DAX, Dow & Co.: Aufwärts bei steigenden Risiken

Bernd Heim
By Bernd Heim / 8. November 2017

Die Anleger erfreuen sich an der besten aller Welten. Die Kurse steigen und beinahe täglich werden neue Allzeithochs vermeldet. Wer warnend den Finger hebt, wird in diesen Tagen eher müde belächelt als wirklich ernst genommen und beachtet. So schweigen viele erfahrene Anleger und denken nur sich ihren Teil. Zwar sind die Symptome der Übertreibung unverkennbar, doch wer will schon gerne den anderen die Party verderben, wenn alle so restlos glücklich sind?

Euphorische Zeiten sind immer auch kritische Zeiten, weil der Crash prinzipiell hinter einer der nächsten Kurven lauert. Das wissen auch die meisten Anleger. Sie wissen aber auch, dass sie Rendite zu verpassen drohen, wenn sie jetzt schon die Reißleine ziehen und ihre Positionen schließen. Deshalb lautet das allgemeine Motto, den Schub noch mitzunehmen und bei Bedarf frühzeitig das Feld zu räumen.

Doch wo ist der Bedarf, wenn Korrekturen, wenn sie denn überhaupt kommen, nur noch seitwärts gerichtet sind und die wenigen Kursrücksetzer von allen sogleich als ideale Kaufgelegenheiten interpretiert werden? In einem solchen Umfeld ist es schwer, als Investor die Ruhe zu bewahren und nüchtern seiner eigenen Analysetätigkeit nachzugehen.

Wie gut es den Finanzmärkten geht, ist sogar daran zu merken, dass selbst US-Präsident Donald Trump, der ja nun wirklich nicht viel zur allgemein guten Lage persönlich beigesteuert hat, nicht müde wird zu betonen, wie gut sich die Wall Street seit seinem Amtsantritt entwickelt hat.

Die Herde gibt die Richtung vor

Symptome, die auf eine Überhitzung des Marktes verweisen, gibt es genug in diesen Tagen. Eines ist die Verteilung der Bewertungen am Aktienmarkt. Sie ist derzeit so tief ist wie nie zuvor. Übersetzt man diese Beobachtung aus dem Wall Street-Jargon in eine verständlichere Sprache, so bedeutet dieser Satz nichts anderes, als dass sich die Bewertungen der einzelnen Unternehmen mit der Zeit immer mehr angenähert haben.

Oder anders ausgedrückt: Die meisten US-Aktien werden mit einander sehr ähnlichen Bewertungen gehandelt. Das ist ungewöhnlich und entspricht gewiss nicht der Realität in der Wirtschaft, denn erstens sind die Unternehmen nicht alle gleich und zweitens geht es nicht allen Branchen gleich gut.

Vor diesem Hintergrund sind die auffallend ähnlichen Bewertungen ein weiteres Indiz dafür, dass die Anleger sich augenblicklich für die fundamentalen Faktoren nicht sonderlich stark interessieren. Vielmehr lassen sie sich von der Herde mitreißen und feiern die weiterhin hohe Liquidität.

Bislang gibt ihnen die Kursentwicklung recht. Auf die Spätsommerrallye folgte sogleich die Jahresendrallye, die selbstverständlich im Januar oder schon etwas früher von der klassischen Jahresanfangsrallye abgelöst werden wird. Oder können Sie sich ernsthaft noch etwas anderes als beständig steigende Kurse vorstellen?

Im Gleichschritt gehebelt in die nächste Kurve …

Neben der großen Sorglosigkeit der Anleger ist das hohe Beta der Hedgefonds ein weiteres Element, das zur Besorgnis Anlass gibt. Ein hohes Beta bedeutet, dass die meisten Hedgefonds parallel zum Markt aufgestellt sind und ihr Geld mit den großen Marktbewegungen verdienen.

Eine umfangreiche individuelle Arbeit leisten sie derzeit nicht. Warum auch? Macht es Sinn, sich tagelang über neue Strategien den Kopf zu zerbrechen, wenn der DAX in einem Monat um tausend Punkte steigt und der NASDAQ mit einer Jahresperformance von über 20 Prozent glänzt?

Im Umfeld der aktuell immer noch äußerst niedrigen Zinsen ist eine Jahresrendite von 20 Prozent sehr gut. Kein Kunde hat da Grund, sich groß zu bescheren. Und doch lauert in dieser allgemeinen Vorgehensweise eine große Gefahr. Wenn sich nicht nur die in der Regel schlechter informierten Privatanleger, sondern auch die hochbezahlten Profis primär von der Masse leiten lassen, kann das mit der Zeit zu gefährlichen Mechanismen führen.

Besonders gefährlich ist dabei die Tatsache, dass zahlreiche Fonds mit sehr viel Fremdkapital arbeiten. Auch die Cashquoten sind vergleichsweise niedrig. Man ist bis zum Anschlag investiert und setzt zusätzlich auch noch Kredite ein, weil die gerade so unverschämt günstig sind.

… aus der Kurve auf die Zielgerade oder mit Vollgas in die Leitplanke

Beides hebelt die Eigenkapitalrendite und selbstverständlich auch das Risiko. Schulden sind gut, wenn die Märkte rund laufen. Doch sie können zu einer massiven Belastung werden, wenn die Märkte plötzlich in eine echte Korrektur übergehen. Früher oder später werden solche Korrekturen einsetzen.

Es muss nicht unbedingt ein Schwarzer Schwan sein, der den Markt um seine Ruhe bringt und die Party abrupt beendet. Schwarze Schwäne sind Ereignisse, die niemand voraussagen kann. Treten sie jedoch ein, können an sie unmittelbar zu einem Crash führen.

Es kann auch die ganz normale Erschöpfung sein, welche die Kurse schließlich zu Fall bringt. Wenn alle schon investiert sind und auf weiter steigende Kurse hoffen, herrscht schnell akuter Käufermangel. Wenn dann auch noch die Ersten nervös werden und ihre Positionen auflösen, gibt es schnell kein Halten mehr auf der schiefen Bahn. Dann weiß es plötzlich ein jeder: Irgendwo lauert immer der nächste Crash!

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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