Vergessen Sie China, kaufen Sie einfach nur Google und Apple!

Bernd Heim
By Bernd Heim / 14. November 2017

Nicht erst durch Donald Trump wissen wir, dass Amerika zuerst kommt und dann lange Zeit nichts. An den Finanzmärkten wird die ‚America First‘-Doktrin schon lange gelebt. Die Börse in New York gilt als die Leitbörse der Welt und wer als Firma im Konzert der Großen wirklich etwas darstellen will, kommt um ein Listing an der Wall Street faktisch nicht herum.

Die amerikanischen Börsen geben nicht nur hinsichtlich Reputation und Bedeutung den Ton an. Auch die Marktkapitalisierung ist hier am höchsten. Will heißen, nirgendwo sonst auf der Welt werden Firmen so hoch bewertet wie hier. Ein überzeugter amerikanischer Patriot wie Donald Trump würde vermutlich sagen, nirgendwo sonst ist es so attraktiv, in Unternehmen und Ihre Aktien zu investieren, wie in den Vereinigten Staaten. Deshalb werden hier von den Anlegern auch die höchsten Preise gezahlt.

Übertreibungen gibt es an der Börse immer wieder. Sie sind ein genuiner Bestandteil des Handels. Es werden zwar immer wieder von den Analysten „faire Kurse“ für die einzelnen Aktien berechnet, doch in der Regel sind diese Kurse nicht jene, die gerade im Tageshandel zu bezahlen sind, sondern die Kurse schwanken wie ein Pendel um diesen angeblich fairen Wert. Übertreibungen gehören ebenso zum Börsengeschäft wie Untertreibungen.

Etwas anderes ist es jedoch, wenn die Bewertungen so verzerrt sind, dass einzelne Firmen oder Städte mehr wert sind als ganze Länder. 1989 waren auf dem Höhepunkt der japanischen Aktien- und Immobilienblase Immobilien und Grundstücke rund um den Kaiserpalast in Tokio teurer als sämtliche Immobilien in Kalifornien.

Alles nur eine Frage des Blickwinkels?

Es wird aus der Rückschau schnell klar, dass dieses Bewertungsmissverhältnis früher oder später korrigiert werden musste. Die Attraktivität von Tokio im Allgemeinen und von zentralen Lagen in der japanischen Hauptstadt soll damit gar nicht bestritten werden. Was nicht passte, waren die Größenverhältnisse. Gemessen am Umfang und an seiner wirtschaftlichen Größe war Kalifornien als Ganzes nicht so klein, dass es sich hinter einer einzelnen Stadt hätte verstecken müssen.

Immerhin beherbergte Kalifornien mit San Francisco und Los Angeles schon damals zwei Millionenstädte, die nicht unbedingt als unbeliebt und damit unattraktiv galten. Auch die Wirtschaft des Landes war nicht zu verachten. Insbesondere das Silicon Valley stand damals kurz davor, den Sprung auf die Radarschirme internationaler Investoren zu schaffen.

Hewlett Packard im Jahr 1939 und einige Jahrzehnte später Bill Gates Microsoft begannen ihre Geschäftstätigkeit in kleinen, unscheinbaren Garagen. Heute sind aus den kleinen Anfängen Weltkonzerne mit einer entsprechend hohen Börsenbewertung geworden. Die Höhe dieser Bewertungen erinnert in diesen Tagen aber sehr oft an die Situation in Japan am Ende der 1980er Jahre.

Was damals für die japanischen Aktienbewertungen und die Häuserpreise rund um den Kaiserpalast in Tokio galt, gilt heute für den amerikanischen Aktienmarkt: Die gezahlten Preise haben die Bodenhaftung verloren, denn die Relationen zu anderen Ländern und Volkswirtschaften passen nicht mehr. Wäre es anders, würden nicht einzelne US-Unternehmen auf einen Börsenwert kommen, der dem anderer Länder entspricht.

Einzelne Unternehmen sind mehr Wert als ganze Länder

Die Überbewertung ist speziell ein Kennzeichen der Technologiewerte und damit auch der technologielastigen NASDAQ. Intel wird beispielsweise mit 171 Milliarden US-Dollar bewertet. Alle börsennotierten Unternehmen in Mexiko kommen mit 178 Milliarden US-Dollar nur auf geringfügig mehr. In anderen südamerikanischen Ländern sieht es nicht viel besser aus. Yahoo ist mit 57 Milliarden Dollar nur geringfügig weniger wert als Chile (59 Milliarden US-Dollar) und wer als Investor den Gegenwert des wichtigen Schwellenlands Brasilien (349 Milliarden US-Dollar) abbilden will, der kann auch einfach nur Oracle und IBM kaufen, denn beide kommen auf eine Gesamtbewertung von 339 Milliarden US-Dollar.

Die krassen Bewertungsunterschiede zu Mittel- und Südamerika sind kein Einzelfall. Tencent entspricht mit 389 Milliarden US-Dollar Börsenbewertung der von Südafrikas Unternehmen inklusive der dortigen Goldminen (326 Milliarden US-Dollar), Broadcom und Red Hat stellen mit zusammen 120 Milliarden US-Dollar Malaysia (113 Milliarden US-Dollar) in den Schatten, Qualcomm und Hewlett Packard sind mit zusammen 110 Milliarden nur geringfügig kleiner als der indonesische Börsenmarkt (115 Milliarden US-Dollar). Dabei ist Indonesien immerhin das Land mit der viertgrößten Bevölkerung weltweit.

Die russischen Energieriesen Gazprom, Lukoil, Rosneft und Co. mit all ihren Öl- und Gasvorkommen und der börsennotierte Rest des Landes werden mit 153 Milliarden US-Dollar nicht annähernd so hoch bewertet wie Cisco Systems, das auf eine Marktkapitalisierung von 159 Milliarden US-Dollar kommt. Schon gut, die Börse in Moskau muss wegen Vladimir Putin und seiner Außenpolitik, Stichwort Krim, kräftige Abschläge hinnehmen. Aber was ist mit Indien? Warum kommen alle börsennotierten indischen Unternehmen mit 448 Milliarden US-Dollar noch nicht einmal auf eine Bewertung, die der von Facebook (499 Milliarden US-Dollar) entspricht?

Indiens Wirtschaft muss also immer noch ziemlich weit hinter dem Mond leben und dort unproduktiv vor sich hin werkeln. Aber das gilt auch für einige südeuropäischen Wirtschaften. Spaniens Aktienmarkt ist mit 507 Milliarden US-Dollar nur geringfügig größer als der Internethändler Amazon (476 Milliarden US-Dollar) und Italiens börsennotierte Aktiengesellschaften sind mit 341 Milliarden US-Dollar nur wenig höher bewertet als die beiden US-Unternehmen Visa und Nvidia (334 Milliarden US-Dollar).

Die höchste Steigerungsform von wertvoll heißt US-Aktien

Endgültig abgeschossen wird der Vogel von den NASDAQ100-Schwergewichten Google und Apple. Sie zählen zu den beliebten FAANG-Aktien und kommen derzeit auf eine Bewertung von 1.474 Milliarden US-Dollar. Der gesamte chinesische Aktienmarkt wird hingegen nur mit 1.407 Milliarden US-Dollar bewertet.

Wenn man nun noch bedenkt, dass China gemessen am Bruttoinlandsprodukt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt darstellt, wird schnell deutlich, wie sehr die Investoren – nicht nur die in den USA, sondern auch die aus dem Ausland, den ‚America First‘-Gedanken bereits verinnerlicht haben.

Donald Trump kann sich also freuen. Seine Mahnungen finden endlich einmal uneingeschränkt Gehör. Ob die investierten Anleger sich ebenfalls freuen können, steht auf einem anderen Blatt. Wenn es dumm kommt und die Geschichte ähnlich endet wie die in Japan in den 1990er Jahren, droht früher oder später ein unsanftes Erwachen aus süßen Börsenträumen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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