Risiko? Welches Risiko?

Die Finanzmärkte präsentieren sich im Spätherbst 2017 als der ultimative Widerspruch zum aktuellen Winterwetter. Draußen ist es kalt, dunkel und ungemütlich geworden in den letzten Wochen. Der Sommer ist nur noch eine ferne Erinnerung und der nächste Tag mit Eis und Schnee oder nasskaltem Nieselregen nur noch eine Frage der Zeit. Doch an den Finanzmärkten geht es heiß her und an den Börsen herrscht weiterhin eitel Sonnenschein.

Risiken kennen die Anleger nicht. Renditehunger dafür umso mehr. Man geht davon aus, dass der Aufschwung des laufenden Jahres auch noch im nächsten anhalten wird. Für die Börsenkurse bedeutet dies, dass die Masse der Anleger davon ausgeht, dass diese auch in den kommenden 12 bis 18 Monaten tendenziell weiter steigen werden. Gleiches wird von den Unternehmensgewinnen erwartet, womit weiter steigende Kurse legitimiert erscheinen.      

Kleinere Rücksetzer, so sie denn kommen, sind vor diesem Hintergrund nichts anderes als Kaufgelegenheiten, die man unbedingt nutzen muss. Wer das nicht tut, verliert an Rendite. Im harten Wettstreit der Fonds und Anlageberater ist dies eine Schwäche, die man sich erstens nicht leisten sollte und die zweitens die Gelder der Kunden schnell in die Arme der ungeliebten Konkurrenz treiben kann.

Entsprechend aktiv werden Aktien ohne Rücksicht auf die bereits erreichten hohen Bewertungsniveaus gekauft und die liquiden Mittel immer weiter reduziert. In der Finanzkrise war Cash einmal der King. Jetzt erscheint es eher ein Ballast zu sein, der unbedingt über Bord geworfen werden muss.

Wenn alle durch die gleiche Türe wollen

Der nächste Quartalsabschluss ist bedingt durch die vielen Feiertage um Weihnachten auch nur noch wenige Handelstage entfernt. Normalerweise schließen die großen Fonds und institutionellen Anleger ihre Bücher um den 15. Dezember herum. Der fällt in diesem Jahr auf einen Freitag und bietet sich somit wunderbar an, um jenen Schlussstrich zu vollziehen, der optimal zu diesem ansprechenden Börsenjahr passt.

Wer mit den richtigen Aktien stets dabei war, kann sich entspannt zurücklegen. Wer nicht investiert war oder gar auf die falschen Pferde gesetzt hat, hat noch ein paar Tage Zeit, um den Jahresabschlussbericht so zu frisieren, dass er am 31. Dezember auch die „richtigen“ Aktien im Depot hat.

Das könnte auf der Schlussgeraden des Jahres noch einmal Kaufdruck entfachen und die verbleibenden Handelstage in ein freundliches Umfeld tauchen. Ans Verkaufen sollten besser nur wenige Manager denken, denn da alle bereits sehr hoch in Aktien und Hochzinsanleihen investiert sind, steht an der Seitenlinie nicht mehr viel Kapital bereit, das als Käufer infrage kommen könnte.

So schön die gestiegenen Börsenkurse des Jahres 2017 sind, an dieser Stelle haben sie ihre Achillesferse. Wenn alle durch die gleiche schmale Tür, durch die sie eingetreten sind, auch wieder hinaus wollen, wird es schnell eng. Zu eng, um weitere Allzeithochs zu generieren und die Party damit offiziell weiter in Gang zu halten. Zu eng aber auch, um auf einem hohen Niveau die aufgelaufenen Buchgewinne im großen Stil in echte Gewinne umzuwandeln.

Wann holen die ausgeblendeten Risiken den Markt ein?

Die wirtschaftliche Situation haben sich die Anleger schöngeredet. Das unverwüstliche Vertrauen auf die Notenbanken und der Zwang, unbedingt eine hohe Rendite erzielen zu müssen, tun das ihrige, um die Anleger in Scharen auf die Bullenkoppel zu treiben. Dort ist es mittlerweile voll geworden. Einige Kritiker sagen zu voll für eine artgerechte Tierhaltung.

Das stört aber niemanden, weil man sich in der Masse erstens immer wohler gefühlt hat als in der Einsamkeit des antizyklischen Agierens, und man sich zweitens dazu entschlossen hat, die dunklen Wolken am Horizont zu ignorieren. Steigende Zinsen in den USA, Großbritannien, Kanada, Tschechien und bald wohl auch Schweden sind eigentlich Gift für die Aktienmärkte, werden aber bislang weitgehend ignoriert.

Für die rückläufige Liquidität, mit der die Notenbanken die Märkte in 2018 nur noch fluten werden, gilt das Gleiche. Auch hier war bislang gelangweiltes Desinteresse die vorherrschende Reaktion des Marktes. Immobilienblasen, die ihre „Basis“ in einer extrem hohen Verschuldung von Unternehmen und Privathaushalten haben, irritieren auch nur die wenigsten Investoren.

Alles ist weiterhin darauf konzentriert, die Trends ungebrochen fortzuschreiben. Aktien sind auch für 2018 ein Muss und Gold ein Investment, mit dem man garantiert keinen Blumentopf gewinnen kann. Die Analysten der Deutschen Bank erwarteten Mitte November für das Jahresende einen Goldpreis von 1.250 US-Dollar je Feinunze und bis zum Dezember 2018 einen Rückfall auf 1.230 US-Dollar.

Verzerrte Wahrnehmungen bezüglich der Kreditrisiken

Bei diesen Prognosen wurde nach Aussage der Deutschen Bank berücksichtigt, dass die Marktteilnehmer die vier möglichen US-Leitzinsanhebungen bisher noch nicht vollständig eingepreist hätten. Mit anderen Worten: Jetzt ist wieder mal allen klar, dass Gold keine Zinsen bringt und deshalb als Anlage nichts taugt, wenn die Zinsen steigen.

Folgt man dieser Logik, hätte sich der Goldpreis seit 2012 nicht abwärts, sondern ähnlich wie der Bitcoin stramm aufwärts entwickeln müssen, denn die Zinsen sind seit dieser Zeit beachtlich gefallen. Auf diese Zinsentwicklung haben Gold und Silber jedoch nicht mit steigenden Kursen reagiert. Im Gegenteil: Ihr Preis bildete sich deutlich zurück. Dafür sollen sie jetzt mit fallenden Preisen auf die steigenden Zinsen reagieren.

Dass die langsam steigenden Zinsen die überschuldeten Kreditnehmer zunehmend in Bedrängnis bringen und in Zukunft dadurch noch mehr Kredite als heute schon notleidend werden können, wird ausgeblendet. Das Kreditausfallrisiko war während der Finanzkrise ein großes Thema. Heute ist angeblich alles anders.

Warten wir ab, ob es das tatsächlich ist. Wenn die Zeiten nicht anders sind und Kredite bald wieder Teufelszeug sind, könnten die Edelmetalle in den kommenden Jahren eine Entwicklung hinlegen, die selbst die rasante Preisrallye der Kryptowährungen in 2017 ziemlich alt aussehen lässt. Denn wie die Bitcoins sind auch Gold und Silber nicht beliebig vermehrbar. Aber anders als diese stellen sie einen echten Wert dar und nicht nur eine Kombination von Nullen und Einsen auf einem Computer.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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