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Der Name der nächsten Krise scheint bereits gefunden. Jetzt wird nur noch auf ihren endgültigen Ausbruch gewartet!

Bernd Heim
By Bernd Heim / 2. November 2017

Die nächste größere Krise an den Finanzmärkten ist noch nicht da und doch trägt sie bereits immer häufiger einen Namen. ‚Liquiditätskrise‘ oder ‚Große Liquiditätskrise‘ sind momentan die Favoriten. Die Namen drücken aus, was uns erwartet, und sie nehmen uns zugleich die Hoffnung, dass wir noch einmal mit einem blauen Auge davonkommen könnten.

Interessant ist, dass der Begriff ‚Finanzkrise‘ nicht mehr verwendet wird. Er ist nicht nur mit den Vorgängen in den Jahren 2007 bis 2009 fest verbunden und wird, um Verwechselungen auszuschließen, anscheinend nur ungern verwendet. Gleichzeitig wird die Finanzkrise als eine Art „Vorbild“ für die kommende Krise gesehen, denn beide Krisen werden als Liquiditätskrisen gewertet.

Ein weiterer Grund für den Verzicht auf den Namen ‚Finanzkrise‘ könnte sein, dass er das kommende Drama als zu klein und vor allem als zu beherrschbar erscheinen lässt, denn die Finanzkrise wurde nach landläufiger Meinung von den Notenbanken mit ihrer Politik des leichten Geldes erfolgreich bekämpft.

Eine Wiederholung dieser Maßnahmen bei ähnlichen Gefahrenlagen wäre für die Zukunft prinzipiell denkbar, so wie man heute unreflektiert davon ausgeht, dass man den Schnupfen des kommenden Winters mit den gleichen Mitteln bekämpfen wird wie jenen des vergangenen Jahres. Der Gedanke ist naheliegend.

Zu groß, um noch beherrscht zu werden?

Er übersieht aber, dass aus dem finanziellen „Schnupfen“ der Jahre 2007/2008 durch das seitdem beständig gesteigerte Schuldenniveau nicht nur eine unangenehme Grippe, sondern eine handfeste Lungenentzündung geworden ist. Will heißen, die Gefahr ist heute um einiges größer und die klassischen Hausmittel helfen nicht mehr.

Vielleicht sprechen auch deswegen einige Autoren nicht nur von einer ‚Liquiditätskrise‘, sondern gleich von einer ‚Großen Liquiditätskrise‘ um deutlich zu machen, dass die auf uns zukommenden Dimensionen hinsichtlich Gefahrenpotential und hervorgerufene Not andere sein werden. Sie noch zu beherrschen, dürfte um einiges schwerer fallen.

Vor diesem Hintergrund wundert das aktuelle Verhalten der Notenbanken, denn diese tun ausgesprochen wenig, um sich auf eine zukünftige Krise vorzubereiten. Es gibt zwar immer wieder Stresstests für Banken und andere Überlegungen, wie man mit einer neuerlichen Krise fertig werden könnte. Aber die entscheidenden Schritte werden nicht vollzogen.

Weder das Zinsniveau steigt, noch werden die in den vergangenen zehn Jahren stark aufgeblähten Notenbankbilanzen normalisiert. Zwar bemüht sich die US-Notenbank um erste Schritte in diese Richtung, doch ihre Schritte kommen erstens reichlich spät und fallen zweitens ausgesprochen vorsichtig und zögerlich aus.

Machtlos in die nächste Krise

In Europa und Japan ist man noch nicht einmal so weit. Hier denkt die Bank of England zumindest schon einmal über Zinserhöhungen nach, während die EZB und die Bank of Japan die Märkte weiterhin fleißig mit ihrem neu geschaffenen Geld fluten. Auch die Schweizer Nationalbank agiert trotz deutlicher Abwertung des Schweizer Frankens bei der Normalisierung ihrer Bilanz ausgesprochen vorsichtig.

Diese Vorsicht könnte sich schon sehr bald rächen, denn wie wollen die westlichen Notenbanken auf eine neuerliche Krise reagieren, wenn diese zu einem Zeitpunkt ausbricht, an dem von geldpolitischer Normalität noch längst keine Rede sein kann? Damit die bekannten und erprobten Mittel Zinssenkung und Bilanzausweitung noch einmal erfolgreich zum Einsatz kommen können, müssen die Ausgangsbedingungen auch so sein, dass man diese Mittel auch einsetzen kann.

Der Zinssatz muss so hoch sein, dass man ihn in der Krise auch wirklich senken kann. Das ist in Europa nicht und in den USA nicht einmal annähernd der Fall. Der Versuch, das erprobte Mittel der Zinssenkung erneut einzusetzen, würde somit zu stark negativen Zinsen führen müssen.

Diese sind aber faktisch nicht durchsetzbar, solange es den Fluchtweg des Bargelds gibt. Er wurde schon in der Vergangenheit bei negativen Zinsen von minus 0,5 bis minus 1,0 Prozent von den Anlegern beschritten. Was werden diese wohl erst machen, wenn die Notenbanken versuchen, den Leitzins auf Sätze zwischen minus 4,5 und minus 5,0 Prozent zu senken?

Läuft die zukünftige Krise aus dem Ruder, weil das Vertrauen fehlen wird?

Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg der Notenbankpolitik während der Finanzkrise was das Vertrauen, dass die Finanzmärkte wie die Menschen in den betroffenen Ländern den Notenbanken entgegengebracht haben. Vertrauen ist, wie wir alle nur zu gut wissen, schwer aufgebaut und leicht zerstört.

Von daher ist es eine ebenso entscheidende wie spannende Frage, was passierend wird, wenn die Zentralbanken auf dem Höhepunkt einer neuen Krise das Bargeld abschaffen, um die Zinssätze weit in den negativen Bereich zu drücken. Strafzinsen in Höhe von minus 0,5 Prozent sind ärgerlich, tun den betroffenen Sparern aber noch nicht so furchtbar weh. Das ist bei Zinssätzen im Bereich von minus vier oder fünf Prozent schon ganz anders.

Von daher sollten wir nicht erwarten, dass die Menschen auf eine neuerliche Krise ähnlich gelassen und besonnen reagieren werden, wie während der Finanzkrise. Wenn alle das Gefühl haben, dass die Situation noch viel schlimmer und verzweifelter ist als vor zehn Jahren, werden auch die Reaktionen zwangsläufig schärfer ausfallen. Diese Erwartung gilt für die Notenbanken ebenso wie für die Benutzer des von ihnen emittierten Papiergelds.

Die Krise könnte sich schneller entwickeln und auf einen Höhepunkt zusteuern und sie könnte sich dann auch als nahezu unlösbar erweisen, weil das Vertrauen in Politik, Notenbanken und Medien verloren gegangen ist. Auch die Medien sind an dieser Stelle zu nennen, weil alles, was dann beschlossen werden wird, den Menschen auch vermittelt werden muss.

Vertrauen in die Notenbanken ist gut, Kontrolle über das eigene Vermögen besser

An dieser Stelle kommen die Medien ins Spiel. Auch sie haben keine allzu guten Karten, weil sie in den letzten Jahren ihrer Kontrollfunktion nur sehr unzureichend nachgekommen sind. Statt kritische Fragen zu stellen, haben sie das Eigenlob der Notenbanken meist unreflektiert übertragen und an der Verbreitung des Märchens mitgewirkt, die Finanzkrise sei durch das beherzte Eingreifen der Notenbanken überwunden worden. Dabei wurde verschwiegen, dass das ganz Drama erst durch das ungedeckte Kreditgeldsystem, also durch die Noten- und Geschäftsbanken, in die Welt gekommen ist.

Der Begriff ‚Lügenpresse‘ könnte an dieser Stelle um eine Facette reicher werden. Wer die Wahrheit kennt – oder mit ein wenig eigener Recherche kennen könnte – und dennoch schweigt, ist nicht unbedingt ein Lügner. Zu einer Vertrauensperson entwickelt er sich allerdings auch nicht.

In einer zukünftigen Liquiditätskrise wird es überall an Geld fehlen. Betroffen sind nicht nur einige wenige Aktionäre, Banken und Sparer, sondern mehr oder weniger alle. Damit wird auch der schmerzhafte Prozess des Aufwachens ein allgemeiner sein von dem sich niemand wird gänzlich ausschließen können.

Die Weltwirtschaftskrise hat die Menschen in den 1930er Jahren in allen Ländern stark radikalisiert. Ob das Pendel dabei politisch nach rechts oder links ausgeschlagen hat, ist dabei gar nicht mal so entscheidend gewesen, denn in ihrer Radikalität nehmen sich rechter wie linker Terror am Ende herzlich wenig.

Entscheidend ist, dass die Gesellschaften ihre ökonomische wie ethische Basis verloren haben. Wenn die Notenbanken nicht aufpassen und rasch reagieren, laufen sie Gefahr, von zukünftigen Generationen in einem hohen Maß sowohl für die ökonomische wie auch die gesellschaftliche Fehlentwicklung verantwortlich gemacht zu werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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