Das Risiko allein definiert noch keine Konsequenzen

Bernd Heim
By Bernd Heim / 21. November 2017

Lassen Sie uns heute ein wenig über das Risiko sprechen. Ja, ich weiß, es ist ein ausgesprochen langweiliger Punkt, denn im Grunde interessiert doch nur, ob der Markt steigt oder fällt und an welchem Punkt er das nächste Mal seine Richtung wechseln wird. Aber so einfach ist die Sache nicht und so scheitern die meisten Trader und Investoren auch nicht an ihrer Markteinschätzung. Diese ist oftmals sehr gut, was man von ihrer Beachtung des Risikos leider nicht immer behaupten kann.

Hier soll es jetzt nicht um Positionsgrößen und Stopps gehen. All das ist wichtig. Doch es ist nur der Ausfluss einer vorgelagerten eher philosophischen Grundüberlegung. Sie besteht darin, dass das Risiko allein noch keine Konsequenzen bestimmt. Ein Anleger, der die Risiken seiner Anlagen kennt, weiß zwar um die möglichen Konsequenzen, das reale Geschehen in der Zukunft ist ihm aber ebenso verborgen wie einem Anleger, der sich um das Risiko erst gar nicht kümmert.

Wir kennen dieses Phänomen aus unserem Alltagsleben. Es gibt Personen, die ein hochgradig riskantes Verhalten an den Tag legen und dennoch überleben. Oft sind sie sich der Gefahr, in der sie geschwebt haben, gar nicht bewusst. Auf der anderen Seite kommen Personen zu Schaden, die eine Aktivität ausführen, die eigentlich nur mit einem sehr geringen Risiko verbunden ist.

Eine Beschäftigung mit dem Risiko definiert also nur die möglichen Konsequenzen. Ob es tatsächlich so kommt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Dieser Punkt ist wichtig, denn oft werden die Ergebnisse der eigenen Risikobetrachtung mit einer Kontrolle der Ereignisse verwechselt. Diese hat man gerade nicht, weder im Alltagsleben noch als Trader oder Investor an der Börse. Man hat nur Wahrscheinlichkeiten.

Die Kenntnis des Risikos allein gibt keine Kontrolle

Das Risiko im Lotto den Hauptgewinn zu landen, ist ausgesprochen gering. Trotzdem trifft es einige Spieler, die sich dann ausgesprochen glücklich schätzen. Wahrscheinlich kennen sie den Satz eher mit dem Begriff ‚Chance‘ als ‚Risiko‘. Dabei sind beide nur zwei Schwestern, von denen wir die eine mögen, während die andere uns unheimlich ist.

Halten wir kurz fest: Wer das Risiko oder die Chance eines Ereignisses kennt, der kennt nur die Wahrscheinlichkeit seines Eintritts. Die tatsächliche Entwicklung der Zukunft kennt er nicht. Dieser Aspekt ist wichtig, wenn wir uns der Risikoeinschätzung der Anleger zuwenden, wie sie beispielsweise in den verschiedenen Volatilitätsindizes zum Ausdruck kommt.

Diese waren im Börsenjahr 2017 weltweit von ausgesprochen niedrigen Werten gekennzeichnet. Große Sorgen machten sich die Anleger nur selten, und wenn doch, dann verfolgen sie meist schnell wieder. Mehr noch: Weil die Stimmung so gut und die Aussichten für die Zukunft so positiv waren, setzten viele Anleger auf eine weiter sinkende Volatilität.

Die Märkte bewegten sich kaum. Im Oktober pendelte der DAX beispielsweise über Tage in einer ausgesprochen engen Handelsbreite von nicht einmal hundert Punkten. Wer in diesen Seitwärtsmärkten Geld verdienen wollte, musste entweder kleinste Bewegungen erfolgreich handeln, was ausgesprochen schwierig ist, oder versuchen, mithilfe der Volatilität seine Rendite zu erzielen.

Das Moment der Überraschung liegt auf der anderen Seite

Letzteres ging nur, indem man auf eine weiter fallende Volatilität setzte. Schätzungen zufolge sind bereits zwei Billionen US-Dollar in derartige Strategien investiert worden bzw. noch immer investiert. Ein Kapitalstock dieser Größenordnung wird an der Börse immer Konsequenzen nach sich ziehen, egal, in welche Richtung oder mit welcher Strategie er investiert wird.

Die natürliche Folge davon, dass immer mehr Anleger mittels Derivaten oder anderen Strategien auf eine fallende Volatilität setzen, ist eine fallende Volatilität. Wir haben es hier mit einer sich selbst verstärkenden Bewegung zu tun. Die spannende Frage ist, wo ist die Grenze dieser Bewegung. Theoretisch müsste zumindest an der Nulllinie Schluss sein. Das hat man bei den fallenden Zinsen früher auch einmal gedacht, aber es kam bekanntlich ganz anders.

Auch die Entwicklung der Volatilität könnte die Anleger schon bald überraschen und viele auf dem falschen Fuß erwischen. Die Gefahr besteht darin, dass der Multi-Billionen-Dollar-Handel mit fallender Volatilität in all seinen Formen zu einer heftigen Rückkopplungsschleife mit höherer Volatilität führt. Sie könnte schnell in einen Crash münden, weil alle auf der selben Seite des Bootes Platz genommen haben und dieses plötzlich zu kentern beginnt.

An dieser Stelle sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass die natürliche untere Grenze für die Volatilität tatsächlich die Nulllinie ist. An diesem Faktum werden vermutlich auch die Notenbanken mit ihrem vielen Geld aus dem Nichts nichts ändern können. Doch auf der Gegenseite gibt es keine theoretische Grenze, die die Höhe der Volatilität begrenzen könnte.

Mit anderen Worten: Die sinkende Volatilität, die in Seitwärtsmärkten noch eine Quelle für höhere Renditen ist, kann sich leicht in ein explosives Gemisch verwandeln, das am Ende die Depots zerstört, weil diese auf die zu erwartenden Schocks bei einem neuerlichen, dauerhaften Anstieg der Volatilität nicht vorbereitet sind.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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