Reich, reicher, Schweizer

Dass die Schweiz ein wohlhabendes Land ist, wissen die meisten von uns. Wie reich, das offenbarte eine im November 2017 publizierte Studie der Credit Suisse. Von den weltweit 16,5 Millionen Millionären leben 364.000 in der Schweiz. Doch nicht allein deshalb waren und blieben die Schweizer in den vergangenen Jahren konstant die wohlhabendsten Menschen der Welt.

Das Durchschnittsvermögen eines erwachsenen Schweizers liegt bei rund einer halben Million US-Dollar. Das ist das Zehnfache des weltweiten Durchschnitts. Dank der extrem lockeren Geldpolitik der Schweizer Notenbank erhöhten sich die Vermögen allein in den letzten 12 Monaten um 6,4 Prozent.

Hervorgerufen wird der größte Teil dieses kräftigen Vermögensanstiegs durch die stark gestiegenen Aktienkurse und Immobilienpreise. Auch an dieser Stelle ist die Schweiz weltweit betrachtet kein Einzelfall. Global ermittelte die Studie der Credit Suisse zwischen Mitte 2016 und Mitte 2017 einen Anstieg der privaten Vermögen um 16,7 Billionen auf 280 Billionen US-Dollar.

Nicht nur in der Schweiz werden die Menschen immer reicher. Auch in den anderen großen europäischen Ländern stiegen die Vermögen um 6,4 Prozent an. China liegt mit einem Anstieg von 6,3 Prozent knapp dahinter. Deutlich höher fällt der prozentuale Vermögenszuwachs mit jeweils 9,9 Prozent in Nordamerika und Indien aus.

Wer hat, dem wird gegeben werden

Keinen wesentlichen Zuwachs verzeichneten hingegen die Menschen in Afrika (+0,9 Prozent) und im asiatisch-pazifischen Raum ohne China. Hier stiegen die Vermögen um 0,7 Prozent an. Das ist verglichen mit den europäischen und amerikanischen Zuwachsraten ausgesprochen wenig, wenn man gleichzeitig bedenkt, dass auch die Bank of Japan eine extrem lockere Geldpolitik verfolgt.

Der hohe nominale Vermögenszuwachs in Europa, Indien, den USA und China entlarvt die Behauptung der westlichen Notenbanken, die Inflation sei immer noch zu niedrig, als nicht länger haltbar, denn das zusätzliche Geld aus dem Nichts treibt (noch) nicht die Konsumentenpreise, wohl aber bereits seit längerer Zeit die Preise von Immobilien und Aktien.

Die Geldschwemme und die künstlich niedrig gehaltenen Zinsen bewirkten eine Umorientierung der Anleger. Geld wird nicht mehr auf der Bank deponiert oder in Anleihen investiert, sondern am Aktienmarkt angelegt oder in Wohnungen und Häuser gesteckt. Vor allem Letztere sind durch die hohen Anschaffungskosten längst nicht mehr von jedem zu kaufen. Im Zusammenwirken führt beides dazu, dass es den ohnehin Wohlhabenden trotz der extrem niedrigen Zinsen gelungen ist, ihr Vermögen beträchtlich zu steigern.

Bei diesem starken Anstieg kommt die breite Masse jedoch nicht mit. Weil ihre Löhne und Gehälter nicht im gleichen Maße gestiegen sind, steht weniger Geld zum Investieren und Anlegen zur Verfügung. Die schon anfänglich vorhandene Differenz wird dadurch im Lauf der Jahre immer größer und die Schere zwischen Arm und Reich weitet sich zunehmend. Das biblische Motto ‚Wer hat, dem wird gegeben werden‘ galt somit nicht nur vor 2000 Jahren, es hat auch heute nichts von seiner Gültigkeit und Aktualität eingebüßt. Auch nicht in der Schweiz.

Der sogenannte Matthäus-Effekt ist aktueller denn je

Die moderne Soziologie spricht an dieser Stelle vom sogenannten Matthäus-Effekt, abgeleitet von Mt 25,29: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, auf dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Die These der Soziologen drückt aus, dass aktuelle Erfolge viel mehr durch frühere Erfolge bedingt sind als durch die heutigen Leistungen.

Erfolge rufen nach dieser Theorie immer neue Erfolge hervor, weil sie eine stärkere Aufmerksamkeit erzeugen. Diese wiederum eröffnet neue Wege und Ressourcen, mit denen weitere Erfolge leichter und auch wahrscheinlicher zu erzielen sind. Kleine Anfangsvorteile zwischen den Akteuren können dadurch im Lauf der Zeit zu extremen ‚Der-Gewinner-nimmt alles-Strukturen‘ (The-Winner-Takes-It-All) heranwachsen, bei denen eine sehr kleine Anzahl die Mehrzahl aller Erfolge auf sich vereint, während die Mehrheit erfolglos bleibt bzw. den Anschluss verliert.

Dieses Phänomen ist auch auf finanzieller Ebene zu beobachten. Die Welt wird nicht nur absolut reicher, sondern auch im Durchschnitt. Dabei übertraf in den letzten Jahren der Vermögenszuwachs das Bevölkerungswachstum. Weltweit stieg zwischen Mitte 2016 und Mitte 2017 das durchschnittliche Vermögen eines Erwachsenen um 4,9 Prozent auf 56.540 US-Dollar.

Mit den Vermögen wächst auch die Schere zwischen Arm und Reich. Die Credit Suisse hat ermittelt, dass die Ungleichheit der globalen Vermögensverteilung im vergangenen Jahr weiter zugenommen hat. Zwar sind in Afrika, Lateinamerika und im asiatisch-pazifischen Raum die Durchschnittsvermögen angestiegen, der Umfang der mittleren Vermögen hat sich dabei jedoch weiter reduziert. Will heißen: Der Reichtum konzentriert sich zunehmend in immer weniger Händen.

Starker Franken beeinflusst den Reichtum

Ungewöhnlich im Vergleich zu anderen Ländern ist, dass die Verteilung des Reichtums in der Schweiz in den letzten 100 Jahren keine deutlichen Veränderungen erfahren hat. Eine Reduktion der Ungleichheit, wie es sie beispielsweise in Großbritannien oder Deutschland zwischen 1914 und 1980 gegeben hat, war in der Schweiz nicht zu beobachten.

Erwachsene Schweizer besitzen mit im Durchschnitt 537.600 US-Dollar das Zehnfache des globalen Durchschnittsvermögens. Seit dem Jahr 2000 ist der Wohlstand pro erwachsenem Kopf um beeindruckende 130 Prozent gestiegen. Das mittlere Vermögen (Median) beträgt in der Schweiz heute 229.059 US-Dollar.

Ein wesentlicher Grund für diesen Anstieg ist der starke Franken, der insbesondere gegenüber dem US-Dollar zwischen 2001 und 2013 deutlich an Wert gewonnen hat. Der Vermögensanstieg ist jedoch nicht nur auf Wechselkurseffekte zurückzuführen. In Franken gemessen stieg das Vermögen der privaten Haushalte seit dem Jahr 2000 um 35 Prozent an.

Auf ein Vermögen von mehr als 100.000 Franken kommen inzwischen zwei Drittel der erwachsenen Schweizer. Knapp neun Prozent von ihnen weist die Studie der Credit Suisse sogar als US-Dollar-Millionäre aus. Da man über Geld auch in der diskreten Schweiz nur selten öffentlich spricht, kann die Zahl der besonders reichen Schweizer nur geschätzt werden. Die Credit Suisse geht jedoch davon aus, das 2.780 Schweizer ein Vermögen von mehr als 50 Millionen US-Dollar besitzen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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