Der anstehende Liquiditätsentzug interessiert die Finanzmärkte noch nicht

Bernd Heim
By Bernd Heim / 10. November 2017

Wenn man sich in einigen Jahren bei der Rückschau auf das Jahr 2017 fragen wird, was das Besondere an diesem Börsenjahr gewesen sei, so wird vermutlich die extrem gesunkene Volatilität große Chancen haben an führender Stelle genannt zu werden. An manchen Tagen handelte der DAX in einer Spanne von nicht einmal fünfzig Punkten.

Es konnte bislang passieren, was wollte, große Sorgen schienen die Anleger zu keiner Zeit zu haben. Weder die politische Großwetterlage, die gewiss nicht als spannungslos beschrieben werden kann, noch die am Horizont aufscheinenden geldpolitischen Veränderungen veranlassten sie zu Verkäufen oder Absicherungsgeschäften. Wer an der Börse Erfolg haben wollte, der musste nur dabeibleiben und einmal aufgebaute Positionen stur halten.

Insbesondere der Oktober war ein Phänomen. In den USA erklommen Dow Jones, S&P 500 und der NASDAQ100 beinahe im Tagesrhythmus neue Allzeithochs, doch einen nennenswerten Absicherungsbedarf gab es unter den institutionellen Anlegern nicht. Diese Beobachtung ist insofern ungewöhnlich und bemerkenswert als ausgerechnet der Oktober 2017 den Zeitpunkt markierte, an dem die US-Notenbank mit der Reduzierung ihrer stark aufgeblähten Bilanz begann.

Zwar fällt die Bilanzverkürzung im 4. Quartal 2017 noch vergleichsweise klein aus, doch ist dies an sich kein Grund, den grundsätzlichen Gezeitenwechsel, der mit der FED-Entscheidung aus dem September verbunden ist, vollständig zu ignorieren. Die Folgen für die Märkte sind durchaus gravierend, zumindest gravierender als es die gelebte Sorglosigkeit der Marktteilnehmer vermuten lässt.

Die Liquidität wird stark sinken

Unter der Voraussetzung, dass nichts dazwischenkommt und die Notenbanken ihre angekündigten Programme ohne Änderung durchziehen werden, werden wir im Jahr 2018 eine deutliche Verknappung der freien Liquidität an den Märkten sehen, denn in den kommenden dreizehn Monaten wird die von den Zentralbanken zur Verfügung gestellte Liquidität von zwei Billionen US-Dollar auf null zurückgehen.

Die Reaktion der Aktienmärkte beschränkte sich bislang auf ein gelangweiltes Schulterzucken. Man nahm die Ankündigung der FED zur Kenntnis und machte sich daran, die wichtigsten Indizes auf neue Allzeithochs zu treiben. Seitdem rätseln viele Beobachter über den Grund dieser stoischen Ruhe. Sind die Anleger einfach nur selbstgefällig und paralysiert oder sind sie wirklich der Ansicht, dass es auch nach einer Straffung der Liquidität zu Aktien immer noch keine wirklichen Alternativen gibt?

Ein wesentlicher Grund für die Ruhe und Gelassenheit könnte das erreichte Kursniveau selbst sein. Wenn in kurzer Folge immer neue Allzeithochs erreicht werden, können naturgemäß nicht viele Anleger zum falschen Zeitpunkt gekauft haben. Die Depots dürften sich entsprechend gut entwickelt haben und ein unmittelbarer Verkaufsdruck damit nicht gegeben sein.

Aber auch das Bedürfnis, das erreichte Kursniveau nicht mehr zu verlassen und die Buchgewinne abzusichern, war in den letzten Monaten nicht allzu stark ausgeprägt. Hier könnten viele Anleger das Opfer ihrer eigenen Prägung geworden sein. Wenn ein Markt durch seinen Verlauf den Anlegern über Jahre hinweg zu verstehen gibt, dass man die Tiefs kaufen muss und Korrekturen, so sie denn kommen, Kaufgelegenheiten sind, dann werden die Anleger diese „Botschaft“ eines Tages auch verinnerlicht haben.

Der unerschütterliche Glaube an die Notenbanken

Dieser Tag scheint in der Tat erreicht zu sein. Hinzu kommt, dass die wirtschaftliche Erholung in den vergangenen Jahren recht gleichmäßig verlief. Nach einer Schätzung des IWF wuchs die Weltwirtschaft in den letzten fünf Jahren mit Raten zwischen 3,02 Prozent im Jahr 2012 und 3,17 Prozent im Jahr 2016. Der Unterschied zwischen dem besten und dem schlechtesten Jahr fiel so gering aus, das er kaum mehr zu spüren, geschweige denn an der Börse handelbar war.

Ein weiterer Grund für den unerschütterlichen Optimismus der Anleger liefern die Inflationsraten. Auch sie sind seit Jahren konstant niedrig. Weil dies so ist, obwohl die Notenbanken gerade bewusst eine höhere Inflationsrate erzeugen wollen, geht die Masse der Anleger davon aus, dass die Inflation es generell schwer haben wird, wieder zu einer echten Einflussgröße zu werden. Da niedrige Inflationsraten tendenziell gut für die Aktienmärkte sind, wundert es nicht, dass diese beständig steigen.

Der in meinen Augen wichtigste Punkt ist jedoch der unerschütterliche Glaube an die Notenbanken. Er stellt sich als eine Art doppelter Zuversicht dar: Die Investoren sind nicht nur der Ansicht, dass die Geldpolitik der Notenbanken zu einem Erfolg führen wird. Sie sind auch der Meinung, dass selbst ein Scheitern der Notenbankpolitik für sie nicht gefährlich wird, weil die Zentralbanken dann hingehen und die notleidenden Märkte, will heißen die in Schieflage befindlichen Anleger, retten werden.

Wenn also, egal, was auch passiert, am Ende mit den eigenen Anlagen nichts schief gehen kann, weil man entweder mit seinen Einschätzungen zum Markt richtig liegt oder anderenfalls von den Notenbanken gerettet wird, ist jede noch so rudimentäre Form von Absicherung überflüssig und kann unterbleiben. Diese Kosten und Mühen kann man sich sparen und das tut die Marktteilnehmer seit einiger Zeit.

Bleibt zu hoffen, dass die Anleger sich dabei nicht verkalkulieren. Anderenfalls gibt es irgendwann ein böses Erwachen, auf das mit einer entsprechend panischen Reaktion geantwortet wird.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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