Schwellenländer: Die nächste große Schuldenkrise zeichnet sich ab

Die Jagd nach höheren Zinsen hat die Anleger in den letzten Jahren zunehmend Anleihen aus den Schwellen- und Entwicklungsländern kaufen lassen. Insbesondere solche, die sie unter normalen Umständen nie angefasst hätten. Die Konsequenzen dieser Renditenot sind noch nicht allzu gravierend, weder für die Verkäufer noch die Käufer dieser Anleihen. Sie können es aber schon bald werden.

Wenn von den Schwellen- und Entwicklungsländern die Rede ist, dann denken viele, wenn nicht gar die meisten Investoren zunächst an die BRIC-Staaten, Brasilien, China, Indien und Russland. Sie sind in ihrer Entwicklung schon weit fortgeschritten, verfügen über eine aufstrebende Industrie oder zahlreiche Rohstoffe und bergen damit aus Sicht der Anleger nur ein überschaubares Risiko.

Ganz anders stellt sich die Lage dar, wenn der Blick von den BRIC-Staaten oder den asiatischen Tiger-Staaten auf die Länder in Afrika gerichtet wird, besonders jene südlich der Sahara. Erfolgreiche Reformen, stabile Währungen und ein robustes Wirtschaftswachstum, sucht man auch hier als Investor sehr oft, findet sie aber nur selten.

Wesentlich häufiger anzutreffen sind eine schwach strukturierte Wirtschaft, eine schlecht ausgebaute Infrastruktur, eine lähmende Korruption und eine Verschuldung in Rekordhöhe. Es müssen noch nicht einmal bürgerkriegsähnliche politische Zustände dazukommen, um den dort investierten Anlegern den Schlaf zu rauben. Die Lage ist auch ohne politische Komplikationen äußerst gespannt.

Rendite um jeden Preis

Gestört hat das die Anleger bislang wenig. Sie schienen sich auch eines besonders guten und tiefen Schlafs zu erfreuen. Weil die Anleihen der meisten Industriestaaten inzwischen nur noch negative Renditen abwerfen, griffen sie bei den Staatsanleihen der hoffnungsvollen Entwicklungsländer gerne zu, denn hier gab es zwar auch nur noch geringe Zinsen, aber immerhin positive.

Auf den Hunger der Anleger reagierten die Schuldenmanager der Schwellenländer mit einer verstärkten Ausgabe von Staatsanleihen. Es ergab sich eine klassische Win-win-Situation. Die Renditenot der einen wandelte sich in einen Geldsegen für die anderen. Allein im vergangenen Jahr haben die Schwellen- und Entwicklungsländer Anleihen mit einem Volumen von 133 Milliarden US-Dollar emittiert.

Es spricht viel dafür, dass dieser Rekordwert im laufenden Jahr noch einmal deutlich übertroffen wird. Erkauft werden die attraktiven Renditeaufschläge, die es für diese Anleihen noch gibt, mit einer niedrigen Kreditwürdigkeit. Rund 40 Prozent der Anleihen werden von den Ratingagenturen mit einer Note ‚BB+‘ oder schlechter eingestuft.

Im Klartext heißt das, viele diese Kredite werden nur als Junkbonds, also als Schrottanleihen, eingestuft. Sie gehören damit eigentlich zu den Bereichen, in die westliche Fondsmanager normalerweise nicht investieren. Viele Anleger, die ihr Geld konservativ in Anleihen investiert glauben, wissen also gar nicht, dass sie über die Fonds, die sie halten, Gläubiger von so soliden Staaten wie Nigeria, dem Senegal oder Kenia sind.

Eine Schuldenfalle droht

Man kann es den Subsahara-Staaten nicht verdenken, dass sie die Chance beim Schopf ergriffen haben und trotz ihrer schlechten Kreditwürdigkeit den Zugang zu den internationalen Bondmärkten aktiv für sich genutzt haben. Nie zuvor waren die Konditionen für eine Fremdfinanzierung so günstig. Die Subsahara-Staaten weisen deshalb heute den höchsten Verschuldungsgrad seit 2005 auf.

Positiv ist, dass die Zinslast für die Länder, die ohnehin schwer an ihren Schulden zu tragen haben, heute deutlich niedriger ist als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Sie gewinnen durch den Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten auch eine neue, bislang nicht gekannte Unabhängigkeit gegenüber ihren klassischen Geldgebern, wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank oder anderen ausländischen Staaten, die mit den vergebenen Krediten auch immer eine politische Einflussnahme verbinden.

Die Kehrseite dieser Entwicklung ist, dass die Wirtschaft dieser Staaten nicht robust und ihr Schuldenmanagement nicht nachhaltig ist. Hinzu kommt, dass die niedrigen Zinsen viele Länder dazu verleitet haben, sich höher zu verschulden. Obwohl die Zinsen so niedrig sind wie nie zuvor, sind die Finanzierungskosten für die afrikanischen Staaten südlich der Sahara auf den höchsten Stand seit 2001 geklettert.

Man braucht kein großer Prophet zu sein, um zu erkennen, dass sich hier eine neue Schuldenkrise anbahnt. Es ist nicht davon auszugehen, dass die aufgenommenen Kredite am Ende der Laufzeit zurückgezahlt werden können. Sie werden also mit hoher Wahrscheinlichkeit nur refinanziert werden. Sollte diese Refinanzierung jedoch bei steigenden Zinsen stattfinden, wird die gestiegene Schuldenhöhe sofort zu einem Problem.

Ein klassischer Flaschenhals

Der IWF hat bereits gewarnt. Er weiß genau, dass die Verlockung, weitere Schulden aufzunehmen, für die Länder mit schwacher Bonität sehr groß sein wird, wenn die günstigen Finanzierungskonditionen ihnen noch eine Zeit lang erhalten bleiben. Setzt sich die Entwicklung der letzten Jahre auch in den beiden kommenden Jahren fort, ist nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds ein böses Ende unvermeidbar.

Wenn es so kommt, wird das böse Erwachen alle Beteiligten treffen, die Gläubiger wie die Kreditnehmer. Letztere werden bei steigenden Zinsen unter den immer höheren Zinslasten leiden. Ob sie diese hohen Zinslasten dauerhaft werden tragen können, ist eine Frage, die nicht in jedem Fall mit ‚Ja‘ zu beantworten ist.

Aber auch die Gläubiger gehen ein hohes Risiko ein. Anleihen aus den Schwellen- und Entwicklungsländern sind normalerweise an den Finanzmärkten eher illiquide. Lässt die aktuell noch zu beobachtende Beliebtheit dieser Obligationen eines Tages nach, wird es schwer werden, sich schnell und vor allem zu annehmbaren Kursen von diesen Anleihen zu trennen.

Krachende Kursverluste werden dann unvermeidbar sein und sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit, die höheren Zinsen, an denen sich die Anleger jetzt noch erfreuen, weit in den Schatten stellen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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