Notenbanken: Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

Bernd Heim
By Bernd Heim / 6. November 2017

Die Notenbanken wären gut beraten, wenn sie die Normalisierung ihrer Bilanzen und die Straffung ihrer Geldpolitik schnell und konsequent vorantreiben würden. Dieser Schritt würde ihren Spielraum erhöhen und ihnen helfen, zukünftige Krisen leichter abfedern zu können.

Da unsere Wirtschaft in Zyklen verläuft, folgt auf jeden Aufschwung früher oder später auch wieder ein Abschwung. Diesen kann auch eine gute und vorausschauende Geldpolitik nicht verhindern. Sie kann aber sicherstellen, dass die Notenbank am Beginn der nächsten Rezession noch handlungsfähig ist. Und genau um diesen Punkt geht es in diesen Tagen und Wochen.

Bislang agieren die Notenbanken sehr zögerlich. Zu zögerlich, wie ich meine, denn mit jedem Tag, der vergeht, ohne dass ernsthafte Schritte in Richtung auf eine straffere Geld- und Zinspolitik getroffen werden, wachsen die Verzerrungen an den Finanzmärkten und in der Wirtschaft. Gleichzeitig wird der Spielraum für künftige geldpolitische Aktionen kleiner, denn Zinsen, die immer noch ausgesprochen niedrig sind, kann man in der Krise schlecht noch weiter absenken, ohne ernsthafte Gefahren heraufzubeschwören.

Ein solcher Spielraum ist jedoch zwingend nötig, wenn die Notenbanken im Falle eines wirtschaftlichen oder politischen Schocks schnell und beherzt eingreifen möchten. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre kann das nur bedeuten, dass die Zentralbanken bei einer neuerlichen Finanz- oder Liquiditätskrise wieder an den Märkten intervenieren und ihre Bilanzen dabei erheblich ausweiten werden.

Mehr vom Gleichen

Aus ohnehin schon großen Bilanzen werden dann extrem große Bilanzen und nach und nach wären immer mehr Wertpapiere in den Händen der Notenbanken. Diese würden damit nicht nur zum größten Gläubiger und möglicherweise auch größten Aktionär einer Volkswirtschaft. Mindestens ebenso schwer wiegt, dass die Finanzmärkte in diesem Moment ihre Steuerungsfunktion gänzlich verlieren werden, weil ein einziger großer Spieler den Markt und das Geschehen an diesem kontrolliert.

Wirklich frei sind die Märkte schon heute nicht mehr, denn die künstlich abgesenkten Zinsen sind eine klar manipulative Handlung, die mit dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage nur noch wenig zu tun hat. Dass die Finanzmärkte kurzfristig wieder frei werden, ist nicht zu erwarten, denn Notenbanken agieren in der Regel konservativ. Sie halten an eingeschlagenen Wegen nicht nur lange fest, sondern sie halten an ihnen auch dann noch fest, wenn klar ist, dass sich die gewünschten Erfolge auf dem gewählten Weg nicht einstellen werden.

Während des Bretton-Woods-Abkommens hat man in den späten 1960er Jahren nicht nur versucht, das System fester Wechselkurse zu verteidigen. Man war auch bemüht, einen nicht mehr haltbaren Goldpreis zu fixieren. Am Ende ist man mit beiden Zielen gescheitert. Doch es hat lange gedauert, bis man bereit war, das eigene Scheitern auch anzuerkennen.

Heute ist es ähnlich. Obwohl unvorstellbare Geldmengen in die Wirtschaft gepumpt wurden, sind die erreichten Erfolge vergleichsweise gering. Die Banken stehen heute etwas besser da als vor dem Beginn der Finanzkrise. Aber wirklich über den Berg sind die meisten Institute immer noch nicht. Wäre es anders, müsste nicht alle paar Monate ein neuer Stresstest durchgeführt und auf die Ergebnisse mit Sorge gewartet werden.

Die wahren Motive werden verschleiert

Die Wirtschaft erholt sich trotz der riesigen Liquiditätsschübe nur unzureichend, weil ein großer Teil des Geldes gar nicht in der Realwirtschaft ankommt. Im Hintergrund steht die mangelhafte Eigenkapitalausstattung der europäischen Banken. Sie können das Risiko weiterer Kredite nicht stemmen und halten sich bei der Kreditvergabe deshalb zurück. Statt die Zinsen in den Jahren nach 2008 auf unnatürliche Niveaus zu senken, wäre es viel besser gewesen, den Hebel bei der Eigenkapitalausstattung der Banken anzusetzen und diese zu verbessern.

Nun stellt sich die Frage, wie man mit den niedrigen und teilweise noch negativen Zinsen umgehen soll. Eine starke Anhebung der Zinsen scheidet aus, weil die Masse der Schuldner sie nicht überleben würde. Aber auch eine vorsichtige Anhebung birgt große Gefahren. Noch weigern sich die Notenbanken, insbesondere die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan, die Zinsen wieder anzuheben und sie begründen diese Weigerung mit dem Hinweis, die Inflation sei noch nicht auf dem gewünschten Niveau angekommen.

Dieser Hinweis ist Augenwischerei, denn eine Reihe von Gründen hat dazu geführt, dass sich Inflation und Deflation heute nicht mehr so entwickeln wie in früheren Jahren. Der Verfall der Energiepreise infolge des Fracking-Booms in den USA, die Produktivitätsfortschritte, die sich aus neuen IT-Techniken und anderer Erfindungen ergeben, die Veränderungen des Konsumentenverhaltens als Folge des zunehmenden Internethandels und die vielen Importe aus den Billiglohnländern sind an dieser Stelle zu nennen. Sie alle haben dazu geführt, dass es heute Preisveränderungen gibt, welche die klassische Berechnung der Inflationsrate und ihre Aussagefähigkeit massiv infrage stellen.

Das führt zum wahren Grund der Weigerung die Zinsen wieder anzuheben und die Geldpolitik zu straffen: die Verschuldung der Staaten. Sie ist nicht mehr tragbar. Die Erkenntnis ist nicht neu. Sie wurde in den vergangenen Jahren durch die niedrigen Zinsen aber verdrängt. So gelang es den Staatsbankrott einiger überschuldeter Länder zu vermeiden. Das Problem wurde allerdings dabei nicht dauerhaft gelöst, sondern nur auf die Zukunft vertragt. Es wird wiederkommen und dieser kritische Punkt könnte allen Rettungs- und Zinssenkungsanstrengungen zum Trotz näher sein als den Notenbanken lieb ist.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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