativ fremd geworden sind.

Während sich viele noch verwundert über das Faktum einer Zinserhöhung an sich die Augen reiben, wird die US-Notenbank nicht müde, dem interessierten Publikum zu erzählen, dass die laufenden Zinsschritte eine Reaktion auf die wiedergewonnene Stärke der amerikanischen Wirtschaft seien.

Nicht immer ist der offizielle Grund auch der wahre

Solche Nachrichten hört man an der Börse gerne, und da gleichzeitig die Aktienkurse steigen, was oberflächlich betrachtet ebenfalls für eine robuste US-Konjunktur und steigende Unternehmensgewinne stehen sollte, scheint die Sache den meisten Anlegern plausibel genug, um sich nicht weiter mit dem zweiten möglichen Grund für eine Zinserhöhung durch die Notenbank zu beschäftigen, der Erhöhung der Zinsen zum Schutz der eigenen Währung.

Dieser Grund ist bei Weitem nicht so positiv wie die Abkühlung einer heiß gelaufenen Konjunktur, denn er ist nicht Ausdruck einer bestehenden Stärke, sondern ein Indiz für eine massive Schwäche. Zwar werden schwache Währungen mit Blick auf die Chancen der eigenen Unternehmen am Weltmarkt mittlerweile fast überall gewünscht, aber zu schwach sollte eine Währung dennoch nicht werden. Droht diese Gefahr, schreiten die Notenbanken der betroffenen Länder deshalb meist ein und erhöhen die Zinsen.

Die höheren Zinsen sollen inländisches Kapital möglichst im Land halten und wenn möglich auch ausländisches Kapital anlocken. Dadurch entsteht eine höhere Nachfrage nach der jeweiligen Landeswährung, die an den Devisenmärkten deren Kurs wieder steigen lässt. Entscheidend sind diese Schritte besonders für jene Länder, die auf einen permanenten Zustrom ausländischen Kapitals angewiesen sind.

Die USA sind einer dieser Staaten, denn sie leisten sich ein Haushaltsdefizit, das nicht nur massiv und chronisch ist, sondern bedingt durch die geringe Sparneigung der amerikanischen Bevölkerung auch noch durch den Zufluss von Kapital aus dem Ausland finanziert werden muss.

Der Dollar darf nicht zu schwach werden

Zur Stärkung ihres Exports und zur Verringerung ihres großen Handelsbilanzdefizits benötigen die USA einen schwachen Dollar. Soll das Ausland jedoch den American Way of Life mit hohen öffentlichen und privaten Schulden auch weiterhin finanzieren, darf der US-Dollar zugleich auch nicht zu schwach werden. Das ist das Dilemma, in dem nicht nur US-Präsident Donald Trump, sondern auch die US-Notenbank steckt.

Das Ausland darf dem US-Dollar nicht den Rücken zukehren. Das tut es dann nicht, wenn die Währung als attraktiv gilt, weil die US-Staatsanleihen hohe Zinsen abwerfen, weil es amerikanische Waren und Dienstleistungen erwerben will, oder weil es auf den Weltmärkten Güter kaufen will, die zwar nicht unbedingt aus den USA selbst stammen, aber in deren Landeswährung abgerechnet werden.

Das klassische Beispiel für eines dieser Güter ist das Öl. Es ist zugleich auch ein möglicher Grund dafür, warum die US-Notenbank augenblicklich wieder stärker an der Zinsschraube dreht. Verglichen mit den Ölpreisen aus den Jahren vor 2014 kauft die Welt heute für den gleichen Dollarbetrag rund die doppelte Menge Rohöl. Oder anders ausgedrückt: Der Bedarf an Petrodollar hat sich binnen zwei Jahren halbiert.

Dennoch war der US-Dollar zunächst nicht gerade schwach, denn dank der massiven Bilanzausweitungen der Europäischen Zentralbank und der Bank of Japan, die zu weiter fallenden und am Ende negativen Zinssätzen führten, gab es für ausländische Investoren zunächst keinen Grund den US-Dollar zu meiden.

Gegenwind für den US-Dollar

Inzwischen hat sich die Situation grundlegend geändert. Die Finanzmärkte setzen für die Eurozone langfristig wieder auf steigende Zinsen. Es gibt also Alternativen zum US-Dollar und die machten sich in 2017 u.a. durch fallende Dollarkurse bemerkbar. Gleichzeitig droht Präsident Trump dem Ausland immer wieder mit Handelssanktionen. Auch das lässt ausländische Dollarkäufe nicht unbedingt als sinnvoll erscheinen.

Die Abkehr der internationalen Anleger vom US-Dollar kann von den USA aus zwei Gründen nicht gewollt werden. Zum einen untergräbt sie die Vormachtstellung der US-Währung und eröffnet Raum für mögliche Alternativen, beispielsweise den Euro oder den chinesischen Yuan, und zum anderen muss irgendjemand die neuen US-Staatsanleihen kaufen, wenn die Amerikaner das nicht selbst tun wollen.

Weil gleichzeitig der Ölpreis nicht wieder auf das Niveau von 2014 gestiegen ist, fällt auch die „natürliche“ Nachfrage nach US-Dollar zum Begleichen der Ölrechnung nicht so hoch aus, dass sie die durch die veränderten Zinsen verursachte Bewegung ausgleichen könnte. Die amerikanische Notenbank gerät somit von zwei Seiten unter Druck. Sie muss den Dollar stützen, die Inflation niedrig halten und gleichzeitig mit ihren Maßnahmen dazu beitragen, dass Vollbeschäftigung herrscht.

Dieser Spagat ist anspruchsvoll. In den vergangenen Monaten wurde er von der FED mit den vollzogenen Zinsanhebungen eindeutig zugunsten einer Stärkung des Dollars entschieden. Den Märkten kommuniziert wurde aber eine andere Begründung. Dieses Vorgehen beinhaltet eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

Wenn die Zinsen in den USA primär mit Blick auf den Außenwert des US-Dollars erhöht werden aber die Wirtschaft gar nicht so stark ist, wie allgemein angenommen und in den Verlautbarungen der FED immer wieder behauptet wird, dann steht der Boom an den Aktienmärkten erst recht auf sehr tönernen Füßen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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