Wer will höhere Ölpreise und warum?

Im Hochsommer frühzeitig an die Heizung und das Öl zu denken, ist nicht unbedingt das Nächstliegende. In diesem Sommer war das anders. Wer im Juli oder August auf steigende Ölpreise setzte, kann sich inzwischen über ansehnliche Gewinne freuen. Neue Allzeithochs werden zwar noch nicht verkündet, aber die Kursziele vieler Analysten und Charttechniker sind hoch.

Noch immer sind die Öllager der Welt gut gefüllt. Es wird mehr Rohöl vorgehalten als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das dämpft den Preis und wurmt die OPEC, die mit ihren Förderkürzungen die Lagerbestände wieder unter den Fünfjahresdurchschnitt drücken will, um Druck vom Ölpreis zu nehmen.

Seit Russland sich den Kürzungen angeschlossen und seine eigene Fördermenge ebenfalls begrenzt hat, scheint das Unterfangen zu gelingen und der Ölpreis steigt. Die OPEC unterstützt diesen Anstieg, indem sie nicht müde wird zu betonen, wie gut die Quotendisziplin der Kartellmitglieder sei. Sie läge bei 100 Prozent, wurde im Oktober stolz berichtet.

Wer weiß, wie schwach und nachlässig die Kartelldisziplin in der Vergangenheit war, reibt sich an dieser Stelle verwundert die Ohren. Persönlich habe auch ich meine Schwierigkeiten, den OPEC-Mitgliedern diese Saulus-Paulus-Wandlung abzunehmen. Der Ölpreis ist mir dazu ehrlich gesagt noch zu niedrig. Wäre er 20 oder 30 US-Dollar höher, fiele es mir leichter, die wohlklingenden Reden der OPEC-Repräsentanten zu glauben.

Die Löcher in den Staatshaushalten klaffen weiter

Die meisten OPEC-Mitglieder brauchen einen hohen zweistelligen Ölpreis, um die Löcher in ihren Staatshaushalten zu schließen. Will man sogar die Verluste aus den letzten Jahren ausgleichen, führt an dreistelligen Preisen letztlich kein Weg vorbei. Preise über 100 US-Dollar sind allerdings nicht mehr durchsetzbar. Dazu hat sich der Markt in den letzten Jahren zu stark gewandelt.

Wirtschaftlich befinden wir uns in der späten Phase eines sehr lang anhaltenden Aufschwungs. Das bedeutet, dass die Weltkonjunktur noch rund läuft und auch in den letzten Jahren nicht von scharfen Einbrüchen gekennzeichnet war, die sich negativ auf die globale Ölnachfrage hätten auswirken können. Trotzdem wurden die Lager immer voller. Endet dieser Boom, wird auch die Ölnachfrage wieder schwächer werden. Das wird kaum geeignet sein, Druck auf die Preise auszuüben und diese weiter Richtung 100 US-Dollar steigen zu lassen.

Der entscheidende Grund für diese Annahme liegt jedoch in den USA. Hier hat sich die Öl-, vor allem die Schieferölindustrie, zu einem gefährlichen Konkurrenten der OPEC und ihrer Preismacht entwickelt. Wie sehr sich das Spiel verändert hat, ist vielen immer noch nicht klar. Möglicherweise noch nicht einmal den Saudis.

2014 und 2015 haben sie versucht, die Fracking-Industrie zu zerstören und aus dem Markt zu drängen. Dazu haben sie viel Geld in die Hand genommen und den Ölpreis zeitweise auf unter 30 US-Dollar je Barrel (159 Liter) fallen lassen. Die teure Aktion endete jedoch als klassischer Schuss in den Ofen.

Entscheidend sind die US-Schieferölproduzenten, nicht mehr die OPEC

Die Staatsfinanzen der OPEC-Mitglieder wurden einer schweren Belastung ausgesetzt und mit den Finanzen litt auch der Zusammenhalt des Kartells, denn jeder muss irgendwie sehen, dass er Geld in die Kasse bekommt. Viel wichtiger war allerdings ein technischer Fortschritt, mit dem am Golf niemand gerechnet hat. Er hat das Spiel um Macht, Einfluss und höhere Preise entscheidend verändert: Die Produktion der US-Frackingquellen ist effizienter geworden.

Zwar leiden die Schieferölförderer noch immer unter dem gravierenden Nachteil, dass ihre Quellen im Vergleich zu konventionell erschlossenen Ölfeldern ausgesprochen schnell austrocknen, doch die Produktion selbst ist dank neuer Techniken deutlich profitabler geworden. Die Schwelle, ab dem ein US-Schieferölproduzent Gewinne macht, liegt heute deutlich tiefer als 2014 und 2015.

Die damaligen Preise von unter 30 US-Dollar je Barrel waren für die amerikanischen Schieferölproduzenten tödlich. Heute könnten sie bei derartigen Preisen überleben. Natürlich lebt es sich auch für sie leichter, wenn die Preise auf dem aktuellen Niveau verbleiben, doch den Fracking-Unternehmen wie 2014 über einen harten Preiskampf den Todesstoß zu versetzen, ist heute ungleich schwerer und teurer als noch vor drei Jahren.

Wohl oder übel wird die OPEC somit mit dem neuen Konkurrenten leben müssen. Diese Botschaft ist auch bereits am Golf angekommen und hat dazu geführt, dass man sich bemüht hat, die ungeliebte US-Konkurrenz, wenn man sie schon nicht vollständig ausschalten kann, so doch wenigstens mit ins Boot zu holen. Doch was bei den Russen nach langem Werben endlich geklappt hat, will bei den amerikanischen Ölproduzenten einfach nicht gelingen.

Wenn das Hemd näher ist als die Hose

Ein Schieferölproduzent muss viele Bohrungen niederbringen, um im Geschäft zu bleiben. Diese Bohrungen wurden und werden immer noch zum größten Teil über Kredite finanziert. Die niedrigen Zinsen kommen den Fracking-Unternehmen an dieser Stelle sehr entgegen. Trotzdem bleiben Kredite Schulden, die erstens bedient und zweitens irgendwann einmal zurückgezahlt werden müssen. Das ist die Achillesferse der Schieferölindustrie.

Aus ihr entspringt die Neigung, höhere Ölpreise in jedem Fall für sich zu nutzen, denn wer weiß schon, wann die Preise das nächste Mal den Rückwärtsgang einlegen werden und die Marge sinken wird? Weil das niemand so genau weiß, muss man Chancen, die sich bieten, in jedem Fall nutzen. Das tut man am besten, indem man die eigene Produktion schnell erhöht.

Den Fracking-Unternehmen ist dies möglich, weil sie über eine Vielzahl, in der Branche spricht man von rund 5.000, vorbereiteten Bohrlöchern verfügt, die noch nicht in Produktion gebracht wurden. Bei Bedarf geschieht die Aufnahme der Produktion schnell. Wir sprechen hier über einen Zeitbedarf von Wochen, nicht Monaten.

Mit der erhöhten Produktion sprudelt nicht nur das Öl und die Lager werden bei gleich hohem Verbrauch schnell wieder voller. Auch die Kredite sind dank der höheren Margen leichter zu bedienen. Wundert es vor diesem Hintergrund, dass sich die US-Ölproduzenten hartnäckig einem Arrangement mit den OPEC-Staaten zur Begrenzung der globalen Ölförderung verweigern?

Auch Big Oil hat sich von hohen Preisen langfristig verabschiedet

Auch die großen westlichen Ölkonzerne wie Exon, BP, Total oder Royal Dutch (Shell) finden eine Rückkehr zu einem Ölpreis von 100 Dollar je Fass oder mehr längst nicht mehr erstrebenswert. Die Branche hat auch bei einem Preis von 20 oder 25 Dollar je Barrel Geld gemacht. Zwingend auf höhere Preise angewiesen wie die OPEC-Staaten ist sie nicht.

Außerdem denkt man inzwischen wieder intensiver über die Zeit nach dem Öl nach und positioniert sich entsprechend auf den Feldern der Erneuerbaren Energien und der Elektromobilität. Eine weitere wichtige Veränderung ist die von Big Oil hin zu Big Gas. Man rechnet damit, dass die Elektroautos der Zukunft mit Strom versorgt werden, der zu einem großen Teil von Gaskraftwerken erzeugt wird, und positioniert sich entsprechend.

Dass die Verbraucher einen höheren Ölpreis wünschen, kann ebenfalls ausgeschlossen werden, sodass am Ende nur die OPEC und Russland bleiben, die händeringend einen höheren Preis benötigen, um ihre Staatsausgaben zu finanzieren. Diesen höheren Preis erreichen sie aber nur, wenn sie die eigene Produktion stark zurückfahren. Während sie das tun, erhöht die nicht an die Beschlüsse der OPEC gebundene Konkurrenz ihre Produktion und profitiert von den gestiegenen Preisen und Margen.

Man braucht kein großer Prophet zu sein, um zu sagen, dass dieses Spiel nicht lange gespielt werden wird. Mit der neuen Quotendisziplin innerhalb der OPEC und der ebenfalls noch jungen, harmonischen Verbindung zu Russland könnte es deshalb schon bald wieder vorbei sein.

Mit den aktuell vergleichsweise hohen Ölpreisen ebenso, auch wenn darüber im Moment am Golf noch niemand offen sprechen will, weil die Saudis erst noch ihren Aramco-Börsengang durchbringen wollen, bevor wieder über niedrigere Ölpreise gesprochen wird.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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