Die unheimliche Macht der Banken

Bernd Heim
By Bernd Heim / 16. November 2017

„Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still. Wenn dein starker Arm es will.“ Das Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beruht auf einem Gedicht, das 1863 von Georg Herwegh verfasst wurde. Es spricht von der Stärke des damals unter starkem sozialpolitischen Druck stehenden Industriearbeiters. Ein leicht abgewandelter Text würde sich für die heutige Bankenwelt anbieten: Nichts geht mehr, wenn deine schwache Bilanz es will!

Wobei es bei der abgewandelten Form des Gedichts allerdings nicht um die Stärke geht, die alle anderen Aktivitäten zum Stillstand bringt, sondern um die dem Bankensektor innewohnende Schwäche, konkret die Eigenkapitalschwäche. Wie das gehen kann und vor allem, wie schnell das im Zweifelsfall vor sich gehen kann, haben uns die Zusammenbrüche der US-Investmentbanken Bear Stearns und Lehman Brothers vor zehn bzw. neun Jahren eindrucksvoll vor Augen geführt.

An einer Wiederholung dieser Ereignisse ist gewiss niemandem gelegen, dennoch sollten wir als Anleger die Details kennen, um sie, wenn sie sich wieder in den Charts der Bankaktien zeigen sollten, rechtzeitig zu erkennen. Der Schlüssel zum Verständnis der damaligen Vorgänge liegt nicht in der Höhe der erwirtschafteten Verluste, sondern im viel zu geringen Eigenkapital.

Als Bear Stearns im Juni 2007 kleinlaut eingestehen musste, das zwei von der Bank gemanagte Hedgefonds mehr oder weniger pleite waren und abgewickelt werden müssten, reagierte die Aktie mit Kursverlusten, von denen sie sich bis zum Herbst des Jahres jedoch weitgehend wieder erholte. Mehr Unheil als eine kurze Delle im Chart schien den Aktionären zunächst nicht ins Haus zu stehen. Doch es kam ganz anders.

Warnsignale, die keiner sehen und hören will

Die meisten Anleger ignorierten diesen Warnschuss und auch die anderen, die in jener Zeit zu hören waren. So gingen beispielsweise nicht nur bei Bear Stearns, sondern auch bei den anderen stark im US-Immobiliengeschäft aktiven Investmentbanken die Gewinne im dritten Quartal 2007 deutlich zurück.

Eigenständig überlebt hat keine dieser Banken. Merrill Lynch, die als Erste aufgrund der hohen Verluste Abschreibungen vornahm, wurde wenig später mit der Bank of America zwangsfusioniert. Bear Stearns wurde, nachdem Regierung und Notenbank einige Garantien in Bezug auf das toxische Kreditportfolio der Bank gegeben hatten, von JP Morgan übernommen. Nur Lehman Brothers fand keinen Käufer, denn hier war die Lage eine andere. Die Bank war schon viel zu weit über die Klippe hinausgefahren.

Bis zum Ende des Jahres 2007 nahm Bear Stearns Abschreibungen in Höhe von fast einer Milliarde US-Dollar vor. Trotzdem konnte man Ende Februar 2008 bei der Vorlage der Zahlen für das abgelaufene Quartal noch einen Gewinn in Höhe von 115 Millionen Dollar ausweisen. Es waren nicht die aufgelaufenen Verluste, sondern das viel zu geringe Eigenkapital, das der Bank schon zwei Wochen später endgültig das Genick brach.

Bear Stearns hatte damals eine Bilanzsumme von 400 Milliarden Dollar. Ihr stand ein Eigenkapital von nur 12 Milliarden Dollar gegenüber. Wenn eine Bank Verluste im Tagesgeschäft abfangen will, so kann sie das entweder über Liquiditätsspritzen tun, die sie als Kredite von anderen Banken erhält, oder indem sie ihr Eigenkapital angreift. Bear Stearns blieb Anfang 2008 nur der Weg über das Eigenkapital denn die Wall Street hatte inzwischen verstanden, dass Subprimekredite auch zu Verlusten führen konnten. Weil man diese fürchtet, verzichtete man darauf, der Bank weiteres Geld zu leihen.

Trau keiner Bilanz, die du nicht wirklich kennst!

Es begann jener Teufelskreis, der für die Finanzkrise so typisch war: Weil keine Bank um die Leichen im Bilanzkeller der anderen Bescheid wusste, lieh man sich lieber kein Geld als dieses einer unnötigen Gefahr auszusetzen. Bear Stearns musste sich also aus eigener Kraft aus dem Sumpf ziehen. Dieser verzweifelte Versuch misslang, weil das Eigenkapital schon aufgebraucht war, wenn der Verlust nur drei Prozent der Bilanzsumme ausmachte.

Bear Stearns hielt zu dieser Zeit Hypothekenwertpapiere im Nominalwert von rund 40 Milliarden US-Dollar. Doch was dieses Portfolio wirklich wert war, wusste zu dieser Zeit niemand. Zwar gelang es Bear Stearns sich 100 Milliarden Dollar kurzfristig zu leihen, doch diese Überbrückungskredite hatten nur eine Laufzeit von wenigen Tagen.

Ende Februar 2008 verfügte die Investmentbank noch über 20 Milliarden Dollar in bar. Bereits im März hatten auch diese sich in Luft aufgelöst, weil die 40 Milliarden Dollar an Hypothekenwertpapieren, die man als Sicherheit für weitere Kredite anbieten wollte, von den anderen Banken nicht mehr als Sicherheiten akzeptiert wurden.

Mitte März wurde Bear Stearns von JP Morgan übernommen und das auch nur, weil der entsprechende politische Druck ausgeübt wurde und die amerikanische Notenbank die Refinanzierung von zweifelhaften Vermögenswerten im Wert von 30 Milliarden US-Dollar garantiert hatte.

Lehman Brothers: Wenn die Verluste das Eigenkapital übersteigen

Während bei Bear Stearns und Merrill Lynch die Verluste nie das eigentliche Problem waren, weil es primär an der Liquidität fehlte, lagen die Dinge bei Lehman Brothers vollkommen anders. Hier standen Eigenmittel in Höhe von 22 Milliarden Dollar einer Bilanzsumme von 640 Milliarden Dollar gegenüber. Auch Lehman Brothers fehlte freie Liquidität und auch für diese strauchelnde Investmentbank suchte die US-Regierung händeringend einen Käufer.

Dass sie keinen fand, lag nicht nur an der fehlenden Liquidität, sondern vor allem an der Höhe der Verluste. Selbst wenn Lehman Brothers damals mit kurzfristigen Geldspritzen über Wasser gehalten worden wäre, hätte das Eigenkapital vermutlich nicht einmal ein Jahr gereicht, um die allein im ersten Halbjahr 2008 aufgelaufenen Verluste auszugleichen.

Es liegt auf der Hand, dass sich unter diesen Umständen weder eine Bank fand, die kurzfristig Kredite zur Verfügung stellen wollte noch ein Käufer das Institut vollständig übernehmen wollte. Die Marktkapitalisierung spiegelte diese Skepsis sehr gut wider. Noch 14 Monate vor der Insolvenz kam Lehman Brothers auf eine Marktkapitalisierung von 60 Milliarden Dollar. Wenige Tage vor der Pleite war die Bank den Anlegern immer noch einige Milliarden „wert“.

Am Ende gab es keinen Konkurrenten, der den symbolischen Dollar für die Übernahme bezahlen wollte. Die Angst war zu groß und alle Versuche, die Bank kurzfristig in andere Hände zu geben, scheiterten. Auch Lehman hatte sich in den Wochen vor dem Konkurs noch 200 Milliarden Dollar geliehen. Eine Woche vor dem Bankrott standen der Bank noch rund 45 Milliarden Dollar an Barmitteln zur Verfügung, die sich in den verbleibenden Tagen ebenfalls in Luft auflösten.

Ein Konkurrent, der Lehman Brothers hätte schlucken wollen, hätte tief in die Taschen greifen und sehr viel Geld mitbringen müssen, denn es galt, ein Liquiditätsloch von geschätzt 150 Milliarden Dollar zu schließen. Dazu war niemand bereit und finanziell in der Lage. Weil auch die US-Regierung dieses hohe Risiko nicht selbst übernehmen wollte, ließ man die Bank fallen.

Und die Moral aus der Geschichte?

Wir wissen heute, dass die Finanzkrise in erster Linie eine Vertrauenskrise war, weil die, die dringend Geld brauchten, bei denen, die noch freie Liquidität zur Verfügung hatten, keinen Kredit mehr besaßen. In den Jahren nach der Krise hat man sich sehr intensiv dem Thema Eigenkapital gewidmet, auch hier bei uns in Europa. Bei jedem Stresstest der EZB wird darauf geachtet, wie es sich entwickeln wird, wenn die Kurse an den Finanzmärkten wie 2007/2008 wieder den Rückwärtsgang einlegen sollten.

Reicht das Eigenkapital nicht aus, muss neues ins Unternehmen geholt werden, so wie in diesem Frühjahr bei der Deutschen Bank. Fehlt den Anlegern dennoch das Vertrauen in das betroffene Institut, muss wie bei der Commerzbank in Deutschland oder jüngst bei verschiedenen italienischen Banken wieder der Staat einspringen und Teilhaber der Bank werden.

Diesen Schritt vollzieht der Staat nicht aus einer Gewinnerzielungsabsicht. Seine Motivation ist eine ganz andere. Die Regierungen wissen, dass Krisen in anderen Branchen zumeist auf diese selbst beschränkt bleiben. Bei den Finanzinstituten ist dies anders. Hier weiß man nicht erst seit 2008, sondern auch schon aus den frühen 1930er Jahren, dass Bankenkrisen die Angewohnheit haben, sehr schnell auf die gesamte Wirtschaft durchzuschlagen.

Dieses Wissen sollte auch uns Anlegern an der Börse immer eine Warnung sein, denn wenn die Kurse der Banken – aus welchen Gründen auch immer – dauerhaft zur Schwäche neigen, ist meist Größeres im Busch. Dann sind nicht nur Bankaktien in akuter Gefahr, sondern alle anderen auch, denn der Bankensektor ist so etwas wie der Blutkreislauf der Wirtschaft. Kommt er zum Erliegen, stirbt das ganze System einen schnellen Tod.

To big to fail oder to big to survive?

Wer sich an die stark fallenden Aktienkurse der Banken im letzten Jahr erinnert oder an die Hektik, mit der die Deutsche Bank in diesem Jahr bei eigentlich schlechten Kursen ihre jüngste Kapitalerhöhung durchgeführt hat, der wird schnell gewahr, dass im Finanzsektor längst noch nicht jedes Institut aus dem Schneider ist.

Die Kühe sind noch nicht vom Eis und sie sind schwer genug, um jederzeit wieder einbrechen zu können. Von den chinesischen Schattenbanken und der Zeitbombe, die sie darstellen, soll an dieser Stelle gar nicht erst die Rede sein.

Werfen Sie deshalb immer wieder einen kritischen Blick auf die Aktien der Banken, auch wenn Sie in diesem Sektor persönlich aus gutem Grund nicht investiert sind.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden, damit auch diese die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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