Die plötzlichen, komplexen, versteckten, ansteckenden, gefährlichen Risiken in unseren globalen Märkten

Die etwas sperrige Überschrift geht nicht auf mich zurück, sondern auf den chinesischen Zentralbankpräsidenten Zhou Xiaochuan. Er hat Anfang November in einem langen Artikel auf der Webseite der Peoples Bank of China vor eben diesen „plötzlichen, komplexen, versteckten, ansteckenden, gefährlichen“ Risiken im globalen Finanzsystem gewarnt.

Das tat er nur zwei Wochen, nachdem er vor einem möglicherweise bevorstehenden „Minsky-Moment“ gewarnt hat. Der Minsky-Effekt wird nach dem bis zur Finanzkrise relativ unbeachteten US-Ökonomen Hyman Minsky (1919-1996) benannt. Minsky vertritt im Gegensatz zur Mainstream-Ökonomie die Auffassung, Volkswirtschaften würden nicht immer einem Gleichgewichtszustand zustreben. Vielmehr wird ein Finanzsystem im Lauf eines Aufschwungs automatisch instabil. Krisen sind somit keine zufälligen Ereignisse, sondern ein dem Kapitalismus immer innewohnendes Element.

Als Minsky-Moment wird nun jener Punkt bezeichnet, an dem die Kapitalanleger, insbesondere die Kreditgeber zunehmend vorsichtig werden. Infolge dieser Vorsicht und Zurückhaltung fallen die Preise für Vermögensgüter auf breiter Front. Dies führt dazu, dass, wie während der Finanzkrise gut zu beobachten war, die zunächst auf den Finanzmärkten beheimatete Krise sehr schnell auf die reale Wirtschaft durchschlägt.

Vor einem solchen Moment, der im Grunde nichts anderes als eine Neuauflage der überwunden geglaubten Finanzkrise ist, warnte Zhou Xiaochuan Anfang November, auch wenn die allgemeine Gesundheit des Finanzsystems gut aussieht. Und er hat allen Grund dazu, denn die großen Kredit- und Finanzblasen, die sich in den letzten Jahren ausgebildet haben, sind keine isolierten Geschöpfe der expansiven Geldpolitik einzelner Notenbanken, sondern eng mit einander verbunden.

Wenn China fällt, fallen auch Australien und Kanada und der Rest der Welt

Australien und Kanada ging es in den vergangenen 20 Jahren ausgesprochen gut. Beide haben als rohstoffreiche Länder vom Boom in China profitiert. Sie förderten jene Rohstoffe, die für den massiven Wohnungs- und Infrastrukturausbau im Reich der Mitte in großen Mengen benötigt wurden und sie waren anschließend bedeutende Empfänger von Kapitalzuflüssen aus China.

Diese Gelder kamen zu einem großen Teil von chinesischen Immobilienspekulanten, die auch in Übersee in Immobilien investiert haben und damit zur kanadischen und australischen Immobilienblase massiv beigetragen haben. In allen drei Ländern, aber nicht nur dort, hat die von den Banken ermöglichte inländische Kreditausweitung relativ zum Bruttoinlandsprodukt extrem zugenommen. Es sind Vermögensblasen entstanden, die sich zwar selbst verstärken, die aber nicht nachhaltig sind.

Schon im Oktober auf dem kommunistischen Parteikongress in Peking warnte Zhou Xiaochuan „Wenn wir zu optimistisch sind, weil die Dinge reibungslos verlaufen, bauen sich Spannungen auf, die zu einer scharfen Korrektur führen können, was wir einen ‚Minsky-Moment‘ nennen. Das sollten wir verhindern.“

Doch die Finanzmärkte ignorierten die Warnung des Gouverneurs der chinesischen Zentralbank. Die Aktienkurse stiegen und die Zinsen der Anleihen fielen. Vermutlich war dies einer der Gründe, warum Zhou Xiaochuan wenige Tage später eine weitere Warnung auf der Internetseite der chinesischen Zentralbank publizierte.

Wie sperrt man den Geist der ungehemmten Spekulation wieder in die Flasche?

Zhou Xiaochuan weiß, wovon er spricht. Der 69-jährige stand in den letzten 15 Jahren an der Spitze der chinesischen Zentralbank. Er weiß um die Auswirkungen der extrem lockeren Geldpolitik und hat zumindest den nicht unerheblichen chinesischen Beitrag zu ihr mitzuverantworten.

Chinas Notenbank ist allerdings nicht frei, sondern hat mit ihrer Geld- und Zinspolitik den Wünschen der Regierung in Peking zu folgen. Viel zu verlieren hat Zhou nicht mehr. Er wird voraussichtlich bald in den Ruhestand treten. Das gibt ihm die Freiheit, zu warnen, wo andere meinen, schweigen zu müssen, weil ihre Karriere ansonsten einen Knick bekommen könnte. Der Adressat seiner Mahnungen sind damit nicht nur die Akteure an den Finanzmärkten. Auch die kommunistische Regierung in Beijing und die vielen lokalen Regional- und Stadtregierungen dürfen sich angesprochen fühlen.

Zhou fordert, die Volksrepublik solle die Regulierung verschärfen und die Märkte der Realwirtschaft besser dienen lassen. Gleichzeitig sollte der chinesische Finanzmarkt weiter liberalisiert und geöffnet werden, indem die Kapitalverkehrskontrollen gelockert und die Beschränkungen für ausländische Finanzinstitute, die in China tätig werden wollen, gelockert werden.

Mit Sorge betrachtet Zhou die Hebelwirkung der vergebenen Kredite. „Eine hohe Hebelwirkung ist der ultimative Ursprung der makroökonomischen Anfälligkeit“, schrieb er. In einigen Sektoren der Realwirtschaft spiegle sich dies bereits in einer übermäßigen Verschuldung wider. Innerhalb des Finanzsystems verweisen die viel zu schnell expandierenden Kredite auf die Gefahr.

Reißt China die (Finanz-)Welt bald in den Abgrund?

Zhou Xiaochuans Kommentare auf der offiziellen Webseite der Peoples Bank of China signalisieren, dass sich maßgebliche politische Entscheidungsträger weiterhin für eine Reduzierung der Verschuldung in der gesamten Wirtschaft einsetzen. Einzelne Kreise, insbesondere lokale und regionale Regierungen ziehen jedoch nicht mit. Sie werden von Zhou explizit dafür kritisiert, dass sie weiterhin Öl ins Feuer gießen und die Hebelwirkung der Kredite erhöhen.

Trotz der Bemühungen der Zentralbank, den Kreditboom zu begrenzen, zeigt sich der chinesische Kreditmarkt weiterhin expansiv: Die aggregierten Finanzierungen stiegen im September auf ein Sechsmonatshoch von 1,82 Billionen Yuan (274 Mrd. US-Dollar) und Chinas Unternehmensschulden stiegen im Jahr 2016 auf 159 Prozent des Bruttoinlandsprodukt, verglichen mit 104 Prozent vor zehn Jahren, während die Gesamtverschuldung des Landes auf 260 Prozent kletterte.

Chinas Finanzsystem steht Zhou Xiaochuan zufolge vor innerstaatlichem und ausländischem Druck. Das strukturelle Ungleichgewicht ist ein ernstes Problem zumal die Vorschriften häufig verletzt werden. Einige staatseigene Unternehmen sehen sich bereits ernsten Schuldenrisiken gegenüber, obwohl das Problem der „Zombie-Unternehmen“ langsam gelöst wird. Die Finanzinstitute des Landes sind nicht wettbewerbsfähig und das Finanzsystem kann Herdenverhalten, Vermögensblasen und Risiken nicht aus eigener Kraft lindern.

Unter dem Deckmantel von „Finanzinnovation“ schaffen einige risikoreiche Aktivitäten sogar neue Marktblasen. Immer mehr chinesische Unternehmen können ihre Anleihen nicht mehr bedienen und die Emissionen gehen zurück. Die Kreditrisiken belasten zunehmend das Vertrauen der Öffentlichkeit und sogar der Ausländer in Chinas finanzielle Gesundheit, warnt der Zentralbankgouverneur.

40 Billionen Dollar Kredit in einem System mit zwei Billionen Dollar Eigenkapital

Einige Internetfirmen, die vorgeben, den Menschen beim Zugang zu Finanzmitteln zu helfen, sind nach Meinung des Zentralbankchefs tatsächlich Schnellballsysteme, die jederzeit platzen können. Die staatliche Kontrolle jedoch ist mangelhaft, weil einige Regulierungsbehörden zu nah an den Firmen und Personen sind, die sie eigentlich beaufsichtigen sollen.

Wie viel von Zhou Xiaochuans Reformvorschlägen noch unter ihm selbst oder seinem Nachfolger umgesetzt werden kann, wird maßgeblich darüber entscheiden, ob China und in seiner Folge die gesamte Welt jenen gefährlichen Minsky-Moment, vor dem der Zentralbankchef gewarnt hat, erleben wird oder nicht.

Im Reich der Mitte hat sich jedoch unzweifelhaft eine der größten Blasen der Finanzgeschichte aufgepumpt. 40 Billionen Dollar an Krediten sind in einem System vergeben worden, das mit gerade einmal zwei Billionen Dollar Eigenkapital unterlegt ist. Was passiert, wenn diese Blase unkontrolliert platzt, kann sich jeder leicht vorstellen, denn wenn Chinas Wirtschaft zusammenbricht, leidet anschließend die ganze Welt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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