Eine erneute Umverteilung des Reichtums steht an

Bernd Heim
By Bernd Heim / 15. Dezember 2017

Ray Dalio ist Milliardär und Gründer des Hedgefonds Bridgewater Associates. Als solcher hat er einen scharfen Blick nicht nur auf die US-Wirtschaft, sondern auch auf wirtschaftliche Trends und die menschliche Natur. Hin und wieder lässt er die breite Öffentlichkeit an seinen Gedanken teilhaben.

So wurde beispielsweise im Oktober/November bekannt, dass sein Fonds, der zuvor nicht im Gold investiert war, große Positionen in den großen mit physischem Gold hinterlegten ETFs aufgebaut hat. Ray Dalio wurde auch nicht müde, Privatinvestoren in Interviews zu einem Grundbestand an Gold und Silber zu raten.

Der überraschende Schwenk hin zum Gold soll heute nicht unser Thema sein, doch er könnte ebenfalls mit einer Beobachtung im Zusammenhang stehen, die Ray Dalio kürzlich in Interviews und Artikeln publik machte. Provozierend gab er zu bedenken, dass es ein schwerwiegender Fehler sei zu glauben, man könne „die“ Wirtschaft analysieren oder verstehen, weil es jetzt zwei davon gibt.

Was er mit dieser im ersten Moment verstörenden These meint, ist Folgendes: Der Reichtum und das Einkommensniveau sind in den USA zwischen der Ober- und der Unterschicht so verzerrt, dass es den durchschnittlichen Indikatoren nicht mehr gelingt, die Erfahrung und die Lebensbedingungen des Durchschnittsamerikaners angemessen widerzuspiegeln.

Zwei Wirklichkeiten in ein und demselben Land

Wer als Anleger versucht, das große Bild zu erkennen und zu verstehen, der wird durch diese Tatsache getäuscht, denn es gibt nicht mehr „die“ amerikanische Wirklichkeit, sondern es gibt die Wirklichkeit der oberen und die Wirklichkeit der unteren Schichten. Ray Dalio zieht die Trennlinie nicht exakt in der Mitte, sondern er trennt die oberen Top 40 Prozent von den unteren 60 Prozent.

Der Schnitt ist gar nicht so willkürlich, wie er im ersten Moment erscheinen mag und er deckt einen Riss innerhalb der amerikanischen Gesellschaft auf, der bereits heute nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die politischen Trends beeinflusst. Ray Dalio quantifiziert seine Beobachtungen mit einigen überraschenden Zahlen. Hier nur eine kleine Auswahl:

Der durchschnittliche US-Haushalt in den oberen 40 Prozent verdient heute viermal mehr als der durchschnittliche Haushalt in den unteren 60 Prozent. Das war nicht immer so. Ein Grund für diese in entgegengesetzte Richtungen laufende Entwicklung ist die Beobachtung, dass die Realeinkommen für die unteren 60 Prozent seit 1980 entweder konstant geblieben sind oder sogar leicht rückläufig waren.

Im Jahr 1980 hatte der durchschnittliche Top 40-Prozent-Haushalt sechsmal mehr Wohlstand als der durchschnittliche untere 60-Prozent-Haushalt. Jetzt ist es zehnmal so viel. Eingeflossen in diese Berechnung sind nicht nur die klassischen Größen wie Einkommen und Vermögen. Auch die Auswirkungen von Steuern, Steuergutschriften und staatlichen Leistungen auf das Haushaltseinkommen wurden berücksichtigt.

Den Reichen wird seit 1980 ständig gegeben

Das traurige Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass nur etwa ein Drittel der untersten 60 Prozent in der Lage ist, aus ihrem Einkommen Ersparnisse zu bilden. Doch nicht nur das. Ray Dalios Zahlen belegen, dass sich die beiden Bevölkerungsgruppen seit 1980 beständig auseinander bewegen und die Unterschiede stark wachsen. Nicht nur in absoluten Zahlen werden die Reichen immer reicher, während der ärmere Rest nicht nachkommt. Auch bei den prozentualen Veränderungen ist seit 1980 ein wachsender Unterschied zwischen beiden Bevölkerungsgruppen zu beobachten.

Die Spitze der Gesellschaft sah ihr Haushaltsnettoeinkommen nach Steuern fast dreimal schneller wachsen als die untersten 60 Prozent. Diese Beobachtung gilt sogar für die staatlichen Transferzahlungen. Während in den 1980er Jahren die Einkommen der mittleren 40-60 Prozent noch schneller wuchsen als die der unteren 20-40 Prozent, wachsen seit den frühen 1990er Jahren nur noch die Haushaltseinkommen der untersten 20 Prozent.

Mit anderen Worten: Es ist gerade die Mitte der amerikanischen Gesellschaft, die derzeit den Anschluss verliert. Ihr Haushaltseinkommen steigt prozentual nicht nur weniger als das der oberen 40 Prozent, sondern auch geringer als die Einkommen am untersten Rand der Gesellschaft. Diese gefährliche Entwicklung begann 2005 und beschleunigte sich während und nach der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Vor diesem Hintergrund werden die dramatischen Veränderungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft, die sich beispielsweise in der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten sehr gut widerspiegeln, nicht nur verständlich. Es ist auch zu erwarten, dass dieser neue Trend sich nicht umkehren wird, solange die ihm zugrundeliegende wirtschaftliche Entwicklung keine nennenswerte Veränderung erfährt.

Die Flut hebt alle Boote

Man hat in den letzten drei Jahrzehnten geglaubt, dass die Flut alle Boote heben werde, sprich der Wohlstand und die technischen Errungenschaften allen Menschen im Land zugutekommen. Diese Annahme war jedoch nur zu Hälfte richtig. Es wurden zwar alle Boote angehoben, doch nicht alle im gleichen Tempo. Viele Boote haben zudem Löcher bekommen und nehmen Wasser auf.

Nach Ray Dalios Ansicht sind die USA jetzt nahe dem Punkt, an dem die Einkommens- und Vermögensunterschiede zu groß sind, als dass sie noch ignoriert werden könnten. Weil sich die Menschen vorwiegend mit jenen vergleichen, die mehr haben als sie selbst, können auch die erreichten Verbesserungen den mittleren und unteren Teil der Gesellschaft nicht zufriedenstellen, wenn diese gleichzeitig bemerken, dass der eigene Abstand zur Spitze der Gesellschaft beständig wächst.

Die reichsten 0,1 Prozent der Amerikaner haben seit den 1980er Jahren ihren Anteil am Reichtum des Landes beständig erhöht. Gleichzeitig haben die unteren 90 Prozent konstant an Boden verloren. Vollkommen neu ist diese Entwicklung nicht. In den 1920er Jahren sahen wir ein ähnliches Muster, das sich im folgenden Jahrzehnt dramatisch umkehrte. Anschließend gab es eine fast 50-jährige Periode, in der die Massen an Wohlstand gewannen, während die Wohlhabenden an Boden verloren.

Für Ray Dalio ist es kein Zufall, dass sich der Populismus sowohl in den 1920er und 1930er Jahren als auch in den 2010er Jahren als politische Kraft etabliert hat. Das Ergebnis lässt sich auch an den US-Präsidentenwahlen ablesen. Der Demokrat Franklin Delano Roosevelt und der Republikaner Donald Trump sind sehr unterschiedliche Präsidenten, aber beide sprechen nach Ray Dalio die verärgerten Wähler ihrer Zeit an.

Stehen wir kurz vor einem Generations-Reset?

Die Goldenen 20er endeten 1929 mit dem Börsencrash, dem die Weltwirtschaftskrise, die in den USA Große Depression genannt wird, folgte. Zur gleichen Zeit erreichten auch die Vermögen und Einkommen der reichsten Amerikaner ihren Höhepunkt. Ein Teil ihres Reichtums ging durch den Absturz der Aktienkurse verloren. Bis heute konnte der Rückgang nicht vollständig ausgeglichen werden, aber der Moment, in dem der Zustand von 1929 wieder erreicht ist, ist nicht mehr fern.

Die Frage ist, was folgt danach. Geht der Anstieg ungebremst weiter oder sehen wir wie in den 1930er Jahren eine deutliche Wende? Damals wurden die notwendigen Veränderungen zunächst durch die Große Depression und anschließend durch den Zweiten Weltkrieg erzwungen. Ein Generations-Reset, der den Reichtum erneut nach unten zu den unteren 60 Prozent umverteilt, scheint heute wieder im Bereich des Möglichen zu sein.

Die Veränderungen müssen nicht notwendigerweise so kriegerisch verlaufen wie in den 1940er Jahren, doch es könnte sich wieder eine Wende einstellen, die Neil Howe als die „Vierte Wende“ bezeichnet und rund alle 80 Jahre erwartet. Ray Dalios Daten passen sehr gut zu dieser Theorie, die, wenn sie sich als zutreffend erweisen sollte, unruhige Zeiten erwarten lässt, denn seit fast 500 Jahren zählte die letzte Hälfte der vierten Wende immer zu den turbulentesten Zeiten der angelsächsischen Geschichte.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Die Informationen auf 7vor8.de sind für Sie kostenlos. Trotzdem: Jeder Artikel basiert auf einer gründlichen Recherche und verursacht eine Menge Aufwand. Deshalb meine Bitte an Sie: Teilen Sie diese Kolumne mit Ihren Freunden und Bekannten, wenn Sie möchten, dass auch Ihr persönliches Umfeld von diesen wertvollen Informationen profitiert.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: