Das Ende der Ölzeit 2.0?

In den 1970er Jahren wurde das Erdöl zunächst teuer und schließlich auch knapp. Die Knappheit war teilweise politisch motiviert, weil die arabischen Staaten all jenen Ländern den Ölhahn zudrehten, die Israel unterstützten oder die in Verdacht standen selbiges zu tun.

Man wurde sich in jenen Jahren allerdings auch bewusst, dass Öl und Gas als fossile Rohstoffe endlich sind. Weil der Verbrauch in den Jahren zuvor stark gestiegen war und die Vorräte der Welt begrenzt sind, schien es nur noch eine Frage der Mathematik zu sein, den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem der Welt das Öl ausgehen würde.

Weil allen klar war, dass sich die Welt dadurch gravierend ändern würde, war der Hintergrund bereitet, um politisch oder wirtschaftlich motiviert Veränderungen zu fordern und sie anschließend auch durchzusetzen. Energie sollte nicht nur gespart werden, weil sie spürbar teurer geworden war, sondern auch, weil alle verstanden hatten, dass sie endlich ist.

Letzteres war der entscheidende Grund, die Suche nach alternativen Energieträgern bzw. alternativen Möglichkeiten zur Energieerzeugung zu intensivieren. Gleichzeitig wurden Szenarien an die Wand gemalt, die von einem Rückfall in die Steinzeit bis zu einer harten wirtschaftlichen Landung reichten. Nur eines schien allen klar zu sein: Mit dem ständig steigenden Verbrauch könne es so nicht ewig weitergehen.

Mit dem Verbrauch stiegen die Ressourcen und Reserven

Schaut man heute auf die Zeit nach 1980 zurück, stellt man überrascht fest, dass es trotz aller Energiesparanstrengungen und dem intensivierten Einsatz von alternativen Energien trotzdem im Grunde so weiterging wie zuvor. Der Erdölverbrauch erhöhte sich, weil mit den aufstrebenden Schwellenländern neue Verbraucher auf den Markt drängten. Aber das Öl ist der Welt immer noch nicht ausgegangen.

Die intensivierte Suche nach neuen Lagerstätten führte global zu einem Anstieg der Ressourcen und Reserven, die den nahenden Tag des Endes der Ölzeit immer wieder ein Stück weit hinauszuschieben vermochten. Waren die ganzen Anstrengungen, die man in die Suche nach alternativen Energiequellen gesteckt hatte und die großen Effizienzsteigerungen, die man durch das Sparen von Energie erreicht hatte, deshalb umsonst?

Keineswegs, denn endlich sind die Rohstoffe noch immer, auch wenn die aktuell bekannten Reserven und Ressourcen die Lage etwas entspannter erscheinen lassen, als noch vor 30 Jahren. Trotzdem, ein Freibrief auf eine gesicherte ölreiche Zukunft sind die neuen Funde nicht.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hat errechnet, dass der globale Energieverbrauch im Jahr 2015 bei 550 Exajoule (EJ) lag. Das waren zehn Exajoule mehr als im Jahr zuvor. Die Tendenz zu einem beständig steigenden Energieverbrauch ist also ungebrochen.

Ohne Öl und Gas geht es immer noch nicht

Der Anteil der alternativen Energiequellen ist zwar gestiegen, er liegt aber mit aktuell 9,6 Prozent immer noch nicht in einem Bereich, der einen weitgehenden Verzicht auf den Einsatz von Öl und Gas ermöglichen würde. Ein gänzlicher Abschied vom Öl ist derzeit völlig außer Reichweite. Das bringt sofort wieder die Reserven und Ressourcen ins Spiel.

Sie sind jedoch ein zweischneidiges Schwert, denn sie ändern sich permanent. Auf der Basis der Daten von 2015 schätzen die Wissenschaftler der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe die global in den Ressourcen gespeicherte Energie auf 552.523 Exajoule. Die Energie der Reserven wird auf 38.443 Exajoule geschätzt.

Bei einem globalen Energieverbrauch von 550 Exajoule von denen 521 auf die fossilen Brennstoffe entfallen, scheint sich die Situation aktuell recht gut darzustellen, denn die entdeckten Ressourcen reichen bei gleichbleibendem Verbrauch noch für mehr als 1.000 Jahre.

Der Teufel steckt aber wie so oft im Detail. Punkt 1 ist, dass der Verbrauch immer noch steigt. Von 2014 auf 2015 waren es wie gesagt zehn Exajoule. Trotzdem ist dieser Mehrverbrauch nicht so groß, dass er die Reichweite der Ressourcen dramatisch verkürzt. Wichtiger ist der zweite Punkt der nicht unerhebliche Unterschied zwischen Reserven und Ressourcen.

Der feine Unterschied zwischen Reserven und Ressourcen

Ressourcen sind geologisch nachgewiesene Rohstoffe. Man weiß, dass der Rohstoff im Boden vorhanden ist und man kennt auch seine Menge, kümmert sich aber nicht um die wichtige Frage, ob der Rohstoff förderbar ist, und wenn ja zu welchem Preis. Diese Frage wird erst bei den Reserven gestellt und beantwortet, denn sie umfassen jenen Teil der Ressourcen, der zu den aktuellen Preisen wirtschaftlich förderbar ist.

Ob eine Ressource auch den Reserven zuzurechnen ist, hängt damit sowohl von den zu erwartenden Förderkosten als auch vom zukünftig zu erwartenden Rohstoffpreis ab. Beides sind Schätzgrößen, die sich fortlaufend ändern. Bei steigenden Ölpreisen werden viele Lagerstätten von Ressourcen zu Reserven, während fallende Preise oder steigende Förderkosten bei gleichbleibenden Preisen die Reserven wieder vermindern.

Der Blick auf die Reserven ist damit wichtiger als jener auf die Ressourcen. Beide stellen aber immer nur eine qualifizierte Momentaufnahme dar, weil sich die Preise beständig ändern und neue Funde, die größer sind als der aktuelle Verbrauch, die Ressourcen erhöhen. Letztere sind momentan mehr als zehn Mal so hoch wie die Reserven. Der Unterschied zwischen den beiden Zahlen ist also gravierend.

Nicht unerheblich ist auch ein weiteres Detail: Die Masse der 552.523 Exajoule steckt in jenen Energierohstoffen, die wir eigentlich aufgrund ihrer Strahlen- bzw. CO2-Problematik noch weniger mögen als das Öl oder das Gas: in Stein- und Braunkohle sowie im Uran. Nach den Berechnungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sind in der Kohle 89 Prozent der gesamten Energiemenge gebunden. Das Erdgas folgt mit 5,8 Prozent. Auf einen Anteil von 3,5 Prozent kommen das Erdöl und das Uran. Bei den Reserven sieht es kaum anders aus. Auch hier führt die Kohle mit einem Anteil von 55,4 Prozent an den gesamten Energiereserven. An zweiter Stelle, und das ist mit Blick auf die aktuelle Verbrauchsstatistik sehr erfreulich, folgt das Erdöl mit 23,5 Prozent. Erdgas belegt mit 19,4 Prozent den dritten Rang.

Die Zeit drängt nicht, aber die Aufgabe bleibt

Die Verteilung der Energiereserven auf die einzelnen Rohstoffe ist jedoch insofern unglücklich, als das Erdöl mit 34,9 Prozent beim globalen Primärenergieverbrauch die Spitzenposition einnimmt und deutlich vor der Kohle liegt, die mit 29,2 Prozent auf den zweiten Rang kommt.

Weil unsere Flugzeuge Kerosin benötigen und die Autos noch nicht in Masse mit Strom betrieben werden, den man zur Not auch in Kohlekraftwerken erzeugen könnte, ergibt sich für die Zukunft ein kleines Problem: Die Masse unserer Energiereserven und -ressourcen nutzt uns eigentlich wenig, weil sie im „falschen“ Energieträger gebunden ist.

Zur Panikmache besteht somit kein Anlass. Auch wenn der Verbrennungsmotor im Straßenverkehr noch lange das Maß aller Dinge bleiben wird, wird uns das Öl so schnell nicht ausgehen. Ein Freibrief, die Hände untätig in den Schoß zu legen, ist das allerdings auch nicht, denn selbst wenn die Kinder unserer Kinder immer noch über genügend Öl verfügen werden, bleiben die vorhandenen Reserven und Ressourcen dennoch endlich.

Die Aufgabe für die Zukunft ist und bleibt die gleiche wie in den 1970er Jahren. Dass die Zeit nicht ganz so drängt wie vor 30 Jahren befürchtet wurde, lindert ein wenig den Zeitdruck, macht die Aufgabe vom technischen Standpunkt aus betrachtet aber nicht leichter.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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