Inflation und Geldwertstabilität: Alles nur eine Frage der Demographie?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 30. November 2017

Jim Reid, der unorthodoxe Kreditanalyst der Deutschen Bank sieht, wie im letzten Börsenausblick bereits anklang, schwere Zeiten auf unsere Fiat Money-Währungen zukommen. Die Schwierigkeiten könnten in den kommenden zehn Jahren so groß werden, dass sie das Finanzsystem selbst zu Fall bringen, weil es sich als das schwächste Glied der Kette erweisen könnte.

Die provokative These befremdet im ersten Moment und motiviert zum Widerspruch. Schließlich haben die Notenbanken doch in der letzten Krise eindrucksvoll gezeigt, über welch starke Gegenmittel sie verfügen. Auch die vorangegangenen Krisen haben sie allesamt souverän gemeistert. Warum sollte es also bei der nächsten Krise anders sein?

Die Antwort, die Jim Reid auf diese Fragen gibt, lässt sich auf die beiden Faktoren China und Demographie verkürzen. Sie werden sich in Zukunft anders darstellen als sie es in der Vergangenheit getan haben. Beides hat dramatische Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und unser Finanzsystem.

Der Glaube an die Macht der Notenbanken beruht im Wesentlichen darauf, dass diese es zwischen 1980 und 2017 geschafft haben, die Inflation zu bändigen. Die 1970er Jahre waren in allen entwickelten Ländern von einer galoppierenden Inflation gekennzeichnet. In den 1980er Jahren bildeten sich die hohen Inflationsraten langsam zurück. Seit den späten 1990er Jahren gilt die Inflation praktisch als besiegt und heute bemühen sich die Zentralbanken verzweifelt, ein wenig mehr Inflation zu erzeugen, um die hohen Schulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt zu entwerten.

Der Faktor China greift kein zweites Mal

Die Kontrolle über die Inflation, die den Notenbanken zwischen 1980 und 2017 möglich war, basierte nach Jim Reids Ansicht maßgeblich auf der Tatsache, dass sich das bis dahin abgeschottete China dem westlichen Ausland langsam geöffnet hat. Mit China traten auch andere Länder Südostasiens den Weg in die Moderne an. Für die Weltwirtschaft ergab sich daraus ein positiver Schock.

Das globale Arbeitskräfteangebot erhöhte sich spürbar. Die Produktion konnte nun leicht an den jeweilig preisgünstigsten Standort verlagert werden. Der Prozess begann in den 1980er Jahren eher langsam. Er beschleunigte sich in den 1990er Jahren und wurde durch die zunehmende Globalisierung seit Anfang des neuen Jahrhunderts noch einmal auf ein höheres Niveau getrieben.

Inzwischen ist das Ende der Fahnenstange weitgehend erreicht, denn das globale Arbeitskräfteangebot steigt nicht mehr in dem Maße, in dem es in den letzten 25 Jahren gestiegen ist. Zum einen sind auch die exotischsten Produktionsstandorte mittlerweile erschlossen und zum anderen wächst die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter nicht mehr. In den westlichen Ländern ist sie schon seit Jahren rückläufig und auch in den bislang ausgesprochen jungen Gesellschaften Südostasiens zeichnet sich langsam ein Wandel ab.

Er wird in den nächsten zehn, zwanzig Jahren dazu führen, dass die positiven Effekte der jüngeren Vergangenheit zunächst langsam wegfallen und sich schließlich sogar in ihr Gegenteil verwandeln. Der bislang zu beobachtende Druck auf die Löhne wird damit wegfallen. Mit ihm schwindet auch ein wichtiger Faktor, der den Notenbanken in der Vergangenheit die Kontrolle über die Inflation ermöglicht hat.

Die mächtigen Notenbanken drohen machtlos zu werden

Die extreme Kreditschöpfung seit den 1970er Jahren hätte eigentlich zu einem beständigen Anstieg der Inflationsraten führen müssen. Er unterblieb, weil China sich öffnete und die Weltbevölkerung – und mit ihr das Angebot an Arbeitskräften – stark wuchs. Auf keinen dieser Faktoren hatten und haben die Notenbanken auch nur den geringsten Einfluss. Ihre Auswirkungen fielen ihnen zu wie ein Geschenk des Himmels.

Mit diesem Geschenk im Rücken war es Regierungen und Zentralbanken möglich, auf jede Krise und jeden Schock mit einer lockeren Geldpolitik zu reagieren. Die Strategie ging auf, weil die Inflation gleichzeitig nicht anstieg. Wenn Jim Reids Theorie richtig ist, könnte jede Umkehrung in diesem demographischen Superzyklus zukünftig Probleme für das Fiat-Währungssystem mit sich bringen.

In diesem Fall würde die Inflation ansteigen, weil die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter nicht mehr steigt und sich die Arbeitskraft für die Unternehmen verteuert. Selbst mit einer starken Anhebung der Zinssätze könnten die Notenbanken diese Anstiege nicht verhindern. Da angesichts der hohen Schuldenstände extreme Zinsanstiege praktisch unmöglich geworden sind, ohne eine massive wirtschaftliche Kontraktion zu riskieren, laufen die Zentralbanken Gefahr, die Kontrolle über die Inflation zu verlieren.

In der Vergangenheit gab es immer wieder kurzzeitig Währungssysteme, die nicht an die Edelmetalle Gold und Silber gekoppelt waren. Meist scheiterten diese Systeme an einer ausufernden Inflation, in deren Folge die Staaten wieder zu einer durch die Edelmetalle gedeckten Währung zurückkehrten. Wobei zu beobachten ist, dass der Anstieg der Inflationsraten im 20. Jahrhundert wesentlich schneller verlief als in früheren Zeiten.

Werden die Fiat Money-Währungen überleben, wenn sich der Anteil der Arbeit am BIP umkehrt?

Sehr gut ablesbar ist diese Entwicklung am Goldpreis. Gold erzielte in den 1970er Jahren eine annualisierte nominale Rendite von 32,2 Prozent pro Jahr. Sie lag weit über der langfristigen Rendite von 1,97 Prozent pro Jahr, mit der der Goldpreis seit 1800 angestiegen ist.

Auch die Daten für die Lohnentwicklung weisen in die gleiche Richtung. Für die Zeit vor 1980 war das Wachstum der Reallöhne wesentlich höher als in der Periode nach 1980. Interessanterweise war nur der Lohnzuwachs in China in dieser Zeit viel höher als vor der Öffnung des Landes zum Westen hin. Die Arbeiter in den aufstrebenden Schwellenländern, die in die Weltwirtschaft integriert wurden, haben somit am meisten von dieser Globalisierungsperiode profitiert.

Die entscheidende Frage für die Zukunft wird deshalb die sein, ob das Fiat Money-System überleben wird, wenn sich der Anteil der Arbeit am Bruttoinlandsprodukt umkehrt? Wenn der Anteil der Arbeitskosten steigt und Margen und Gewinne sinken, werden die Notenbanken in ein für sie viel schwierigeres Umfeld geraten. Zusammen mit den politischen Entscheidungsträgern, die in einer Demokratie wiedergewählt werden wollen, werden sie Schwierigkeiten haben, harte Maßnahmen zu treffen. Es ist deshalb zu erwarten, dass die Inflationsbekämpfung das erste Opfer dieser Zwickmühle sein wird.

Eine hohe Inflation untergräbt leicht das Vertrauen der Menschen in das Papiergeld, eine völlig außer Kontrolle geratene Inflation könnte es sogar vollständig zerstören. Wenn der Wert des eigenen Geldes erodiert, wird nicht nur eine intensive Debatte um die Zukunft desselben losgetreten werden. Die Menschen werden auch von sich aus nach Auswegen suchen.

Von daher ist Jim Reids These, dass in einer kommenden Krise ausgerechnet die Fiat Money-Währungen sich als das schwächste Glied der Kette erweisen könnten, nicht unplausibel. Es lohnt sich einmal intensiv über sie nachzudenken.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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