An Spekulationsblasen besteht wahrlich kein Mangel

Bernd Heim
By Bernd Heim / 3. November 2017

Spekulationsblasen sind keine neue Erfindung der Gegenwart. Es gibt sie seit der Zeit, seit der die Menschen begannen, ihr Geld in Investments zu stecken. Nicht jede Investition wird bekanntlich ein Erfolg, aber wenn dieser Erfolg sich einstellt und wenn er sich am Markt herumspricht, strömen schnell andere Investoren herbei, um sich ihr Stück vom Kuchen abzuschneiden.

Ist ihre Zahl zu groß und ihre Sehnsucht nach dem schnellen Gewinn zu bestimmend, wird aus einer soliden Aufwärtsbewegung schnell eine Fahnenstange. Der Himmel ist dann plötzlich das Ziel und der Optimismus kennt keine Grenzen mehr. Irgendwann kommt die Bewegung dennoch an ihr Ende. Das geschieht meist dann, wenn alle investiert sind und keine neuen Käufer mehr in den Markt drängen.

Es dauert seine Zeit, bis die Wende vollzogen ist, weil viele Investoren Warnungen ignorieren und sich einreden dieses Mal sei alles anders. Meist ist nichts oder nicht viel anders, und wenn der Absturz einmal begonnen hat, geht es anschließend meist sehr schnell. Am Ende bleiben ein finanzieller Scherbenhaufen und ernüchterte Anleger, die sich schwören, diesen Fehler nie wieder zu begehen.

Die Ziele der Spekulation ändern sich, die grundlegenden Abläufe eher nicht. Sie sind seit der niederländischen Tulpenspekulation gleich geblieben und auch heute immer wieder anzutreffen. Wann immer wir Menschen glauben nicht durch harte Arbeit, sondern über eine Abkürzung schnell reich werden zu können, nehmen die Dinge ihren Lauf. Das war früher so, das ist heute so und das wird vermutlich auch in Zukunft noch so sein.

Alle sieben bis acht Jahre eine neue Blase?

Also nichts Neues unter der Sonne? Nicht ganz. Einen gewichtigen Unterschied zu früheren Blasen gibt es: Früher wurden nur einzelne Güter, Aktien oder Sektoren gekauft als gäbe es kein Morgen mehr. Heute sind die Preise nahezu alle Anlagegüter und -klassen so stark aus dem Gleichgewicht gebracht, dass es angemessen erscheint, von einer Blase zu sprechen.

Im Jahr 2000 platze die Dot-com-Blase. Gold war zu der Zeit ausgesprochen preiswert und Immobilien und Kunstwerke nicht unbedingt überteuert. Sieben Jahre später war das Gold schon etwas teurer, aber noch nicht in einer Blase. Dafür waren Immobilien der absolute Renner. Ihre Preise kannten nur eine Richtung, die steil nach oben. Von den um die Jahrtausendwende noch so überaus beliebten Telekommunikations- und Internetaktien wollte kaum ein Anleger etwas wissen. Sie lagen wie Blei in den Depots.

Heute steckt von den Edelmetallen Gold und Silber einmal abgesehen fast alles in einer Blase. Es steigen nicht nur in einer einzigen Anlageklasse die Preise exponentiell, sondern gleich in mehreren simultan. Zudem handelt es sich um ein weltweites Phänomen. Die Spekulationswut ist, anders als in der Vergangenheit, nicht mehr auf eine isolierte Branche oder Region beschränkt, sondern hat die gesamte Welt erfasst.

Die Tulpenspekulation zog sich über drei Jahre hin und war weitgehend auf die Niederlande beschränkt. Der Exzess um John Laws Mississippigesellschaft war im Grunde auf ein Jahr und die Stadt Paris beschränkt. Die South-Sea-Bubble war ein Jahr später primär ein Londoner Phänomen. Heute hingegen sehen wir überzogene Immobilienpreise nicht nur in den USA, Spanien oder Großbritannien, sondern auch in China, Hongkong, Kanada, Schweden und Australien, um nur einige zu nennen.

Blasen sind unsere neue Normalität

Die Finanzkrise entstand 2007 durch die Subprimekrise. In ihrer Folge beruhigte sich der amerikanische Immobilienmarkt kurzzeitig ein wenig. Die Betonung liegt auf kurzzeitig, denn seit 2010 sind die Immobilienpreise in Kalifornien schon wieder um 69 Prozent gestiegen. Gleiches kann man für die durchschnittlichen Einkommen nicht behaupten, womit sich der Verdacht auf eine neuerliche Blase schnell nahelegt. In Kanada kann man über die neue kalifornische „Immobilienblase“ nur müde lächeln. Hier stiegen die Preise für Häuser und Wohnungen im selben Zeitraum um 1.040 Prozent.

Die größte Blase pumpt sich gerade am Rentenmarkt auf. Anleihen werfen kaum noch Zinsen ab und mit jedem Basispunkt, den ihre Rendite zurückgeht, steigen ihre Kurse in den Himmel. Die Spreads zwischen sicheren Staatsanleihen und den riskanteren Unternehmensanleihen sind so niedrig wie nie zuvor. Selbst Unternehmen können sich heute Geld zu negativen Zinssätzen leihen.

Wem der Anleihenmarkt zu langweilig ist, der wendet sich den Aktien zu. Korrekturen sind hier klare Kaufgelegenheiten und nicht mehr notwendigerweise abwärtsgerichtet. Wenn die Anleger Glück haben, verlaufen sogar die Korrekturen im Aufwärtstrend leicht aufwärtsgerichtet. Dreistellige Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind auch kein Grund zur Besorgnis, wie ein Blick auf die extrem niedrige Volatilität bei den Optionen zeigt.

Wem auch die Aktien zu langweilig sind, der wendet sich den Kryptowährungen zu. Hier geht wirklich noch die Post ab. Es gibt in diesem wilden Markt sogar preisliche Korrekturen, die sich nicht als eine zähe Seitwärtsbewegung darstellen. Zwar redet noch alle Welt von den Bitcoins, doch die heißesten Eisen im Feuer sind die nagelneuen Kryptowährungen. Sie werden wie das Geld der Notenbanken am Computer quasi aus dem Nichts erschaffen und an den Markt gebracht. Ethereum bringt es in diesem Jahr auf eine Performance von 3.600 Prozent, während die „alten“ Bitcoins nur mit einem Zuwachs von nur 343 Prozent glänzen konnten.

Alle Anzeichen deuten auf eine Fülle von Blasen

Es ist nicht allein die Zahl der Anlageklassen, deren Preise momentan explodieren, die zur Sorge Anlass gibt. Auch viele andere typische Blasenkriterien sind anzutreffen. Was die IPOs in den späten 1990er Jahren waren, sind heute die ICOs, die Initial Coin Offerings, bei den Kryptowährungen. Wer hier mit dabei ist, sahnt ab und wird schnell reich, denn es ist free money wie die Amerikaner zu sagen pflegen.

Ebenfalls an die Exzesse der späten 90er Jahre erinnern die hohen Wertpapierkredite und die Berichterstattung der Medien. Geht es um die Börsenberichterstattung, spricht beispielsweise der Fernsehsender CNBC in den USA zu 90 Prozent der Sendezeit über eine der sogenannten FAANG-Aktien, also Facebook, Apple, Amazon, Netflix oder Google.

Dass es den beliebten FAANG-Aktien so ergehen könnte wie den Nifty Fifty Aktien in den 1960er Jahren, sieht keiner. Auch sie galten damals als das Nonplusultra des amerikanischen Aktienmarktes. Gesprochen wird von ihnen noch heute, meist in börsengeschichtlichen Veranstaltungen, wenn von der Fehlallokation von Kapital die Rede ist. Investitionen sieht man hingegen nur noch selten.

Die letzte Blase, die es zu beobachten und zu bewundern gilt, ist die Index-Blase. Wo früher noch mühsam Einzeltitel ausgewählt wurden, investieren die Anleger heute nur noch in den Index. Das erinnert ein wenig an den Rohstoffmarkt in den Jahren 2006 bis 2008. Damals waren Rohstoffe so beliebt, dass man sie als neue Anlageklasse gesehen und gerne in Baskets zusammengefasst hat.

Das Problem bei diesen Körben war, dass man Apfel, Birnen und Eier munter miteinander kombiniert hat und dabei übersehen hat, dass es große fundamentale Unterschiede zwischen einem Öl-Investment und den nachwachsenden Rohstoffen Mais und Soja gibt. Auch dass eine steigende Zink- oder Kupfernachfrage nicht unbedingt förderlich für den Gaspreis ist, hat man geflissentlich übersehen. Man hat einfach alles gekauft in der Hoffnung, dass auch alles endlos steigen würde. Wir wissen heute, dass dieses Wunschdenken 2008 an der harten Wand der Realität zerschellte, als die Finanzkrise die Weltwirtschaft erfasste und zu einem Crash der meisten Rohstoffpreise führte.

Blasen gibt es viele heute und Warnzeichen wie Sand am Meer. Doch die Anleger gefallen sich darin, auf die Notenbanken zu vertrauen und die Gefahren zu ignorieren. Mal sehen, wie lange das noch gut geht.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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