Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Das Schweigen der Bären auch?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 18. Dezember 2017

Es ist Mitte Dezember, Weihnachten steht unmittelbar vor der Tür und das Jahr 2017 ist auf der Schlussgeraden angekommen. Für die meisten Investoren war es ein gutes Jahr. Krisen gab es keine, nicht einmal Korrekturen, die diese Bezeichnung wirklich verdienen. Jeder noch so kleine Rückgang war eine Kaufgelegenheit. Wer sie nicht genutzt hat, muss sich heute beschämt abwenden und als ein Versager fühlen.

Die ganze Anlegerschar ist durch und durch bullisch. Was soll man nach zwei Jahren, in denen nichts, aber auch wirklich nichts die Preise dauerhaft deckeln konnte, schon anderes sein? Hohe Bewertungen, Divergenzen in den Indikatoren, politische Krisen, Naturkatastrophen, eine Verlangsamung des Kreditwachstums, hohe Immobilienpreise und eine extreme Verschuldung, es war und ist alles egal. Nein, falsch, es war und ist den Anlegern alles vollkommen egal.      

Entsprechend optimistisch sind nun auch die Prognosen, die für das kommende Jahr in diesen Tagen unter das Börsenvolk gestreut werden. Wer sich als Analyst nicht der Lächerlichkeit preisgeben will, der muss auf weiter steigende Kurse setzen. Alles andere bringt nur Spott und Hohn ein und den kann gerade zum bevorstehenden Fest der Liebe nun wirklich keiner gebrauchen.

Das haben auch die Analysten von Goldman Sachs erkannt und kapituliert. Vor gut zwölf Monaten erwarteten sie ein schlechtes Börsenjahr und warnten. Sie hatten gute Gründe dies zu tun. Heute stehen sie dennoch als die begossenen Pudel da und es liegt auf der Hand, dass der Wunsch, ein derartiges Desaster noch einmal zu erleben nicht sehr stark ausgeprägt ist.

Wenn nun auch Goldman Sachs auf ein positives Börsenjahr setzt, kann 2018 nur besser werden. Oder nicht?

Die Analysten von Goldman Sachs haben antizipiert, dass es keine Korrekturen mehr gibt und die Märkte allen widrigen Argumenten und Beobachtungen zum Trotz immer weiter nach oben driften. Wenn es nichts gibt, dass sie noch aufhalten kann, dann wird sie auch nichts aufhalten. Was nichts anderes bedeuten kann, als dass wir auch im kommenden Jahr weiter steigende Kurse sehen werden.

Nein, sehen müssen, denn es gibt keine Verkäufer mehr. Über Jahrzehnte waren die Märkte ein Spiegelbild des beständigen Ringens zwischen Käufern und Verkäufern. Was sie auszeichnete, war dieses wilde, manchmal vollkommen unverständliche und bisweilen irrationale Hin und Her, das sich ergab, wenn Käufer und Verkäufer ihre Macht und ihre Argumente in die Waagschale warfen.

Korrekturen waren mal ein ganz normales Mittel der Preisfindung. Heute sind alle überrascht und fragen verängstigt, was los ist, wenn der DAX oder der Dow Jones zur Eröffnung mal 100 Punkte abgeben. Die Irritationen sind verständlich, wenn man bedenkt, dass auf unseren heutigen Märkten nicht mehr viel passiert. Die Volatilität ist extrem niedrig und am Ende der meisten Handelstage stehen die Kurse höher als noch am Vortag. So langweilig und vor allem so berechenbar kann Börse sein.

Selbst das volatile Gold, das in der Vergangenheit an manchen Tagen um bis zu 50 US-Dollar je Feinunze schwankte, ist zur Ruhe gekommen. Im November betrug die tägliche Schwankungsbreite nur noch acht Dollar. Hektik und starke Bewegungen gibt es anscheinend nur noch bei den Bitcoins. Aber auch dort geht der übergeordnete Trend allen Korrekturen zum Trotz immer noch aufwärts.

Buy the dips! Forever?

Wenn es ein Charakteristikum des Jahres 2017 gibt, dann dieses: Kursrückgänge und mögen sie noch so klein sein wurden schnell wieder gekauft. Vielleicht können Sie sich noch an den 20. November erinnern. Ich weiß, das ist lange her. Aber an diesem Montagmorgen mussten die Börsen auf die gescheiterten Koalitionsverhandlungen in Berlin reagieren. Es gibt keine Jamaikakoalition war die Botschaft des Tages.

Der deutsche Aktienindex reagierte zunächst verschnupft. Er stand eine Stunde und 16 Minuten im Minus, dann war die Regierungskrise im Land abgehakt und die Anleger konzentrierten sich wieder auf das, was sie anscheinend am besten können: Aktien auch dann kaufen, auch wenn es gar keinen Grund dazu gibt.

Das Fieber hat inzwischen alle ergriffen. Die Privatanleger sind bullisch und kaufen sich auf hohem Niveau weiter ein, die Fonds sind es schon lange. Ihre Barquoten sind auf einem – früher hätte man gesagt – gefährlich niedrigen Niveau angekommen. Heute muss es wohl eher heißen, ihre Barbestände wurden der Tatsache angepasst, dass die Börse langfristig nur steigen kann.

Auch die Zentralbanken sind optimistisch und kaufen. Wer will es ihnen verdenken? Sie drucken ja das ganze Geld, mit dem die wunderbare Party gesponsert wird. Die Notenbanken kaufen nicht nur Anleihen, um die Zinsen tief zu halten, sondern auch Aktien. Die Bank of Japan befeuert mit ihren Käufen den Nikkei und die Schweizer Nationalbank ist Großaktionär bei Apple und anderen Schwergewichten aus dem NASDAQ 100.

Die Märkte können unmöglich untergehen. Es gibt kein Risiko. Jeder ist bullisch. Deshalb: Trete der Party bei!

So kaufen alle wild entschlossen immer mehr Aktien, von denen es von Tag zu Tag weniger gibt, denn auch die Unternehmen kaufen ihre eigenen Aktien in einer Hast zurück, die den Eindruck erweckt, als hätten sie beim Börsengang einen gravierenden Fehler gemacht. Schaut man auf dieses Treiben, bekommt man nicht den Eindruck, als könne es noch irgendetwas geben, dass dieses globale Kaufprogramm ändern könnte.

Es ist klar, dass die Preise steigen müssen, wenn sich alle auf das gleiche, immer kleiner werdende Aktienuniversum stürzen. Ein Abwärtsrisiko ist nicht zu erkennen, oder sehen Sie eines? Ich frage mich nur, was passiert, wenn die Ersten mal auf die Idee kommen, die Party zu verlassen und Kasse zu machen?

Nicht auszudenken, was passiert, wenn ihr schlechtes Beispiel plötzlich Schule machen sollte.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Die Informationen auf 7vor8.de sind für Sie kostenlos. Trotzdem: Jeder Artikel basiert auf einer gründlichen Recherche und verursacht eine Menge Aufwand. Deshalb meine Bitte an Sie: Teilen Sie diese Kolumne mit Ihren Freunden und Bekannten, wenn Sie möchten, dass auch Ihr persönliches Umfeld von diesen wertvollen Informationen profitiert.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: