Die Deutschen vertrauen auf Gold, nicht auf Mario Draghi

Die öffentliche Kritik am Präsidenten der Europäischen Zentralbank ist in Deutschland groß. Für Spareinlagen gibt es keine Zinsen mehr und die Target2-Salden der Deutschen Bundesbank wachsen wieder. Kritikpunkte gibt es mehr als genug und sie sind durchaus berechtigt.

Die Altersvorsorge der Bevölkerung ist in Gefahr, weil jeder Vorsorge der mächtige Zinseszinseffekt fehlt, und die Target2-Salden der Bundesbank sind zinslose Kredite an andere Notenbanken, die im Fall der Fälle abzuschreiben sind, weil sie nicht eingefordert werden können. Im einen wie im anderen Fall entstehen Schäden, die auch für ein wohlhabendes Land wie Deutschland nicht leicht zu stemmen sein werden.

Auf offizieller wie privater Ebene stellt sich deshalb zwangsläufig die Frage, wie mit dieser Herausforderung am besten umzugehen ist. Deutschlands Sparer beantworten sie mit dem Kauf von Gold und im geringeren Maße auch mit dem Kauf von Silber, die beide besonders gerne in physischer Form als Barren oder Münzen gekauft werden.

Diese Entwicklung ist nicht neu. Ein Grund für sie sind die vielen Währungsreformen, die das Land allein in den letzten 110 Jahren erlebt hat. Vor dem 1. Weltkrieg war die Mark noch durch Gold gedeckt. Nach Kriegsausbruch mutierte sie schnell zu einem Papierversprechen, dessen Wert sich in der Hyperinflation des Jahres 1923 in Nichts auflöste.

Verbrannte Kinder scheuen das Feuer

Wer Ersparnisse hatte und diese in Geldform hielt, verlor in kurzer Zeit alles. Der deutsche Staat war durch den Staatsbankrott im Innenverhältnis gegenüber seinen Bürgern zwar entschuldet, aber der einzelne Sparer fing mit der Rentenmark, die später wieder in Reichsmark umbenannt wurde, faktisch wieder bei null an.

Diese Mühe hätte man sich auch sparen können, denn in der Währungsreform vom Juni 1948 ging auch diese neue Reichsmark sang- und klanglos unter. Den Schaden hatten wieder die, die ihre Ersparnisse allein in klassischen Geldwerten wie Bargeld, Sparbüchern und Versicherungen angelegt hatten.

Danach gingen die Deutschen getrennte Wege. Die Westdeutschen wurden erst 1999 mit der Einführung des Euros wieder mit einer Währungsreform konfrontiert. Die Ostdeutschen hatten schon neun Jahre zuvor mit der Wende den Untergang ihrer alten Währung erlebt.

Ein Volk, das in etwas mehr als hundert Jahren mit fünf oder sechs neuen Währungen konfrontiert wird und diese aus verschiedenen Gründen nach und nach alle scheitern sieht, entwickelt zwangsläufig eine größere Sensibilität für die von dieser Seite aus drohenden Gefahren.

Was bietet noch Stabilität und Sicherheit?

Es ist also nicht nur die im Ausland oftmals belächelte ‚German Angst‘, welche die Deutschen dazu treibt in Geldfragen vorsichtiger und konservativer zu agieren als andere Nationen, sondern eine leidvolle Erfahrung. Währungen kommen und gehen, die einen schneller, die anderen langsamer. Aber unter dem Strich haben sie alle nur eine überschaubare Lebenszeit von durchschnittlich zwanzig bis dreißig Jahren.

Verwundert es vor diesem geschichtlichen Hintergrund, dass die Deutschen sich, wenn es um ihr Geld, ihre Ersparnisse und ihre Altersvorsorge geht, etwas mehr Stabilität und Sicherheit wünschen? An dieser Stelle kommen schnell das Gold und auch das Silber als das Gold des kleinen Mannes ins Spiel. Sie werden in Deutschland ebenso wie in Indien nicht nur wegen ihres Glanzes und ihrer Schönheit geschätzt, sondern auch wegen der finanziellen Sicherheit, die beide bieten.

Die indischen Haushalte haben Gold kumuliert wie kaum eine andere Nation. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, das sie 24.000 Tonnen Gold besitzen. Das ist mehr Gold als die offiziellen Goldreserven der Vereinigten Staaten, Deutschlands, Italiens, Frankreichs, Chinas und Russlands zusammen enthalten. Trotzdem wird noch immer weiteres Gold zugekauft.

Die Inder waren schon immer große Goldkäufer, die größten sind sie allerdings nicht mehr. Eine Zeit lang haben die Chinesen ihnen den Rang abgelaufen. Aber diese haben, seit die Preise für Gold und Silber rückläufig sind, viel von ihrem Interesse an den beiden Edelmetallen verloren. Im Jahr 2016 weist der neue Report des World Gold Councils (WGC) uns Deutsche als die Nation mit der größten Goldnachfrage aus. Nicht weniger als acht Milliarden US-Dollar investierten wir in Münzen, Barren und mit physischem Gold unterlegte börsennotierte ETCs wie beispielsweise Xetra Gold,

Die Nachfrage war nicht immer so hoch

Erstmals in Schwung kam die deutsche Goldnachfrage 2007 im Zuge der Finanzkrise. Während die Welt sich um Lehman Brothers und andere Banken sorgte, sorgten die Deutschen sich zunehmend um ihre eigenen Ersparnisse und begannen, Gold zu kaufen. Im Jahr 2007 wurde auch der erste börsennotierte und mit physischem Gold unterlegte ETC aufgelegt. Damit verlief die Entwicklung hier deutlich langsamer als in anderen Ländern.

Sie nahm aber in den Folgejahren einen Schwung auf, der bis heute anhält. Auf die Finanzkrise folgte die europäische Schuldenkrise. Diese war gerade gelöst, da startete Mario Draghi seinen massiven Angriff auf die Zinsen und den Außenwert des Euros. Die Deutschen reagierten auf all diese Entwicklungen mit dem Kauf von Gold und Silber.

Am Startpunkt der Entwicklung im Jahr 2007 lag die deutsche Goldnachfrage noch bei bescheidenen 17 Tonnen pro Jahr. Der türkische, chinesische und indische Goldhunger war damals noch vollkommen außer Reichweite. Inzwischen sind jedoch zehn Jahre vergangen, in denen der Glaube an die Stabilität von Papierwerten und die Versprechen von Politikern und Notenbankchefs massiv gelitten hat.

Aktuellen Umfragen zufolge trauen 42 Prozent der Deutschen dem Gold mehr als dem traditionellen Fiat Money-Papiergeld. An dieser Stelle stimmen Deutsche und Inder mit ihren Grundansichten über Geld vollkommen überein. Gold wird in beiden Ländern als echtes Geld gesehen und aus diesem Grund gekauft.

Behält Deutschland die Spitzenposition im privaten Goldkauf?

Wird diese Entwicklung anhalten? Das World Gold Council ist positiv gestimmt. Es sieht noch Raum für eine weiter steigende Nachfrage, denn beeindruckende 59 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass Gold auf lange Sicht niemals seinen Wert verlieren wird. Das ist selbst im internationalen Vergleich ein ausgesprochen hoher Wert.

Das World Gold Council ist die Lobbyorganisation der Goldindustrie. Vor diesem Hintergrund sind positive Einschätzungen zum Gold nicht weiter verwunderlich. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Deutschen noch weiterhin in diesem Umfang Gold kaufen werden oder ob der Bedarf inzwischen weitestgehend gedeckt ist.

In jedem Fall zeigen die Zahlen jedoch, dass Gold und Silber in Deutschland als stabile und verlässliche Wertaufbewahrungsmittel und als natürliche Gegenpole zum beliebig vermehrbaren Papiergeld der Notenbanken gesehen werden. Das gibt Grund zu der Annahme, dass das gekaufte Gold und Silber nicht sogleich wieder auf den Markt kommen wird, sollten die Edelmetallpreise mal etwas stärker anziehen.

Auch wenn es in der WGC-Studie nicht so deutlich zum Ausdruck kommt: Die meisten Deutschen kaufen Gold und Silber nicht, um von ihren Preisanstiegen zu profitieren, sondern sie wollen die Edelmetalle dauerhaft besitzen und sie wollen echtes Gold und Silber gerade dann in ihrem Besitz wissen, wenn die Fiat-Money-Währungen von den Notenbanken vor die Wand gefahren werden und ihren Wert verlieren.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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