Die wachsende Ungleichheit zerstört zunehmend das Vertrauen, aber nicht zu den Superreichen

Bernd Heim
By Bernd Heim / 8. Dezember 2017

Vertrauen ist eine psychologische Größe und damit nur schwer fassbar. Wir wissen, es ist schwer aufgebaut und leicht zerstört. Für jede Form des Wirtschaftens ist es existentiell und unabdingbar, denn wenn der Eine dem Anderen nicht mehr über den Weg traut, unterbleiben Handel und Geschäftsabschlüsse sehr schnell.

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als bedenklich, dass viele Menschen in den Industriestaaten ihrer Umgebung und ihren Regierungen immer weniger Vertrauen entgegenbringen. Dies geschieht in einer Zeit, die von wachsender Ungleichheit gekennzeichnet ist. Der zeitliche Zusammenfall beider Ereignisse führt zwangsläufig zu der Frage, ob auch ein kausaler Zusammenhang besteht. Sinkt unser Vertrauen zueinander, weil die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht?

Man kann es sich nicht oft genug vor Augen führen: Ohne Vertrauen läuft in unserer Wirtschaft nichts. Wer kein Vertrauen in sich oder in die Zukunft hat, wird kaum auf die Idee kommen, eine Firma gründen zu wollen oder einen Kredit aufzunehmen, um in neue Technologien und Produkte zu investieren.

Wer selbst dieses Vertrauen hat, aber von anderen keines geschenkt bekommt, kommt auch nicht weit. Spätestens bei der Bank, wenn am Ende des eigenen Geldes nach einem Kredit gefragt werden muss, ist Schluss, wenn auf der Gegenseite das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Zukunftspläne fehlt.

Vertrauen ist das Schmieröl einer jeden Wirtschaft

Die immense Bedeutung des Vertrauens bezieht sich nicht nur auf andere Personen und ihre Charaktereigenschaften. Auch unserem Rechtssystem, unserem Geld und unserer Infrastruktur müssen wir vertrauen können, ansonsten herrscht sehr schnell Stillstand und nichts geht mehr, weil jeder Angst hat, in einen Zug zu steigen oder mit seinem Auto über eine Brücke zu fahren.

In unserem Alltag machen wir uns meist nicht bewusst, wie wichtig und unverzichtbar das Vertrauen ist. Diese Unachtsamkeit macht es leichter, Vertrauen bewusst oder unbewusst zu verlieren und damit unsere Zukunft ein Stück weit zu verspielen. Weil das Vertrauen selbst so subjektiv und so schwer zu erfassen ist, beschrieb der deutsche Soziologe Georg Simmel es einmal als den „mittleren Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen“.

Forscher, die sich dem Vertrauen nähern wollen, versuchen in Umfragen zumeist das generalisierte Vertrauen zu erfragen. Es bezieht sich anders als das spezifische Vertrauen nicht auf konkrete Erfahrungen mit Situationen oder Personen, sondern ist abstrakterer Natur. Es hat sich über einen längeren Zeitraum hinweg aufgebaut und lenkt deshalb unsere Handlungen, auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind.

In den Umfragen werden deshalb gerne Fragen wie diese gestellt: „Allgemein gesprochen, würden Sie sagen, dass man den meisten Menschen trauen kann, oder kann man beim Umgang mit anderen Menschen nicht vorsichtig genug sein?“ Eine Analyse der gegebenen Antworten zeigt, dass das generalisierte Vertrauen in den USA seit Anfang der 1970er Jahre kontinuierlich gesunken ist. Allerdings nicht nur dort.

Das generalisierte Vertrauen sinkt kontinuierlich

Während vor 50 Jahren noch mehr als die Hälfte der Erwachsenen der Meinung war, dass man den meisten Menschen durchaus trauen könne, ist heute nur mehr ein Drittel der Amerikaner dieser Meinung. Wobei zu beobachten ist, dass die gebildeten Schichten ihrer Umwelt mehr Vertrauen entgegenbringen als die weniger gebildeten.

Ein ähnlicher Trend ist zu beobachten, wenn es um die Frage geht, wie viel Vertrauen den Politikern und der Regierung entgegengebracht wird. Auch hier ist klar ersichtlich, dass das Vertrauen schwindet, was im Gegenzug bedeutet, dass auch die Regierenden davon ausgehen müssen, dass ihre administrativen Maßnahmen nicht mehr die gleiche Wirkung entfalten werden wie zu früheren Zeiten.

Bei der Suche nach den Ursachen für diesen starken Vertrauensschwund kam schnell auch die wachsende soziale Ungleichheit in den Fokus. Weil Untersuchungen gezeigt haben, dass in vielen Staaten oder Regionen mit einer großen Ungleichheit auch das Vertrauen signifikant geringer ist als in homogeneren Gesellschaften, interessiert sich inzwischen auch der Internationale Währungsfonds für diese Frage und gab bei Eric Gould, einem Wirtschaftsprofessor an der Hebrew University, eine Studie in Auftrag.

Entscheidend für Eric Gould und den IWF ist, ob aus der reinen Gleichzeitigkeit der Ereignisse auch eine Kausalität abgeleitet werden kann und gesagt werden kann, dass das Vertrauen sinkt, weil die Ungleichheit in den Gesellschaften steigt. Gould untersuchte dabei neben den USA insbesondere die europäischen Länder und kam zu dem Schluss, dass ein gewisser Zusammenhang besteht.

Kein Vertrauensschwund gegenüber den Superreichen

In den USA lässt sich der Vertrauensschwund, so der Forscher, zu gut 44 Prozent mit der gestiegenen Ungleichheit erklären. Das gilt auch für den Vertrauensverlust gegenüber den Regierungen. Allerdings zeigen die Untersuchungen auch, dass aus unterschiedlichen Formen und Quellen der Ungleichheit sich auch unterschiedliche Folgen für das generalisierte Vertrauen ergeben.

Konkret bedeutet dies, dass die negativen Folgen für das Vertrauen immer dann besonders offensichtlich sind, wenn sich die Ungleichheit innerhalb einer sozial homogenen Gruppe erhöht. Wenn also Menschen gleichen Alters, gleichen Berufs oder gleichen Ausbildungsniveaus feststellen, dass sie sich sozial auseinanderentwickeln, ist der Schaden für das generalisierte Vertrauen weitaus größer, als wenn beobachtet wird, dass beispielsweise die Superreichen noch reicher geworden sind.

Eine mögliche Erklärung für diesen Befund ist, dass die Ungleichheit besser zu erklären ist, wenn zwischen den sozialen Gruppen große Differenzen bestehen. Die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung lässt sich dann leichter als eine Folge der sozialen Stellung oder des Bildungsgrades verstehen.

Zeigt sich das soziale Gefälle aber innerhalb einer homogenen Schicht, greifen diese Erklärungsmuster nicht mehr. Die Ungleichheit wird schwerer erklärbar und schneller als unfair empfunden, weil sie viel mit Glück und wenig mit der Ausgangslage zu tun haben muss. Das schmälert das Vertrauen in Politik Regierungen, deren Auftrag u.a. darin besteht, im Land annähernd gleiche Bedingungen für alle zu schaffen.

Der direkte Kontakt zählt

Hinzu kommt, dass die Superreichen meist nur aus der Distanz beobachtet werden. Man hat meist keinen persönlichen Kontakt zu ihnen und erlebt nicht unmittelbar Situationen, in denen deutlich wird, dass sich ihr Reichtum massiv vermehrt hat, während die eigene Situation unverändert geblieben ist.

Die Welt der Superreichen ist zwar eine illustre Welt, aber für die meisten ist es eine, die von der eigenen Lebenswirklichkeit sehr weit weg ist. Anders sieht es aus, wenn der Nachbar, den man schon seit Schulzeiten kennt, obwohl er einen ähnlichen Beruf erlernt hat, aus irgendwelchen Gründen plötzlich mehr Geld hat.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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