Erdöl: Die Energiegiganten der Schwellenländer holen auf

Das Ende des Erdölzeitalters ist schon oft vorhergesagt worden. Gekommen ist es bislang noch nicht. Zwar stellen alternative Energiequellen einen immer größeren Teil der Energieversorgung, doch ganz ohne Erdöl und Erdgas geht es immer noch nicht. Das wird wohl auch noch einige Jahrzehnte so bleiben.

Auch wenn es momentan so aussieht, als würde mit dem wegbrechenden Markt für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren dem Erdöl eine wichtige Nachfragequelle langfristig wegbrechen, so ist eine totale Untergangsstimmung doch fehl am Platz. Vorsicht ist dennoch geboten, denn es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass die Branche ihren Höhepunkt gesehen hat und nun wieder auf schlechtere Zeiten zusteuert.

Ein Indiz für die geschwächte Position der Branche ist der von Saudi-Arabien geplante Börsengang von Aramco. Geht es nach dem saudischen Königshaus, wird der staatliche Ölkonzern nicht nur den größten Börsengang aller Zeiten vollziehen, sondern nach der Börsenzulassung auch dreimal so viel wert sein wie Apple. Ob es tatsächlich so kommt, bleibt abzuwarten.

In jedem Fall ist der geplante Börsengang ist eine Abkehr von der bisher verfolgten Strategie, die nationalen Bodenschätze über ein Staatsunternehmen primär den künftigen Generationen nutzbar zu machen. Nun sollen auch private Investoren aus dem Ausland Zugang zu den – nach offizieller Lesart – zweitgrößten Erdölreserven der Welt haben.

Geschenke werden nicht verteilt

Aus anderen Branchen kennt man zur Genüge das Phänomen, dass Firmengründer und frühe Kapitalgeber besonders dann gerne Kasse machen und sich aus dem Unternehmen verabschieden, wenn der Zeitpunkt günstig ist, sprich die Firma relativ zu ihrem Umsatz und Gewinn einen hohen Emissionserlös verspricht. Auch der saudische Privatisierungsplan für Aramco dürfte zumindest zum Teil von diesem Motiv geprägt sein.

Initiiert hat den Börsengang der junge saudische Vizekronprinz Mohammed bin Salman. Er möchte mit den Einnahmen aus dem Börsengang einen Staatsfonds ausstatten. Dieser soll Wirtschaftsreformen anregen und in andere Branchen und Länder investieren, um Saudi-Arabiens Abhängigkeit vom Öl langfristig zu reduzieren. In Klartext übersetzt heißt das: In anderen Branchen und Ländern könnte in Zukunft mehr Geld zu verdienen sein als im klassischen Ölgeschäft auf der arabischen Halbinsel.

Den Schritt über die eigenen Landesgrenzen hinaus in die Welt vollziehen derzeit nicht nur die arabischen Staaten. Auch russische, chinesische und indische Ölförderer drängt es zu fremden Quellen. Führend sind bei diesem Wettlauf zu den Rohstofflagern der Welt momentan die Chinesen. Sie verfolgen bereits seit Jahren intensiv eine Expansionsstrategie, die dem Land einerseits den Zugang zu Rohstoffen sichern soll und andererseits die angehäuften gigantischen Währungsreserven sinnvoll nutzen will.

Den Spitzenplatz im Ranking der im Ausland tätigen Ölkonzerne aus Schwellenländern hat die China National Offshore Oil Corp. inne. Branchenübergreifend, allerdings ohne Berücksichtigung der Finanzinstitute, liegt sie auf Platz zwei mit ihren ausländischen Assets, die Ende März 2016 einen Wert von 66.673 Millionen US-Dollar hatten. Den zweiten Platz unter den Ölkonzernen nimmt die malaysische Petronas ein. Im Gesamtranking kommt sie damit auf den fünften Rang und ihre ausländischen Beteiligungen hatten im März 2016 einen Wert von 47.912 Millionen US-Dollar.

Russische Konzerne folgen abgeschlagen auf den hinteren Plätzen

Mit größerem Abstand folgen drei Unternehmen aus Indien und China. Ihre ausländischen Beteiligungen erreichen nicht einmal mehr die Hälfte des Werts der Beteiligungen von Petronas. Auf Platz drei der Ölkonzerne aus den Schwellenländern und Rang 18 der Gesamtwertung folgt die indische Oil and Natural Gas Corp. Ihre Assets hatten im März 2016 einen Wert von 23.921 Millionen US-Dollar.

Ihr folgen auf Rang 22 und 23 der Gesamtwertung die beiden chinesischen Konzerne China National Petroleum Corp. (CNPC) mit 22.168 Millionen US-Dollar und Sinopec (China Petrochemical Corporation) mit ausländischen Produktionsstätten und Beteiligungen im Wert von 21.943 Millionen US-Dollar.

Russlands zweitgrößter Ölförderer Lukoil folgt als bestplatzierte russische Gesellschaft erst auf Rang 28 der Gesamtliste. Das Unternehmen, das mehrheitlich in privater Hand ist und deshalb nicht vom Kreml kontrolliert wird, verfügte im März 2016 über ausländische Assets im Wert von 19.942 Millionen US-Dollar. Der bekannte Staatskonzern Gazprom folgt mit weitem Abstand erst auf Rang 48 der Gesamtliste. Gazprom nannte Ende März 2016 ausländische Beteiligungen im Wert von 13.337 Millionen US-Dollar sein Eigen.

Dass Lukoil im Ausland wesentlich aktiver ist als Gazprom und die anderen vom Kreml kontrollierten Ölkonzerne, hängt mit der russischen Innenpolitik zusammen. Die fehlende Kremlnähe führt dazu, dass Lukoil innerhalb Russlands kaum noch neue Projekte und Bohrgenehmigungen akquirieren kann. Aus diesem Grund war der Konzern schon vor Jahren gezwungen, ins Ausland zu gehen, um expandieren zu können.

Andere russische Ölkonzerne ziehen nun nach und sichern sich ebenfalls neue Projekte im Ausland. Damit folgen sie einem Weg, der von vielen Ölkonzernen aus den großen Schwellenländern beschritten wird. Es ist der Versuch, genauso groß und genauso breit international aufgestellt zu sein wie Exon, Shell, BP und die anderen westlichen Ölgiganten.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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